Karpathos & Rhodos 2001 - Tag 4

Mittwoch- 4. Reisetag

Als ich am Mittwochmorgen in das Zimmer unserer Neuankömmlinge trete, staune ich nicht schlecht. Die Rucksäcke sind nicht nur etwas größer als unsere, sondern prall gefüllt und wahnsin-nig schwer. Rudolfs Rucksack wiegt schon fast 12 kg. Wir hatten ihn nach der Landung auf Kar-pathos im Flughafen auf eine Waage gestellt. Meiner wiegt vielleicht 8 bis 9 kg. Leos Rucksack ist deutlich schwerer als Rudolfs und Klaus schießt den Vogel ab. Er schleppt fast doppelt so viel Gewicht auf dem Buckel wie ich. Von den anderen überflüssigen Pfunden ganz zu schweigen! Ich kann es nicht fassen! Gerade Leo wurde mir, was das Lastenschleppen anging, als absoluter Mini-malist beschrieben.
Dabei hatte ich bei unseren Vorgesprächen klar und deutlich erklärt, dass Anfang Oktober in der südlichen Ägäis Temperaturen herrschten wie bei uns in einem Hochsommer mit Traumwetter. Da benötigt man Wanderschuhe und leichte Treter, eine kurze Wanderhose, einen Pullover, wenn es abends kühl wird, einen Regenschutz, wenn es wider aller Erfahrungen doch einmal gießen sollte, vielleicht noch eine lange Hose, um beim Ausgehen zivilisiert aussehen zu können, T-Shirts, Unterwäsche und Socken in nicht zu großer Zahl, weil alles waschbar ist, und ein paar diverse Kleinigkeiten.
Aber was führen mir die Burschen während der 6 Inseltage alles vor! Jeden Morgen vor Beginn der Wanderung ein frisches, geruchsfreies T-Shirt, das allerdings nach einer Viertel Stunde schon wieder genauso durchgeschwitzt ist wie das T-Shirt von Vortag. Jeden Abend ein anderes frisches Hemd zum Ausgehen. Dazu werden diverse Pullover und Hosen präsentiert, damit ja keine Bewoh-nerin von Spoa oder Olympos meinen könnte, dass die vier alten Herren nur eine Ausgehkluft hätten. Dann die Unterwäsche, die Dessous, die verschiedenen Schlafanzüge, die ich bedauerli-cherweise zum größten Teil gar nicht zu Gesicht bekommen habe.
Wer seinen mitteleuropäischen Lebensstandart auf den Staubstraßen, in den Dörfern und Unterkünf-ten der Ägäisinsel so unverhohlen präsentieren will, muss natürlich dafür schwitzen.
Dazu ist Klaus bereit. Er betrachtet all die überflüssigen Pfunde, die er mit sich herumschleppt, als sportliche Herausforderung; er klagt nicht und beschenkt uns und unseren treuen Begleiter „Saletti“, einen streunenden Hund, über den später noch berichtet wird, aus dem Füllhorn seines Rucksacks mit Würstchen und diversen Süßigkeiten. Alle Achtung!
Ich komme nicht umhin, auch Rudolf zu loben. Sicherlich hätten ihm ein paar Überlegungen mehr beim Bepacken des Rucksackes einige Pfunde auf dem Rücken ersparen können. Aber er versucht die schlimmsten Folgen der Hitzeschlacht in den nächsten Tagen dadurch zu mildern, dass er sich gegen die Sonne schützt. Und da kommt ihm ein Regenschirm zur Hilfe, den er, spontan wie Rudolf nun mal ist, am Abfahrtstag einfach ins Gepäck gesteckt hat. (Wahrscheinlich hat er an die Regen-güsse gedacht, die ihn im Frühsommer in Portugal öfter überraschten. Mit den Jahreszeiten, der Geographie und dem Klima kommt man bei der Vielreiserei schon ´mal durcheinander. So war dieses Ding zu allem anderenÜberfluss im Gepäck gelandet. Aber Rudolf macht was draus.) Wäh-rend uns schon am ersten Tag, kurz nachdem wir Pigadia auf einer breiten, flachen Staubstraße in Richtung Aperi verlassen, der Schweiß in Strömen überall hinläuft, nimmt Rudolf seinen Schirm, breitet ihn über sein schütteres Haupthaar und befestigt den Schirmstock mit Spezialwäscheklam-mern von Klaus an den Tragegurten des Rucksackes.
