Karpathos & Rhodos 2001 - Tag 5

Donnerstag - 5. Reisetag

Am Donnerstagmorgen führt gleich nach dem Frühstück unser erster Weg zum Strand. Keine Spur vom Bootsbesitzer! Auf einer Tafel steht, dass die Strandtaverne ab 11 Uhr geöffnet sei. Was heißt hier 11 Uhr? Wir sind in Griechenland. Außerdem ist es fraglich, ob der Bootsbesitzer wirklich bereit sein würde, uns in die Apella-Bucht zu bringen. Zu viele Fragezeichen. Es tut uns leid, feststellen zu müssen, dass der gute Mann definitiv seine Chance auf ein Zubrot verspielt hat.
Also zu Fuß nach Spoa. Eine ganze Stunde brauchten wir gestern, um von der Staubstraße nach Spoa in die Bucht von Kira Panagia zu kommen. Würden wir die gleiche Asphaltstraße wieder hoch marschieren, dauerte es noch länger. Da müsste es doch Abkürzungen geben!
Für solche Fälle haben wir unseren Wanderführer. Der beschreibt einen kürzeren Weg, der zunächst durch ein ausgetrocknetes Bachbett führen soll. Den Weg gibt es. Dann soll es auf einem Hochpla-teau weitergehen. Das finden wir nicht. Leo und ich erreichen zwar eine schräge Fläche, die nicht ganz so zerklüftet und felsig ist wie die Umgebung, wir erklären sie auch mutig zum „Plateau“, aber Klaus und Rudi schenken uns keinen Glauben. Ein Plateau sei eine Ebene, die zumindest halbwegs in der Waagerechten liege, behaupten sie. Ich widerspreche energisch. In Angrits Plateauschuhen mit den 11 cm langen Stilettoabsätzen läge der Fuß absolut schräg. So prallen unsere Meinungen gegeneinander.
Wir hätten die Diskussion noch liebend gerne fortgesetzt, wenn sich das Problem nicht von selbst erledigt hätte. Am Rande des Plateaus sollte ein Bauernhaus stehen, heißt es im Wanderführer. Aber eben diese Behausung können wir nicht finden. Messerscharf folgern wir, dass es ohne Bauernhaus auch kein Plateau gegeben hat und dass ein Wanderführer nur brauchbar ist, wenn er Wege vernünf-tig beschreibt. Das Ding verschwindet im Rucksack.
Wir peilen die Staubstraße an, die sich 200 bis 300m über uns durch die Felsen zieht. Die müssen wir an einem Punkt erreichen, der möglichst weit rechts liegt. Das spart Höhenmeter, denn rechts verläuft die Straße tiefer. Außerdem ist das die Richtung nach Spoa.
Jetzt verzweigen sich etliche Wege und Pfade, denn das Kira Panagia-Tal ist hier oben besiedelt. Zwei Mal entscheiden wir uns falsch und landen vor Ferienhäuschen. Zuletzt haben wir Glück. Zwei Wegschleifen noch und die Pfadfinderei ist beendet. Die Staubstraße ist erreicht. Eine Stunde haben wir gebraucht. Nicht schlecht.
Unser Quartett legt ein Päuschen ein. Dann schnallen sich Klaus und Leo ihre Lasten auf den Buckel, Rudolf breitet seinen Regenschirm aus und ich gehe sicherheitshalber schon mal ein paar Meter vor. Hier fahren Touristen in Mietwagen vorbei. Die müssen ja nicht auf dem ersten Blick sehen, dass ich mit dem etwas zu tun habe!
So schreiten wir munter voran (Leo nicht ganz so munter, denn die Sonne knallt schon heftig vom Himmel). Die Insassen der Autos, die gelegentlich vorbeifahren, mustern uns neugierig. Manchen springt der offene Neid aus den Augen. Wer kann es nicht nachfühlen? Bei einer so tollen Truppe wie der unsrigen nicht mitmischen zu können, das kann schmerzen.
Eine Deutsche scheint sich an der allgemeinen Heldenverehrung nicht beteiligen zu wollen. Sie hält. Neben wem wohl? Neben Rudolf. Sie bietet ihm einen Sitzplatz in ihrem Auto an, jedoch nur unter der Vorraussetzung, dass er bereit sei, dafür zu zahlen. Gerne, meint unser Sunnyboy, aber nur mit Naturalien. Damit wäre sie schon bestens versorgt, sagt die Schöne. Der Deal ist geplatzt und sie rauscht eine Staubfahne hinter sich herziehend weiter.
