Karpathos & Rhodos 2001 - Tag 7
Samstag- 7. Reisetag
Am Samstagmorgen liegt „Saletti“ nicht mehr auf unserer Terrasse. Noch am Abend vorher wartete er treu und brav vier Stunden lang auf dem Dorfplatz vor unserem Restaurant, um sich über die Knochen herzumachen, die wir ihm mitgebracht hatten. Als wir gegen Mitternacht einschliefen, lag er auf der Terrasse.
Warum, fragen wir uns am Morgen, hat er uns verlassen? Ob er geräuschempfindlich war? Viel-leicht konnte er es nicht mehr mit anhören, wie wir vier in der Nacht pausenlos blähten? Im Ernst, nahe liegender ist, dass unsere Wirtin den lästigen Gast vor unserem Aufwachen vertrieben hat. Wir sind erleichtert. Besonders Klaus fühlte sich für das Tier zuständig. Die Verantwortung ist er los. Glauben wir jedenfalls!
Gegen 10 Uhr ziehen wir los. Unser erstes Ziel ist Avlona, eines der Außendörfer von Olympos. Von dort wollen wir nach Vananda ans Meer, erst baden, dann nach Diafani und mit dem Bus zurück nach Olympos. Eine gut dreistündige Wanderung sollte das sein und wir versprechen Leo hoch und heilig, dass niemand von uns auf die Idee kommen würde, zum Schluss die letzten 7 Kilometer nach Olympos auch noch zu wandern. Schließlich hat auch Leo einen Anspruch auf Erholung.
Ein Fußweg, aus unbehauenen Steinen gepflastert, schlängelt sich durch Gärten und Felder. Immer wieder schauen wir zurück. Je weiter wir uns von Olympos entfernen, umso toller der Blick auf die Berge, auf den Profitis Ilias direkt hinter dem Dorf und auf das zentrale und höchsten Gebirgsmas-siv der Insel um den Kali Limni weiter im Süden. Klaus und ich müssen uns zurückhalten, nicht alle Bilder zu verschießen, die noch auf unseren Filmen sind.
Hinter der Passhöhe, auf der eine der vielen Kirchlein steht, die Olympos in großer Zahl umgeben, fällt der Blick auf Avlona, jenem Außendorf, das die Bauern von Olympos vor allem während der Erntezeit mit ihren Familien bewohnen. Das Dorf ist eine Streusiedlung. Es liegt in einer weiten Talmulde und wird von abgeernteten, graubraunen Feldern umgeben. Jetzt im Herbst können wir uns kaum vorstellen, dass dieses Tal, wie unser Reiseführer berichtet, im Frühjahr in Farben und Grün „ertrinkt“.
Staubige Felder, ein paar grau-grüne Büsche und Steine in Hülle und Fülle bestimmen das Bild. Mit unbearbeiteten Steinen sind die Wege gepflastert, die wir abseits der neuen Teerstraße gehen. Steine liegen auf den Feldern, die größten hat man zu Mauern aufeinander gelegt. Das kleinste Feld wird so vom Nachbarfeld abgetrennt. Die Mäuerchen schützen vor Wind und Erosion. Aus den gleichen Granitsteinen werden die Einraumhäuser gebaut, die nach der Erntezeit als Speicher dienen. Unver-putzt, quaderförmig, mit kleinen schmucklosen Türen und Fenstern versehen, vermitteln sie in der kargen Umgebung nicht gerade den Eindruck, als hätten die Errungenschaften der Zivilisation in diesem Außendorf Einzug gehalten.
Natürlich geht es in das einzige Kafenium im Ort. Ein paar wackelige Plastikstühle stehen draußen um einen schmuddeligen Tisch. Ein älteres Ehepaar, dem wir bereits mehrere Male begegnet sind, rückt zusammen. Sie ist Deutsche, er Grieche. In ausgezeichnetem Deutsch erteilt er uns kostenlos Nachhilfe in griechischer Geschichte. Dem lebhaften und kenntnisreichen Vortrag hören wir inte-ressiert zu. Seine Frau scheint weniger begeistert. Vielleicht hat sie schon zu viele Legionen dieser Art über sich ergehen lassen müssen.
Die Bedienung im Kafenium ist nicht ganz so kultiviert. Zwei schwarz gekleidete alte Frauen, die Wirtinnen hier, machen Anstalten, den Tisch zu säubern. Eher halbherzig und erfolglos, aber sicher gut gemeint. Elektrizität gibt es hier nicht, also auch keinen Kühlschrank und keine kalten Getränke. Uns wird griechischer Kaffee angeboten. Den nehmen wir. Er ist so dick, dass es unmöglich ist festzustellen, wie erfolgreich die alten Frauen die Tassen von den Kaffeeresten unserer Vorgänger befreit haben.
