Karpathos & Rhodos 2001 - Tag 2

Montag - 2. Reisetag

Eigentlich gibt es eine unumstößliche Tradition. Am ersten Tag nach der Anreise schwingen wir uns normalerweise auf die Drahtesel. Die einzige Ausnahme war Korsika. Da schüttete es am ersten Tag so, dass man keinen Hund vor die Tür jagen durfte.
In Rhodos scheint an diesem Montagmorgen die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Die beste Vorrausetzunge, das zu tun, was wir uns vorgenommen haben: eine Rundtour durch den gebirgigen Norden mit Start und Ziel in Rhodos Stadt. Denn am nächsten Morgen müssen wir ja um 10.40 Uhr nach Karpathos fliegen.
Aber so schnell schießen die Preußen nicht, zumal nicht, wenn Rudolf dabei ist. Das Hotel in der Neustadt, in dem wir geschlafen und gefrühstückt haben, ist alles andere als attraktiv. Und keines-falls billig. Trotzdem hätte ich es für eine Nacht nicht mehr gewechselt. Aber Rudolf ist fürs landes-typische Ambiente. Und das verspricht er sich in der Altstadt. Also Räder bepacken und los.
Hinter den Mauern der beeindruckenden Befestigungsanlage erwartet uns in den fast autofreien Gassen und Gässchen ein schickes Kopfsteinpflaster. Für meine hart aufgepumpten Reifen wie geschaffen! Ich überlebe die Misshandlung meines Gesäßes. Aber mein Hinterrad verliert Luft. Aufpumpen hilft gerade mal 200 bis 300 Meter, also schieben wir lieber. In den wunderschönen, aber sogar um diese Jahreszeit fast hoffnungslos überlaufenen Gassen der Altstadt ist das ohnehin die beste Fortbewegungsart. Der Betrieb hier ist der helle Wahnsinn. Schmuck- Pelz- und Lederwa-rengeschäfte sowie Restaurants gibt es in Hülle und Fülle.
In diesem Trubel sind Rudolf und ich ein Blickfang der besonderen Art. Rucksackreisende sind nichts Ungewöhnliches. Aber zwei alte Böcke mit dem Rucksack auf dem Buckel und dem Fotoap-parat vor dem Bauch, die ihre voll beladenen Drahtesel durch die Menge schieben, sind keineswegs alltäglich und sorgen beim umherziehenden Volk für eine gewisse Erheiterung.
Was ficht uns das an! Unbeirrt suchen wir unseren Weg durch das Labyrinth der Gassen. Wir biegen von der Sokratesstr., der Haupteinkaufsmeile, in eine Nebenstraße ab, biegen noch einmal ab und landen vor den Stadtmauern. Die Erfahrung wiederholt sich. Egal wie genau wir den Stadtplan studieren, wir kommen nie da an, wo wir hinwollen.
Irgendwie finden wir dann doch die Pension „Elefantos“. Aber ohne Dusche und Toilette? Nein Danke. In der Pension „Olympos“ will man uns nicht. Für einen Tag vermietet „George“, der Besitzer, nicht.
Das Hotel „Paris“ scheint genau das Richtige zu sein. Saubere Zimmer. ein schöner großer Hof mit Zitronen- und Orangenbäumen und schließlich nur ein paar Minuten zu Fuß bis zum Altstadtzent-rum. Das sagt uns zu, der Preis jedoch weniger. 13 000 Drachmen für ein einfaches Zimmer ohne Frühstück! Das ist mehr als das Doppelte von dem, was wir auf Kreta für vergleichbare Unterkünfte zahlten. Rudolf bietet 11 000 Drachmen. Ein freundlicher älterer Herr erklärt, er sei nicht der Besitzer und dürfe mit dem Preis nicht runtergehen.
Der Eigentümer lässt lange auf sich warten. Wir einigen uns schließlich auf 12 000 Drachmen. Berücksichtigt man, dass wir letztendlich viermal hier übernachteten, doch noch eine spürbare Ersparnis.