Uns bewegt: Warum hält diese Samariterin ausgerechnet neben Rudolf? Der ist felsenfest davon überzeugt, dass sie sogar von hinten kommend (oder vielleicht deshalb?) von seiner Schönheit überwältigt und von seiner Aura eingefangen worden sei. Wir meinen, dass ein Blick in den Spiegel Rudolf eines besseren belehren könnte. Und wenn eine Frau auf gut aussehende Männer fliegt, dann doch wohl auf den Leo! Warum dann? Es muss der Schirm gewesen sein. Sie dachte vermutlich: Der Kerl hat einen Sonnenstich, dem muss geholfen werden. Also, ein breiter Raum für Spekulatio-nen. Rudolf verfügt über genügend Einbildungskraft, um aus der peinlichen Affäre seelisch unbe-schädigt herauszukommen. Bei anderen Vorkommnissen wird ihm das schwerer fallen. Doch davon später.
Wir sind immer noch, jetzt unbehelligt von mannstollen Weibern auf dem Weg nach Spoa. Die Sonne knallt gnadenlos auf die schüttere Hauptbehaarung meiner Gefährten und ein Wunsch ergreift immer stärker von uns Besitz. Wir wollen endlich ins Meer. Tief unter uns liegt es, verheißungsvoll blau, nass und kühl. Als die Straße sich dem Meer weiter nähert und bis auf eine Höhe von 250 Metern absenkt, taucht die traumhafte Apella Bucht mit einem wunderschönen Strand direkt unter uns auf.
Nichts wie hin, jauchzen wir.
Da gehe ich nicht mit, sagt Leo. Geht ruhig allein. Ich schlage mich hier irgendwo in den Schatten. Wie lange wollt ihr denn bleiben?
Zwei, drei Stunden! Schließlich wollen wir uns sonnen!
Ein paar Minuten Diskussion. Drei gegen einen, Leo, der Arme, zieht den Kürzeren. Zähneknir-schend, schweißtriefend folgt er unseren Spuren. Die Hitze setzt ihm mehr zu, als er dachte.
Nach einer halben Stunde erreichen wir die Bucht. Ein kühles Blondes und ein griechischer Salat wären nicht übel. Oberhalb der Bucht liegt eine Taverne. Die ist richtig. Das Meer läuft uns nicht weg! Das Mythos-Bier nach dreistündiger Wanderung ein Gedicht! Aus dem Imbiss wird nichts. Die Saison sei vorüber, beteuert die Wirtin. Finito, die Küche sei geschlossen, sie hätte gerade mal das Nötigste für sich und ihren Mann.
Leo, der sich standhaft weigerte, uns an den Strand zu folgen, kriegt nachher mit, dass der Kühl-schrank so leer nicht war. Anderen Gästen, scheinbar Stammgästen, die etwas später kommen, wird sehr wohl griechischer Salat serviert und auch Leo, der an den Stützpfeilern des Sonnendaches vor sich hindöst, erhält seine Portion.
Aber wen juckt das? Schließlich hat Klaus mindestens zwei Kilo Fresszeug im Gepäck und als er am Strand sein Füllhorn öffnet, werden auch Rudolf und ich reichlich beschenkt.
Hinter einem Felsen lagern Plastikliegen. Die holen wir. Klaus und ich ziehen die Badehose an. Rudolf hält einfach die Schirmmütze vor die Schamzone (So ganz allein sind wir hier doch nicht), und hinein in die kühlenden Fluten! Klaus döst im Schatten einiger Tamarisken, Rudolf beschäftigt sich mit der Frage, wie er möglichst viel von seinem prächtigen Körper zur Schau stellen kann, ohne das Verbotsschild fürs Nacktbaden zu missachten und ich schreibe schon mal die hübschen Episodchen auf, die wir hier erleben.
Leo wartete gestiefelt und gespornt, als wir um halb fünf starten. Nach genau 31 Minuten erreichen wir die Piste nach Spoa, gerade einmal 2 Minuten mehr als beim Abstieg. Recht schweißtreibend das Tempo, aber viel Zeit haben wir wirklich nicht mehr. Zwei Stunden brauchen wir noch bis Spoa und gegen sieben geht hier die Sonne unter.
Spoa erreichen wir in der Dämmerung. Im ersten Kafenium trinken wir griechischen Kaffee und Wasser. Eine alte Frau bietet uns Granatapfelstücke an. Die Männer hier sind mit Brettspielen und Fernsehen beschäftigt. Wir werden trotz unserer Rucksäcke nur beiläufig zur Kenntnis genommen. Obwohl uns das kränkt, fragen wir nach Zimmern.
