Karpathos & Rhodos 2001 - Tag 3

Dienstag- 3. Reisetag

Alle Sorgen sind umsonst. Es fahren, wie wir hören, nicht alle Busse, aber der Linienbus zum Flughafen steht schon 20 Minuten vor der Abfahrt am Busbahnhof. Schnell noch Proviant und Getränke eingekauft und hinein in den Bus. Was man hat, das hat man.
Nachdem der Fahrer einige Pakete, vor allem ein paar Stapel mit Zeitungen und Zeitschriften in Empfang genommen (Er fungiert hier als Paketbote) und nachdem er ein paar knusprige, frisch riechende Brote, die von seine Frau heute morgen gebacken wurden, an einige Fahrgäste verkauft hat, startet er nahezu pünktlich.
40 Minuten später sind wir am Ziel, Paradisi Airport. Ausgeruht, wie wir sind, können wir heute Morgen diesen nüchternen Betonbau schon eher als Eingang zum Paradies ansehen. Vorgestern, am Ankunftstag, war kurz vor Mitternacht bei der Reparatur unserer Räder unsere Stimmung etwas anders gelagert.
Der Flug in der mit 19 Sitzplätzen ausgestatteten Fokker dauert nicht einmal eine Stunde. Die letzte Viertelstunde fliegen wir an der Westküste von Karpathos vorbei. Die schroffen steil zum Meer abfallenden Berge, die wenigen einsamen Buchten mit den kleinen Ansiedlungen, die Bergdörfer im Süden und Lefkos und Arkassa an der Südküste, all diese Ortschaften und Landschaften, mit denen ich mich bei der Planung schon beschäftigt habe, tauchen auf und verschwinden wieder. Das Flugzeug verliert über der flachen, öden Küstenebene an der Südspitze an Höhe setzt auf und rollt auf einem nahezu leeren Airport aus.
Das Flughafengebäude gleicht einem deutschen Provinzbahnhof. Der Kiosk schließt, nachdem eine Viertel Stunde nach Ankunft unserer Fokker alle Passagiere mit den paar Taxis, die draußen auf dem Vorplatz warteten, nach Pigadia gefahren sind. Ein Taxifahrer hofft, dass die letzten beiden Gestalten, die in der Mittagssonne vor dem Flughafengebäude einsam lunchen, seine Fahrgäste werden.
Aber Rudolf und ich tun ihm den Gefallen nicht. Wir sitzen da, blinzeln in den Himmel, essen und trinken und sind mutterseelenallein mit unserem Taxifahrer, der uns immer noch nicht abgeschrie-ben hat. „High Noon“. Lassen wir den Armen nicht länger im Ungewissen! Wir schnallen unsere Rucksäcke auf und marschieren am Taxi vorbei über die Asphaltstraße, die diese Einöde Richtung Pigadia durchschneidet. Ein paar Augenblicke später überholt uns der Taxifahrer, grußlos.
Unsere Wanderung auf Karpathos, die Durchquerung der Insel von Süden nach Norden, hat begon-nen. Es ist kurz vor 12 Uhr. In 3 Stunden wollen wir in der Bucht von Amopi sein, bis zum späten Nachmittag dort baden und dann mit dem Bus nach Pigadia.
Die erste halbe Stunde laufen wir über Asphalt, rechts und links am Meer und in den Hügeln sind ein paar Hotels und Pensionen. Hier im flachen Süden kann der Wind ungehindert vom Nordwesten über die Insel fegen. Deshalb entstand in den letzten Jahren das Insidern bekannte Surfrevier von Afiartis.
Wir merken nichts davon. Kein Segel auf dem Wasser, warum auch? Es weht nicht einmal eine leichte Briese.
Nach drei Kilometern biegen wir in einen Schotterweg ein, der uns zu einer kleinen Bucht mit ein paar Häusern führt. Auf der Karte in unserem Goldstadt Reiseführer ist ein Pfad bis zu den Buchten von Amopi eingezeichnet. Nach zehn Minuten hört der Schotterweg auf, ein zunächst gut sichtbarer Fußweg setzt sich später als kaum sichtbarer Pfad fort. Er ist durch Steinmännchen gekennzeichnet.