Unser griechischer Laienhistoriker unterhält uns bestens. Etwas anderes interessiert uns noch mehr. Wir sind gespannt, wie die Geschichte mit einem alten Bekannten weitergeht, der total überraschend vor einer halben Stunde unseren Weg kreuzte. „Saletti“, unser treuer Weggefährte vom Vortag, tummelt sich auf einem Feld, das 200 Meter entfernt ist. Neben ihm lädt ein Bauer Heu auf einen Anhänger. Vor 20 Minuten, als wir ein paar hundert Meter über die Asphaltstraße marschierten, überholte uns ein Trecker, der eben diesen Anhänger zog. Darauf befand sich „Saletti“, der zusam-men mit 3 anderen Hunden einem unbekannten Schicksal entgegenfuhr. Uns erkannte er nicht. Der Trecker war zu schnell.
Jetzt verlassen wir die rüstigen Wirtinnen. Wir nähern uns dem Hund. Wird er uns erkennen? Was wird er tun? Schon von weitem betrachtet er uns aufmerksam. Er steht in einer Toreinfahrt und wedelt mit dem Schwanz. Jetzt sind wir 1 oder 2 Meter entfernt und gehen vorbei. Er folgt uns zuerst zögernd, dann entschlossen. Aber wir müssen den armen Kerl enttäuschen. Klaus wirft einen Stein in seine Richtung. Natürlich will er ihn nicht treffen. „Saletti“ weiß Bescheid. Wir haben ihm den Laufpass gegeben. Er zieht den Schwanz ein und geht zurück.
Das Schicksal des Tieres beschäftigt uns noch einige Zeit. Wie kam das
Tier auf die Staubstraße zwischen Spoa und Olympos? Wie auf den Anhänger? Der Bauer war offensichtlich nicht sein Herr. Wir können uns gut vorstellen, dass Bauern mit herrenlosen Hunden kurzen Prozess machen.
Avlona lassen wir hinter uns. Vananda liegt im Westen. Nach einem Kilometer gibt es eine Ab-zweigung. Ein Weg biegt nach rechts ab. Ich nehme an, dass er zur asphaltierten Verbindungsstraße zwischen Avlona und Vananda führt. Wir wollen natürlich auf dem Fußweg bleiben und gehen geradeaus weiter nach Westen. Eine Fehlentscheidung, wie sich später herausstellt.
Vorerst glauben wir, auf dem rechten Weg zu sein. Eine verrostete Planierraupe steht am Rand. Offensichtlich hat man vor ein paar Jahren versucht, den Fußweg zu verbreitern. Hier, wo das Wrack die Küstenlandschaft ziert, ist das gelungen. Allerdings nur ein paar hundert Meter, dann wird der Weg enger und enger und nur für Fußgänger begehbar. Aber immerhin, das müsste der Hauptweg für Wanderer sein!
Das Meer ist gar nicht weit. Es liegt etwa 300m unter uns. Aber warum zum Teufel schlängelt sich unser Pfad immer höher ins Gebirge? Wir können die Bucht von Vananda vor uns im Westen deutlich erkennen. Warum knickt unser Weg nach Norden ab und macht keinerlei Anstalten, dem Meer näher zu kommen? Unter uns im Süden sehen wir das für karpathesische Verhältnisse unge-mein große Waldgebiet, das im Dreieck Diafani, Vananda und Olympos liegt. Unser Weg müsste eigentlich durch diese schattigen Wälder führen. Aber wir streifen über schattenlose Felsen mit gelbbraun gebranntem Gras und grauer Phrygana. Wir sind auf dem Holzweg. Wohin dieser Pfad auch immer führen mag, er bringt uns nicht nach Vananda.
Zurück? Unmöglich, schon aus Prinzip gehen wir nicht zurück. Also nutzen wir die nächst beste Gelegenheit, querfeldein ans Ziel zu gelangen. 300 Meter unter uns machen wir ein Staubsträßchen aus, wahrscheinlich die einzige Küstenverbindung zwischen Vananda und dem Inselnorden. Wenn wir es fertig bringen, diese brachliegenden Oliventerrassenfelder unter uns hinabsteigen, müssten wir das Sträßchen eigentlich erreichen.
So leicht, wie es aussieht, ist es nicht. Alle paar Meter müssen 80 bis 120 cm hohe, zerfallene Terrassenstufen überwunden werden. Manchmal sind Steine aus der Mauer heraus gefallen, die wir bequem als Stufe benutzen können. Schwieriger wird es, wenn Büsche und Gräser die überall verstreuten Gesteinsbrocken verdecken. Ein unvorsichtiger Hüpfer auf die tiefere Stufe und schon knickt man um. Also, lieber vorsichtig in kleinen Schritten abwärts als mit viel Schwung ins Kran-kenhaus.
Der Abstieg ist mühevoller als erwartet. Im Süden erkennen wir die schattige Staubstraße, die wir verpasst haben. Nach unserem Zeitplan müssten wir seit einer Stunde schon in der Bucht im Meer schwimmen oder unsere Glieder am Strand ausstrecken.
