Karpathos & Rhodos 2001 - Tag 11

Mittwoch - 11. Reisetag

Endlich! Endlich sitzen wir wieder auf unseren Rädern. Wanderschuhe und Rucksack haben wir heute Morgen unserem Hotelbesitzer übergeben. In der vergangenen Woche hat er sich beim Aufbewahren unserer Räder und Fahrradtaschen glänzend bewährt.
Unsere Route soll über das Schmetterlingstal führen. Da geht’s wieder am Flughafen vorbei, heute mit dem Rad zum zweiten, in einer knappen Woche zum dritten Mal. Gestern fuhren wir die Stre-cke mit dem Taxi. Sie bietet uns wenig Neues und gehört sicherlich nicht zu den Attraktionen der Insel.
Trotzdem, Fahrradfahren ist toll. Erstaunlich ist, dass wir die Temperaturen auf dem Rad anders empfinden als beim Wandern. Wie hatte Leo unter der Herbstsonne auf Karpathos gelitten und gestöhnt. Ich musste ihm, nicht nur aus psychologischen Gründen, Recht geben. So heiß wie auf Karpathos habe ich Griechenland in dieser Jahreszeit weder auf dem Peloponnes noch auf Kreta empfunden. Mir machte es nicht viel aus, aber ab 10.30 Uhr wurde es beim Wandern ganz schön heiß.
Heute herrscht hier die gleiche Hitze. Wir sind nicht die Schnellsten, aber der Fahrtwind reicht aus, um uns abzukühlen und die Temperatur auch um 12 Uhr noch als angenehm zu empfinden. Das Gepäck hängt nicht mehr auf einem schweißdurchtränkten Hemd auf dem Rücken. Seine Last wird nur noch indirekt empfunden.
Noch ein Unterschied wird mir heute Morgen bewusst. Mit den schweren Rucksäcken auf dem Rücken sind wir als Wanderer bestimmt von manchen Griechen belächelt worden. Wir selbst fühlten uns jedoch großartig, hielten uns für kleine Abenteurer und hätten mit niemandem tauschen wollen.
Auf unseren Drahteseln fühlen wir uns kein bisschen schlechter. Im Gegenteil! Ich genieße es, durch die Ortschaften zu radeln, den Leuten bei ihren Beschäftigungen zuzuschauen und zu wissen, dass ich diese Woche noch frei bin und nach Herzenslust strampeln kann. Jetzt auf dem Fahrrad passiert man zahlreiche Dörfer und Städte. Je häufiger ich den Szenen des am Rande der Straße zuschaue, umso dankbarer bin ich für die Freiheit und Unabhängigkeit des Radlerdaseins.