Hier gäbe es nur ein Doppelzimmer, aber wir könnten ja nebenan in der Taverne fragen.
Dort führt eine resolute junge Frau, die gut englisch spricht, das Regiment. Sie bietet uns ein Zimmer mit drei Betten an, mit Bad und Toilette.
Und das Zimmer nebenan?
Es hätte weder Bad noch Toilette, sagte sie.
Klaus braucht nur den Bruchteil einer Sekunde, um Nägel mit Köpfen zu machen: Leo, das Zimmer nehmen wir.
Der so zurückhaltend scheinende Leo, stimmt zu, schnappt sich den Rucksack, und ist schon hinter der Tür verschwunden. Rudolf und ich stehen da ziemlich fassungslos. Ganz schön dreist!
Eigentlich hätten wir noch eine Rechnung offen gehabt. Aber das Problem erledigte sich von selbst. Die halbe Nacht über surrte bei unseren Kleverlis die Tiefkühltruhe und hatten sie es trotzdem geschafft einzuschlafen, wurden sie von Mücken überfallen, die durch eine zersplitterte Fenster-scheibe munter ein- und ausflogen.
Diese hübsche Geschichte erfahren wir am nächsten Morgen. Wir zerfließen vor Mitleid.
Am Abend warten wir eine halbe Stunde, eher das fast 80 jährige Familienoberhaupt zugestimmt hatte, das Zimmer an uns zu vermieten. Wir warten draußen. Eine Frau kommt mit einem Korb voller Feigen vorbei. Sie sind frisch geerntet. Jeder hier draußen darf zugreifen. Ich probiere. Rudolf greift in die Vollen.
Das Zimmer ist sehr einfach, relativ sauber und die Wände hängen voll mit Heiligenbildern und mythologischen Darstellungen. Kitsch in Reinkultur! So lebt das einfache Volk!
Ein Bett besteht aus einem uralten Eisengestell, in dem eine Matratze bis auf den Boden durchhängt. Rudolf, so erinnere ich mich, zögert nicht, mir das gute Stück zu überlassen, während er selbst sich auf das neuere Bett mit intakter Matratze stürzt. Später darauf angesprochen, behauptet er, den Unterschied zwischen den beiden Betten erst viel später bemerkt zu haben.
Zum Abendessen serviert die Wirtin jedem von uns einen riesigen Fisch, den ihr Mann, wie sie uns versichert, heute frisch gefangen hatte. Zusammen mit ein paar Beilagen, griechischen Salat und den diversen Weinen eine ausgezeichnete Mahlzeit! Für den Fisch bezahlen wir den stolzen Preis von 3000 Drachmen.
In diesem Dorf, in der Taverne und in unseren Zimmern fühlen wir uns schon wie in einer anderen Welt und in einer anderen Zeit. Bei der Preisgestaltung hat unsere forsche Wirtin den Anschluss ans europäische Niveau schon gefunden. Das beruhigt.
Nach dem kulinarischen Höhepunkt folgt ein zweiter: Gegen 22 Uhr gehen die Lichter im Wirts-haus aus, auch im Dorf herrscht Finsternis. Die Wirtin und ihre Gäste erleben das nicht zum ersten Mal. Sie zündet schnell eine Kerze an, einer der Männer klettert auf einen Stuhl und öffnet den Verschluss einer Gasflasche, die auf einem Wandschrank steht. Durch einen schmalen Draht fließt Gas zu einer Lampe, die in der Mitte der Taverne hängt. Nach zwei Minuten ist der Raum wieder so hell wie zuvor. Eine angenehme Begleiterscheinung: Der Fernseher, der hier wie fast überall in solchen Kneipen, ununterbrochen plärrte, hat seinen Betrieb eingestellt.
Am nächsten Morgen erzählt Leo von seinen nächtlichen Erlebnissen. Als er von Mücken gejagt, schlaflos in das immer noch finstere Spoa schaute, hätte sich über den Dächer des Dorfes ein Feuerwerk entzündet. Sprühende Funken sprangen in den Nachthimmel, auf den elektrischen Leitungen blitzte und funkelte es und wäre nicht gleichzeitig die elektrische Tiefkühltruhe im Zimmer wieder angesprungen, hätte er sich die wundersamen Erscheinungen nie erklären können. So erinnerte ihn das immer wieder neu einsetzende Brummen dieser Maschine daran, dass Spoa die Rückkehr ans elektrische Netz mit einem Feuerwerk feierte.

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