Karpathos & Rhodos 2001 - Tag 12

Donnerstag - 12. Reisetag

Der Tag fängt gut an. Heute Morgen löst sich das Problem, Rudolf wie verabredet um 7.30 Uhr aus dem Bett zu scheuchen, von selbst. Ab Viertel nach Sieben redet unsere Wirtin vor unserem Fenster pausenlos. Die harte griechische Aussprache und ihre keifende Altweiberstimme vergällen Rudolf die Lust daran, sich zu rekeln und zu strecken und meine Mahnungen, endlich den Kontakt mit der Matratze zu lösen, in den Wind zu schlagen. Die Alte müsste ich zum Wecken abbonieren.
Nachdem es mir gestern gelungen war, einer Besichtigung des Schmetterlingtals zu entgehen, kennt Rudolf heute Morgen kein Pardon. Der Gang zur Akropolis, die recht ansehnlich über dem hüb-schen kleinen Städtchen thront, ist obligatorisch.
Vorher wird gefrühstückt, englisch natürlich, mit allem Schnickschnack, mit Spiegeleiern und Schinken, mit Bohnen und Würstchen. Letztere sind nicht unbedingt unserer Geschmack, aber unser Kallorienbedarf ist grenzenlos. 2000 Drachmen sollte es kosten. Weil der Preis für griechische Verhältnisse recht hoch ist, hatte ich mir beim Wirt versichern lassen, dass auch eine zweite Tassen Kaffee im Preis inbegriffen sei.
Beim Bezahlen verlangt der Wirt plötzlich 4400 Drachmen. Für die beiden Tassen Neskaffee müssten die 400 Drachmen zusätzlich bezahlt werden. Ich rolle unser Gespräch von vorhin noch einmal auf. Obwohl er gut englisch spricht, kann er sich an nichts mehr entsinnen.
Warum vergrault er sich mit solchen Mätzchen die Kundschaft? Uns sieht man nicht an, dass wir heute Morgen Lindos verlassen! Die Geschäftsmanieren sind mir unbegreiflich. Dann bekommt halt der Kellner kein Trinkgeld. Sollte so etwas öfter vorkommen, wird der wissen, bei wem er sich bedanken darf.
Hinauf zur Akropolis! Der Weg nach oben und die Aussicht über die Dächer der Stadt und die Buchten wären die Anstrengung des Aufstiegs wert, wenn dieser gut gepflasterte Pfad nicht hoff-nungslos überlaufen wäre. Es gibt nur ein Tempo, in dem man hochkommt. Es ist das des Vorder-manns. Die Staus und das Stopp und Go erwecken heimatliche Gefühle. Sie erinnern an die gute alte deutsche Autobahn.
Irgendwann ist man am Ziel. Die Akropolis ist eine vom Johanniterorden erbaute, gut erhaltene Befestigungsanlage, in der sich die Ruinen einer antiken Tempelanlage befinden, die im Mittelalter als Steinbruch diente. Die Ritter bedienten sich reichlich. Was von der antiken Architektur übrig geblieben ist bzw. restauriert wurde, erlaubt kaum eine Vorstellung der antiken Herrlichkeiten. Wer ein plastisches Bild der Gesamtanlage haben will, kann sich das Modell einer Rekonstruktion ansehen.
Mir reicht’s. Ich sage Rudolf Bescheid, dass ich am Ausgang warte. Nach wenigen Minuten er-scheint er. Wird er etwa auch das Durcheinander von Steinen leid? Auf dieser Fahrt gibt es keine Gelegenheit mehr, sein Interesse am Altertum auf die Probe zu stellen.
Es ist 11.30 Uhr, als wir endlich wieder auf den Rädern sitzen. Auch ohne Besichtigungen brachen wir früher schon ähnlich spät auf. Auf der Straße Richtung Lardos radeln wir durch die Außenbezir-ke von Pefki, einem einladenden Ort, in dem zwar viel, aber anscheinend planvoll gebaut wurde. Kein Haus ist höher als zwei Stockwerke, die meisten sind von großen gepflegten Grundstücken umgeben, und es gibt keine Streusiedlungen, wie wir sie z.B. in Amopi oder Lefkos auf Karpathos zur Genüge kennen lernen durften.
Hinter Lardos verabschiedet sich der Tourismus. Auf mäßig interessanter, manchmal schnurgerader Straße geht es über Gennadio entlang der Küste nach Lahania. Den 3 km landeinwärts gelegenen Ort müssen wir unbedingt besuchen. Das Dörfchen wurde in den letzten Jahren, wie unser Reisefüh-rer berichtet, zum Sommerziel für Intellektuelle aus ganz Europa. Da dürfen wir nicht fehlen. Außerdem befindet sich im unteren Dorfteil eine „wunderschöne, schattige Platia“, „wahrscheinlich die romantischste Dorfplatia von ganz Rhodos“.
Wie das mit solchen Superlativen so ist. Der Dorfplatz ist tatsächlich schattig. Er wurde zur Gar-tenwirtschaft umfunktioniert. An den Tischen sitzen nur Deutsche. Wahrscheinlich findet die Idylle in anderssprachigen Reiseführern keine Erwähnung. Wenn ich bedenke, dass wir extra 4 Kilometer in der glühenden Mittagssonne hier herauf gestrampelt sind. Ob sich das gelohnt hat? Ein paar Kilometer weiter ist der Sand/Kies Strand von Plimiri. Der lohnt sich schon. Hier stört nur eine lange Betonmole. Das Meer haben wir fast für uns allein.