Sollten wir jetzt noch unsere Fahrradtour starten? Es ist fast schon Mittag. Zu Hause war wie gesagt ausgemacht, dass wir am ersten Tag den Norden rund um die Inselhauptstadt erkunden. Darauf könnte ich mich berufen. Aber eigentlich weiß ich gar nicht, ob ich heute tatsächlich in die Pedalen treten will. Es herrscht ausgesprochenes Badewetter, der belebte Strand lädt ein, die Altstadt ist zum Bummeln wie geschaffen; es wird keine Langeweile geben, wenn wir einen faulen Tag einlegen.
Diese Überlegungen spielen auch eine Rolle. Ausschlaggebend jedoch ist, dass ich keine Lust habe, den Platten zu flicken. Zu Hause versuchte ich wochenlang in Bonn und Köln die passende neue Bereifung für mein 27 Zoll Rad zu bekommen. Vergeblich. Den schnellen Platten führe ich auf die abgefahrenen Reifen zurück. Mit dem Problem will ich mich nicht schon vor der Wanderwoche auseinandersetzen.
Also frage ich Rudolf, ob wir nicht doch auf die Radtour verzichten sollten, es sei schon so spät.
Natürlich eine Scheinfrage. Mit Kusshand ergreift Rudolf jede kleinste Gelegenheit, erst einmal allmählich in die Gänge zu kommen. Erst bummeln, dann baden, abends flanieren und essen, morgen nach Karpathos und dann schau'n wir mal! Genau das ist der Rhythmus, der seinem Na-turell entspricht. Warum sollte er sich verstellen? Er zögert keinen Augenblick und entscheidet sich für den Verbleib in Rhodos-Stadt.
Ohne Heldentaten kommt ein Aktivist wie ich jedoch nicht aus! Vor dem Strand ragt ein betonierter Sprungturm mit einem Zweimeter- und einem Fünfmeterbrett aus dem Meer. Als Jugendlicher wagte ich einmal, dann aber nie wieder einen Kopfsprung vom Einmeterbrett. Hier bietet sich eine hervorragende Gelegenheit, meine persönliche Bestleistung zu übertreffen. Todesmutig springe ich aus der Höhe von 2 Metern in die Fluten. Meine Haltungsnoten wären hervorragend gewesen!
Um bei der Wahrheit zu bleiben, Rudolf ging mir mit gutem Beispiel voran. Ich durfte einfach nicht hinter ihm zurückstehen. So entdecke ich in mir nicht nur das Herz eines Kindes, sondern auch den guten, alten Kindskopf aus längs vergangenen Zeiten!
Richtig spannend wird es am Abend. Auf der Suche nach einem Restaurant kommen wir an einem Ikonengeschäft vorbei. Mit feinem Kunstsachverstand widmete sich Rudolf wie schon heute mor-gen der Betrachtung entkleideter Skulpturen griechischer Göttinnen und eben jenen landestypischen Heiligenbildchen in Blattgold.
Ein junger Grieche fragt uns, ob wir aus Deutschland kämen. Wir leugnen es nicht.
Ja, Moment, meint er, sein Chef sei auch Deutscher. Ihm gehöre auch das Lederbekleidungsgeschäft nebenan. Er rede gern mit Deutschen.
Warum nicht. Der Magen knurrt noch nicht. Gucken kostet nichts, Quatschen erst recht nicht.
Da kommt er. Ein gebürtiger Ostwestfale mit Berliner Schnauze, unser Alter, vielleicht noch verlebter als wir, auffälliges Goldkettchen, geschieden, zwei Kinder und schon fast ein halbes Leben als Leder- und Pelzhändler mit wechselndem Erfolg hier im Ort tätig. Er erzählt locker, charmant und unaufdringlich von den guten, alten Zeiten des Pelzhandels, als sich vor mehr als einem Jahr-zehnt Heerscharen von Deutschen, Österreichern und Schweizern ihre teuren Mäntel bei ihm Maßanfertigen ließen und wie er sie zollfrei über unbewachte Saumpfade in den Alpen zu seinen Kunden gebracht hätte. Er klagt über den Niedergang des Pelzhandels mit den Mitteleuropäern, über die neue Kundschaft aus Osteuropa und die Konkurrenz direkt vor der Haustür in Falaraki und Lindos.