Das Bild eines zünftigen Wanderquartetts wird zweifellos etwas verunstaltet. Der Mann mit dem Regenschirm wirkt komisch, böse Zungen könnten behaupten, leicht bekloppt. Aber den Imagever-lust verkraften wir, denn wir haben die Gewissheit, dass Rudolf gegen die schlimmsten Wirkungen von Hitze und ultravioletter Strahlung gefeit ist.
Um Leo aber machen wir uns Sorgen. Der schleppt also sein überflüssiges Zeug auf seinen schma-len, gebeugten Schultern und stöhnt schon am Ortsausgang von Pigadia: So heiß hab ich es mir hier unten nicht vorgestellt. Seine Schildmütze schützt die hohe Denkerstirn und weiter hinten gelegene Teile seines edlen Hauptes leider nur unzureichend. Der Schweiß tropft und tropft und Leo findet die Tortur überhaupt nicht lustig.
Mich wundert das. Eigentlich wirkt niemand von uns auch nur annähernd so ausdauernd wie Leo. Man schaue sich nur dieses drahtige, schmale aber trotzdem muskulöse Figürchen an! Der Kerl strahlt eine beneidenswerte innere Ausgeglichenheit und eine bewundernswerte Zähigkeit aus. Nach allem, was ich weiß, führt er ein grundsolides Leben, sieht man einmal davon ab, dass er sich täglich eine Schachtel Marlboro durch die Lungen bläst. Wir drei, Klaus, Rudolf und ich, mit unserer barocken Leibesfülle und unserem manchmal üppigen Lebenswandel sollten uns eine Scheibe davon abschneiden.
All diese Qualitäten existieren tatsächlich. Beim Tennisspielen weiß mancher Gegner ein Liedchen davon zu singen. Aber unter der sengenden Sonne dieser Insel, auf den schattenlosen, staubigen Wegen, die sich jetzt ein paar Kilometer hinter Pigadia ins Gebirge schlängeln, ist vom alten Leo kaum noch etwas zu spüren.
Aber, offen gestanden, so heiß wie heute und in den nächsten Tagen, habe ich Griechenland im Oktober noch nicht erlebt. Die 250 Höhenmeter, die zwischen Pigadia und Aperi liegen, hören sich harmlos an. Aber der Weg in dieses östlichste Dorf des Südens ist ein ständiges Auf und Ab. Unserem Wanderführer können wir genauso wenig vertrauen wie der Inselkarte aus dem Verlag Freytag und Berndt. Es gibt einfach viel mehr Wege und Verzweigungen, als da verzeichnet sind.
Aperi dort oben vor dem fast 1000 m hohen Lastos-Berg liegt, Gott sei Dank, meist in unserem Blickfeld. Die grobe Richtung stimmt, Wege gibt es genug hier im Bereich der unteren Dörfer, wo Olivenplantagen und Gärten davon zeugen, dass es in anderen Jahreszeiten grünt und blüht.
Nach 2 ½ Stunden erreichen wir Aperi, ein schmuckes Dörfchen, dem es anscheinend sehr gut tut, dass viele Inselbewohner, die in Amerika ihr Geld verdient haben, ihren Lebensabend hier verbrin-gen. Selten habe ich in einem griechischen Dorf, in dem der Tourismus praktisch keine Rolle spielt, so gediegene Häuser und so gepflegte Straßen und Gassen gesehen wie hier. Aber nichts wirkt protzig. Die architektonischen Traditionen werden gewahrt.
Da fallen wir schon etwas mehr auf, erst recht Rudolf. Kaum hat er seinen Aufsehen erregenden Schirm eingeklappt und etwas gegessen und getrunken, wird er von eben jener Müdigkeit befallen, die ihn an Lehrern immer belustigt.
Etwas unterhalb unserer Imbissbude befindet sich ein Brunnen mit einer steinernen Bank. Rudolf verlässt uns, lässt sich eben dort nieder, fährt sein Fahrgestell aus, schiebt sich den Anorak unter den Hinterkopf, dreht sich auf die Seite und entschlummert sanft. Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen? Oder doch eher: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert!
Als wir das Dorf nach zwei Uhr verlassen, hat die Hitze kaum nachgelassen. Eine ¾ Stunde geht es noch bergauf, eher wir die Passhöhe 400m über dem Meeresspiegel erreichen. Kurz vorher hört der Asphalt auf und wir wandern auf der Staubstraße ein Stück in Richtung Spoa. Dann die Abzwei-gung nach Kira Panagia.