Die zehn Kilometer bis Kattavia werden noch einsamer. Hier am südlichen Ende der Insel fahren kaum noch Autos. Ein starker Wind bläst uns aus südwestlicher Richtung entgegen. Den müssten wir eigentlich im Rücken haben, denke ich, wenn sich ein paar Kilometer hinter Kattavia die Fahrtrichtung verändert. Pech gehabt. Apolakkia, unser Tagesziel, liegt zwar nordöstlich. Aber der Wind bläst trotzdem von vorn ins Gesicht.
Die einsame, wunderschöne Küstenlandschaft, die ihre Pracht im Lichte der allmählich untergehen-den Sonne entfaltet, entschädigt für die Launen des Windes.
Zur Belohnung gibt es ein sehr schönes Zimmer für 6000 Drachmen und direkt nach der Ankunft eine Flasche Mythos, gegen den ersten Durst.
Jeder, der bei unserem Wirt zum Abendessen bleibt, erhält „fruits“ und einen halben Liter Wein umsonst. Wer kann da widerstehen? „Fruits“ heißt ein Apfel pro Person. Der Wein ist ungenießbar, so dass ich mich sofort mit einem halben Liter Retzina eindecke. Rudolf, sonst ein Liebhaber der gepflegten Getränke, findet, dass ein Wein, der nichts kostet auch ein guter Wein sein kann, selbst wenn er scheußlich schmeckt. Wenn ich mich recht entsinne, trinkt er meinen halben Liter mit.
Aus einer Gruppe von Griechen kommt eine kurzhaarige Deutsche an unseren Tisch und fragt nach dem Woher und Wohin. Wir bitten sie sich zu uns zu setzen, später folgt ihr Mann vom Nachbar-tisch. Sie hat einiges zu erzählen. Seit 20 Jahren kommt sie mit ihrem Mann Jahr für Jahr jeweils mehrere Wochen in dieses untouristische Dorf. Sie wohnen bei verschiedenen Dorfbewohnern werden bewirtet und die Leute sähen es als eine Ehre an, wenn die Deutschen bei ihnen zu Gast wären. Die Leute würden sich förmlich um sie reißen. Sie halten sich eine Woche in dieser Familie auf, in der nächsten Woche bei jener, usw.
Natürlich hat das Verhältnis dieses Paares zu den Bewohnern von Apolakkia eine Vorgeschichte. Sie reicht in die Zeit des 2. Weltkrieges zurück. Damals war der Vater der Schwäbin, die in Tübin-gen wohnte, Chef der deutschen Besatzungstruppen. Er war wohl nicht der Prototyp des bösen Deutschen sondern, schenkt man seiner Tochter Glauben, so etwas wie der Engel von Apolakkia. Diese rechneten es ihm noch heute als großes Verdienst an, dass er die Italiener, die Rhodos ein paar Jahrzehnte besetzt hielten, vertrieb und sich in der Besatzungszeit für die Dorfbewohner einsetzte. Vor einigen Jahren hätte sie mit ihrem damals 70 jährigen Vater das Dorf besucht. Der Aufenthalt wäre eine Art Heldengedenkwoche geworden.
Apolakkia sei den beiden zur zweiten Heimat geworden. Ihr Mann würde wahrscheinlich im nächs-ten Jahr pensioniert. Die beiden überlegen ob sie nicht in diese Dörfchen auf Rhodos umsiedeln sollten. Sie töpfert und plant, ihre Werke im Sommer den Touristen anzubieten, die in den Gasthö-fen des Ortes zu Mittag essen.
Die beiden machen einen netten Eindruck. Trotzdem werde ich den Verdacht nicht los, dass die Gastfreundschaft der Dorfbewohner und die Rolle ihres Vaters im 2. Weltkrieg doch etwas naiv und blauäugig gesehen werden.
Wenn man Jahr für Jahr die Gastfreundschaft der Menschen hier in Anspruch nimmt, muss man denen auch etwas geben. Vielleicht haben sie uns nicht alles erzählt. Aber für mich ist es schwer vorstellbar, dass man 20 Jahre lang nur von den Früchten der guten Taten des Vaters zehrt. Noch verwunderlicher fand ich, dass die beiden unfähig waren, sich griechisch mit ihren Gastgebern zu unterhalten. Wenn man Jahr für Jahr in den Familien lebt und sogar die Absicht hat, sich hier niederzulassen, ist es eigentlich eine Selbstverständlichkeit, dass man sich auf den Hosenboden setzt und die Sprache lernt.
Die Rolle des Vaters, finde ich, wird total einseitig dargestellt. Er mag ja ein guter Mensch gewesen sein und sich für das Dorf engagiert haben. Aber, als er die italienischen Besatzungstruppen aus dem Dorf warf, ersetzte er diese schließlich nur durch neue, nämlich deutsche Besatzer, die an anderen Stellen schon tausende von griechischen Zivilisten umgebracht hatten.
Wie dem auch sei. Die Schwaben sind freundlich und ihnen verdanken wir einen abwechslungsreichen Abend.

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