Er macht keinerlei Anstalten, uns auch nur ein einziges Ausstellungsstück nahe zu bringen. Er betrachtet uns, so scheint es, nicht als potenzielle Kunden, sondern als Gesprächspartner.
Vielleicht ist diese Strategie das Geheimnis seines Erfolges. Während er munter weiterplaudert, sehe ich mir ein paar Lederjacken an. Ich versichere ihm, dass ich nur mal schauen wollte, ich sei mit zwei Jacken zu Hause im Kleiderschrank reichlich eingedeckt.
Macht nichts, meint unser Ostwestfale. Erst als ich danach frage, erklärt er, dass alles handgearbeitet sei. Ich probiere eine Jacke an und frage nach dem Preis.
800 DM, meint er, aber weil die Saison zu Ende ginge, würde er sie mir für 600 DM überlassen.
Nein, nein, wehre ich ab.
Jetzt schlägt Rudolfs Stunde. Er würde diese dunkelbraune, leicht glänzende Blousonjacke auch gerne anprobieren.
Sie steht ihm. Noch besser steht ihm die gleiche Jacke eine Nummer größer. Rudolf dreht und wendet sich. Er gehört zu denen, die sich schön finden. Jetzt ist er restlos begeistert von sich. Auch ich muss neidlos eingestehen: Wie immer man Rudolfs Aussehen als solches beurteilen mag, in diesem edlen Stück macht er etwas mehr her.
Der Inhaber wittert das Geschäft. Er bestellt seinen Schneidermeister, der vorschlägt, den Arm zu kürzen und etwas von der bauschigen Fülle der Ärmel wegzunehmen. Die Innentaschen könnten auch verändert werden, vielleicht wünsche der Herr, dass ein Reisverschluss eingenäht wird.
Man umtanzt Rudolf, umzierzt ihn. Er kann den feinen Herrn spielen und die Puppen tanzen lassen. Und dann geschieht das Unfassbare. Rudolf fragt noch einmal nach dem Preis.
600 DM, wiederholt der Meister.
Die Jacke nehme ich, sagt Rudolf.
Es ist geschehen. Unser mit allen Wassern gewaschener Verhandlungsprofi akzeptiert einen über-höhten Preis, ohne auch nur den Versuch gemacht zu haben, ihn um 100 oder 200 DM runterzuhan-deln. Unglaublich, würde Leo sagen. Und das in einem Milieu, in dem Handeln zum Geschäft gehört wie das Salz zur Suppe. Ich kann es nicht fassen. Noch am Morgen hatte Rudolf eine ge-schlagene halbe Stunde ausgeharrt, um den Preis für das Doppelzimmer um 1 000 Drachmen runterzuhandeln.
Nachdem er einen Betrag angezahlt hat und wir das Geschäft verlassen, fällt es ihm wie Schuppen von den Augen. Mindestens 200 DM hat er hier in den Wind geschlagen!
Walter, sagt er, ich habe noch nie eine Lederjacke gehabt. Das gute Stück hat mir so gut gefallen, da hat es bei mir ausgesetzt.
Um die Geschichte zu Ende zu erzählen. Das Geschäft wird so abgeschlossen, wie es vereinbart wurde. Am letzten Tag unseres Rhodosaufenthaltes holt Rudolf das gute Stück ab. Der Schneider hat die gewünschten Änderungen vorgenommen. Wir trinken Orangensaft und Ouzo, erzählen noch etwas und Rudolf füllt brav seinen Scheck aus.
An diesem Abend essen wir ein ausgezeichnetes Stifado bei „Yiannis“, planen den ersten Tag auf Karpathos und gehen früh schlafen.
Obwohl wir erst um 10.40 Uhr los fliegen, müssen wir schon um 8 Uhr auf den Beinen sein. In Griechenland läuft selten etwas nach Plan. Jetzt streiken die Busfahrer. Wir müssen uns darauf gefasst machen, mit dem Taxi zum Flughafen zu fahren. Heute Abend stand eine 100 Meter lange Schlange am zentralen Taxibahnhof. Das kann heiter werden.

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