Beim Radfahren fühle ich mich tatsächlich unabhängiger. Beim Wandern musste niemand reden, wenn er keine Lust dazu hatte. Man ging einfach ein Stück vor oder ließ sich zurückfallen. Doch die Gruppe war da. Ich fühlte mich in die Pflicht genommen. Hier auf dem Fahrrad radle ich im be-währten Rhythmus. Zunächst ein paar Kilometer neben Rudolf, dann verabschiede ich mich, lege einen Zwischenspurt ein, um nach 20 bis 30 Minuten an irgendeiner schönen Stelle auf ihn zu warten. Nach der Wiedervereinigung erzählen wir etwas und bald geht das gleiche Spiel wieder von vorne los.
Selbst auf der unattraktiven Strecke bis zum Flughafen genieße ich bewusst das Gefühl, wieder auf dem Rad zu sitzen. Hinterm Flughafen verlassen wir die Küstenstraße. Die Strecke wird bergig und grün. Wir stoßen ins Innere der Insel vor, zunächst bis zum Schmetterlingstal. Hier soll es im Hochsommer tausende von seltenen Schmetterlingen geben, die in der Saison von Zehntausenden von Touristen besichtigt werden. Die Schmetterlinge beginnen aus dem numerischen Missverhältnis die Konsequenzen zu ziehen und nisten mehr und mehr anderswo.
Wenn schon einmal ein touristisches Ziel am Wegrand liegt, neigt Rudolf dazu, dem allgemeinen Trend zu folgen. Ich befürchte also nicht zu Unrecht, dass ich eine Eintrittskarte kaufen muss, obwohl die Schmetterlinge im Herbst schon lange nicht mehr in ihrem Tal weilen. Wie freue ich mich über den kräftigen Holländer, der mit Fahrrad und nacktem Oberkörper auf dem unteren Parkplatz steht, und nach Kräften über die hohen Eintrittspreise und das Fehlen jeglicher Attraktio-nen klagt. Den Mann muss ich mir bis zum Eintreffen Rudolfs warm halten. Ich verwickle ihn in ein Gespräch. Als Rudolf ankommt und das Thema Besichtigung anschneidet, legt er - dem Himmel sei Dank - von neuem los. Und Rudolf lenkt ein. Dann müssten wir wohl weiter, meint er. Wenn er nicht wolle, schließe ich mich an, eine längere Pause am Strand sei mir auch lieber als Touristen-rummel um nichts.
Also, weiter hinein in die Berge! Einmal überquert die Straße das Schmetterlingstal. Es ist intensiv grün und wird von einem Wasser führenden Bach durchquert. Bis zu einer Höhe von 400 Metern geht es ins Gebirge. Hier wachsen hohe Bäume, die dem Radfahrer Schatten spenden. Die Abfahrt nach Psinthos ein Genuss!
Die Straße nach Arthipoli soll nur gut 10 km lang sein. Zunächst ist sie so beschaffen wie viele Sträßchen hier, geteert, oft ausgebessert und mit Schlaglöchern versehen. Kein Problem, wenn man die Augen offen hält!
Doch je weiter wir den Ort hinter uns lassen, umso mehr nötigt mich der desolate Zustand der Straße zu wahren Kunststücken beim Slalom fahren. Ich kann noch so langsam fahren und mich noch so bemühen, die Hindernisse zu umkurven, mein Rad wird durchgestoßen und geschüttelt. Als ich 20 bis 30 Meter auf halbwegs erhaltenem Asphalt das Rad rollen lassen kann, blockiert das Hinterrad. Was ist passiert? Das Schutzblech scheint seinen Geist aufgegeben zu haben! Beide Haltestangen sind abgerissen, das Schutzblech hat sich selbständig gemacht und ist zwischen Reifen und Hinterradgabel gerutscht.
Ich befreie das gute Stück, befestige es notdürftig mit einem Draht und fahre weiter. Das Provisori-um hält keine 5 Minuten dann blockiert das Rad erneut.
Die Stunde des Abschieds ist gekommen. Regen befürchte ich ohnehin nicht mehr. Also weg damit! Entsorgungsprobleme gibt es in Griechenland nicht. Der Straßenrand ist die Müllkippe. Hier liegt so viel Gerümpel, dass das unbrauchbare Blechstück auch nicht mehr auffällt.
Vor 15 Minuten sausten wir noch mit 50 bis 60 Stundenkilometern bergab. Wenn mein Hinterrad zu diesem Zeitpunkt blockiert hätte!
Die Straße verwandelt sich jetzt vollends in eine Schotterpiste. Gelegentlich erinnern schmale 10 bis 20 Meter lange Streifen aus Asphalt daran, dass sie schon mal bessere Zeiten gesehen hat.
Von Rudolf ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Er nutzt die Qualitäten seines robusten Touren-rades, um diesmal mir davonzufahren. Einmal darf er der Erste sein! Für die zehn Kilometer brau-che ich mehr als eine Stunde. In Arthipoli schleckt Rudolf in einer Eisdiele genüsslich an einem Eisbecher. Keine schlechte Idee. Nachdem ich eine Flasche gegen den Durst getrunken habe, bestelle ich auch einen.

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