Rudolf, der mit Klaus und Leo eine Woche lang den Vinschgau durchwanderte, will zurück. Stein-männchenpfade kennt er nicht. Als erfahrener Griechenlandtrecker kläre ich ihn auf, dass sichtbare Steinmännchen in diesen Regionen eine komfortable Orientierungshilfe darstellen. Wie wertvoll sie sind, stellt Rudolf fest, als wir etwa 100 m über dem Meer mitten in der Einöde keine Steinmänn-chen, keinen Weg und keinen Steg mehr entdecken können. Eine große Bucht mit unbegehbarem Steilabfall gibt uns zu denken. Ich spiele den selbstbewussten Küstenwanderer, klettere bergan, um in weitem Bogen das Hindernis zu umgehen. Wir stoßen wieder auf eine Schotterstraße. Sie führt jedoch nicht in die gewünschte Richtung, sondern zur weiter landeinwärts verlaufenden Flughafen-straße.
Amopi auf Asphalt ansteuern? Niemals! Wir kapitulieren nie! Also weiter querfeldein, diesmal bergab nach Norden. Wir sind hoch genug, um den Steilabfall in gebührendem Abstand umgehen zu können.
Schließlich wird unser Mut belohnt. Bald wandern wir auf Schotterwegen. Die ersten Häuser von Amopi tauchen auf. Dann ein paar idyllische kleine Sandbuchten und schließlich der Hauptstrand mit herrlichem Sand und ein paar Tavernen, die wir als erstes ansteuern.
Auf Strandliegen lassen wir es uns gut gehen. Tausend Drachmen pro Person. Was soll´s, man gönnt sich ja sonst nichts. Das Wasser ist angenehm, ich halte mein Nickerchen. Nach dem Aufwa-chen habe meinen Spaß daran, ein bewährtes Spielchen mit Rudolf durchzuführen.
Eigentlich ist abgesprochen, mit dem Bus nach Pigadia zu fahren. Aber ich würde lieber entlang der Küste und dann über einen Bergrücken marschieren. Dazu wäre Rudolfs Zustimmung nötig. Die hole ich mir, indem ich ihn vor vollendete Tatsachen stelle.
Hinter uns ist die Bushaltestelle. Zwei Busse verlassen die Bucht. Rudolf, der Meister in der Kunst des Abschaltens, sieht sie, aber seine Reaktion ist gleich Null. Als sich der Strand gegen 16.30 Uhr fast vollkommen geleert hat, meint er, jetzt müssten wir aber mal gucken, wann der nächste Bus führe.
Wenn ich dem Wanderführer vertrauen würde, könnte ich ihm jetzt schon antworten. Der Gang zur Bushaltestelle bestätigt es: morgen früh um 12 Uhr. Da wir heute Abend mit Klaus und Leo in Pigadia verabredet sind, heißt das: auf Schusters Rappen zur Inselhauptstadt. Mir tut es sehr leid, dass Rudolf auf die abendliche Busfahrt verzichten muss.
Unser Wiedersehen gestaltet sich schwieriger als erwartet. Wenn wir nicht im Zeitalter des Handys lebten, wer weiß, ob uns an diesem Abend noch das Glück zuteil geworden wäre, unsere frisch eingeflogenen Freunde leibhaftig an die Brust drücken zu können.
Leo und Klaus sollten gegen 19 Uhr auf Karpathos landen. Wir gingen davon aus, dass sie frühes-tens gegen 20.30 Uhr in Pigadia essen gehen könnten. Vorausgesetzt, das Flugzeug würde pünktlich sein.
So hatten wir zwei Verabredungen getroffen. Wir wollten im Hotel „Oceanis“ übernachten und im Restaurant „To Fengari“ essen. Das Hotel fanden beide Pärchen, das Restaurant suchten Rudolf und ich vergeblich. Jemand beschrieb uns den Weg, aber „To Fengari“ war nicht zu finden. Also setzten wir uns in ein Restaurant an der Strandpromenade. Selbst wenn die Verständigung mit dem Handy nicht klappen würde, zwei markante Gestalten wie wir wären an der Hauptpromeniermeile der Inselhauptstadt sicherlich nicht zu übersehen.
Nach der Landung versucht Rudolf bei Klaus anzurufen. Keine Verbindung! Nach Acht, als die beiden schon im „Oceanis“ Quartier bezogen haben, klingelt Rudolfs Handy. Nach längerer detekti-vischer Kleinarbeit haben sie herausgefunden, dass es das „To Fengari“ nicht mehr gibt. Uns gibt es schon und es dauert auch nicht all zu lange, bis wir ein feuchtfröhliches Wiedersehen feiern können.

 

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