Während die Hauptverbindungsstraße von Norden nach Süden zwischen Aperi und Olympos immer noch nicht geteert ist (Sieht man von einem kurzen Stück vor Spoa ab), gibt es hier auf der Serpen-tinenstrecke zur Bucht von Kira Panagia ein gut asphaltiertes Straßenstück. Trotz schattiger Kiefern und Zypressen ist das nicht unbedingt die ideale Wanderstrecke. Wir versuchen einige weit ausla-denden Windungen abzuschneiden und klettern querfeldein herab. Das kostet noch mehr Zeit. Wir geben es auf und bleiben auf der Straße.
Ist man nicht gezwungen, auf den Boden zu schauen, kann man sich besser unterhalten oder der Betrachtung der Landschaft widmen. Und die lohnt sich. Der Abstieg zum Meer eröffnet immer wieder neue Perspektiven. Am zerklüfteten Ostabfall des Lastosberges sind interessante Felsforma-tionen entstanden. Vor dem Hintergrund des tief unten liegenden Meeres wirken sie malerisch, manchmal bizarr. Vor einer langen Geraden liegt der Weiler Katodio, ein paar Häuser stehen da auf den Felsvorsprüngen 200m über dem Meer, aber dazu gehört eine richtige Dorfkirche mit roter Kuppel und eine kleine Kapelle direkt unter unserer Straße.
Eine Kehre noch und wir sind - wie es in unserem Goldstadt-Reiseführer heißt- im „grünen Para-dies“ von Kira Panagia in einer der „schönsten Buchten der Ägäis.“ Dass der Berghang grüner ist als andere Inselteile, die wir bisher sahen, kann ich bestätigen.
Vom „Paradies“ kann aber keine Rede sein. Im hinteren Ortsbereich werden Neubauten hochgezo-gen, die nach griechischer Sitte wahrscheinlich noch ein paar Jahre auf ihre Fertigstellung warten lassen werden. Eine grob asphaltierte Straße durchschneidet ein paar hundert Meter lang fast vollkommen gerade den gesamten Ort. Sinnigerweise ist sie so breit, dass im Sommer Busse ihre Ausflügler am Strand abladen, problemlos drehen und irgendwo am Straßenrand parken könnten. Sehr praktisch! Die Bucht braucht dringend einen Bebauungsplan. Wenn die ungeordnete Zersied-lung weitergeht, werden bald die letzten Reste der Idylle zerstört sein.
Vielleicht beurteile ich die Bausünden auch zu hart, weil die Sonne schon hinter den Bergen verschwunden ist, eher wir zu unserem ersehnten Bad im Meer kommen. Die Zimmersuche gestal-tete sich zuvor auch etwas problematischer als erwartet. Und zu guter letzt ist mir Rudolf untreu geworden. Er wird in der nächsten Nacht mit Leo ein Ehebett teilen, während ich mit Klaus vorlieb nehmen muss.
Ein Unglück kommt selten allein. Auch unsere Pläne für den nächsten Tag drohen zu scheitern. Klaus schlägt beim Abendessen vor, den ganzen nächsten Tag in Kira Panagia zu bleiben. Uns anderen ist das doch ein bisschen viel. Baden ja, aber wir wollen auch weiterkommen. Also einigen wir uns, den Bootsbesitzer zu fragen, ob er uns nicht am nächsten Morgen zur benachbarten Apella-Bucht bringen kann. Von dort sollte es dann zu Fuß nach Spoa weitergehen.
Der Plan ist ausgezeichnet. Er hat nur einen Haken. Der Besitzer der Strandtaverne, dem unseres Erachtens das einzige Motorboot am Strand gehört, ist nicht aufzutreiben. Als Rudolf und ich am späten Abend, gleich nach dem Essen zum Strand gehen, brennt dort gerade ´mal eine Laterne. Die Wellen klatschen gegen das Ufer, auf dem Meer versuchen Fischer in einem kleinen Boot bei elektrischem Licht Beute zu machen. Sonst rührt sich hier nichts.
Morgen ist auch noch ein Tag, denken wir, und kehren in das Appartement zurück, das wir mangels Nachtleben schon früh aufgesucht haben. Wer früh schläft, sündigt weniger. Es sei denn, er teilt sein Bett mit Rudolf, der jedes Schlafzimmer in eine Lasterhöhle verwandeln kann. Doch decken wir den Mantel des Schweigens über das, was sich nebenan in dieser denkwürdigen Nacht abge-spielt hat. Leo wollte uns weismachen, dass Rudolf, kaum hätte er die Bettdecke über seine Pracht-körper gezogen, schon eingeschlafen sei. Doch nur Narren glauben solchen Verharmlosungen. Wir, Klaus und ich, denken uns unseren Teil und schweigen.

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