Gegen 15 Uhr haben wir die Wildnis hinter uns und es dauert weitere 15 Minuten, bis wir endlich „in der schönsten Badebucht des Inselnordens“ ankommen. Ein paar Minuten bleiben uns noch zum Ausruhen. Frisches Quellwasser fließt aus einem von baumhohen Oleanderbüschen umgebenen Brunnen.
Um 16 Uhr, hatten wir in Olympos erfahren, sollte der letzte Bus von Diafani nach Olympos starten. Keine Zeit für die Idylle, im Eilschritt hetzen wir nach Diafani. Gerade noch rechtzeitig sind wir an der Strandpromenade. Alle Eile war überflüssig, kein Bus ist weit und breit zu sehen.
Um 17 Uhr, erklärt uns ein Einheimischer, führe der Bus. Na ja, um ein Stündchen darf man sich in Olympos vertun! Schaun wir uns um.
In einem Restaurant entdecke ich eine Art Reisebüro. Hier werden Tickets für die Fähre verkauft. Es schadet ja nichts, die Fahrkarten nach Pigadia schon heute zu kaufen. Um 10 Uhr am morgigen Sonntag verlässt die Fähre Diafani, das druckt der Computer schwarz auf weiß aus. Jedenfalls das scheint festzustehen. Die Tickets erhalten wir erst, nachdem wir unsere Personalausweise über den Schreibtisch gereicht haben. Name, Vorname und Geburtsdatum werden fein säuberlich auf den Sammelfahrschein eingetragen. Eine Kopie bleibt bei den Unterlagen.
Das habe ich noch nicht erlebt beim Kauf von Fahrscheinen. Man hat dazu gelernt. Wie man in den letzten Monaten gehört hat, sinken griechische Fährschiffe manchmal, bevor sie den rettenden Hafen erreichen. Da beruhigt es uns zu wissen, dass unsere Angehörigen unverzüglich benachrich-tigt werden, wenn wir unsere letzte Ruhe auf dem Grund der Ägäis gefunden haben.
Wenn die Bürokratie so schnell reagiert, wird sich auch bei der Schiffstechnik bald etwas tun. Vielleicht profitieren wir schon davon, wenn wir mit Achtzig unsere ersten Kreuzfahrten antreten.
Also, das Sicherheitsproblem auf Fährschiffen haben die Griechen praktisch im Griff. Etwas ande-res irritiert. Es scheint bis Karpathos noch nicht durchgedrungen zu sein, dass gewisse Mitteleuro-päer Wert darauf legen, dass ihnen ein Fahrplan oder Ähnliches verlässliche Auskunft gibt, an welchen Wochentagen (und wenn ja, wann) öffentliche Busse von einem Ort der Insel zum anderen fahren.
Nachdem uns heute morgen unsere Wirtin in Olympos mit der ihr eigenen Überzeugungskraft versichert hatte, am heutigen Samstag führe um 16 Uhr ein Bus von Diafani nach Olympos, hat gerade einmal vor ein paar Minuten ein ebenso bedeutend aussehender Einheimischer unsere Wirtin praktisch bestätigt. Der Bus führe tatsächlich, meinte er klipp und klar, zwar erst um 17 Uhr, aber immerhin. Für griechische Verhältnisse sind das deckungsgleiche Aussagen.
Solche Zeitangaben, finden wir, gehören zur Folklore der Insel. Als aber unser mit einem Compu-ter ausgerüsteter Fahrkartenverkäufer, also eine Institution für den Tourismus des Ortes, erklärt, heute führe überhaupt kein Bus nach Olympos, er könne uns aber mit seinem Taxi hinbringen, da glauben wir diesem Geschäftemacher zwar nicht, aber unser fester Glaube an ein im Kern zuverläs-siges mündliches Auskunftssystem hier auf Karpathos gerät ins Wanken. Vollends erschüttert ist er, als wir um 17.15 Uhr immer noch auf der Uferpromenade stehen und uns zähneknirschend einge-stehen müssen, dass kein Bus mehr fährt.
Ich denke, Busfahrpläne gibt es hier in der Nachsaison nicht mehr. Bei Bedarf werden öffentliche Nahverkehrsmittel eingesetzt. Wenn 6 bis 8 Fahrgästen nach Olympos wollen, kann man mit zwei Taxifahrten mehr Geld verdienen. Dann genügt ein Anruf beim Busfahrer und schon bleibt der bei Frau und Kindern. Wenn in Olympos noch zwei gute Bekannte darauf warten, wieder zurück nach Diafani zu fahren, rechnet sich so eine Fahrt im privaten Pkw noch besser.
Wir haben Leo versprochen, nicht nach Olympos zu wandern, also setzen wir Rudolf, unsere Geheimwaffe für finanzielle Transaktionen, ein, um zu Dumpingpreisen ein Taxi zu heuern. Auf 4000 Drachmen drückt er den Preis.
Dafür gibt es auch nur einen Pickups. Für Rudolf, Leo und mich ist vorne Platz, Klaus muss mit der Ladefläche vorlieb nehmen wie heute Morgen noch sein geliebter Hund „Saletti“. Während wir mit einem Affentempo die Serpentinen hochjagen, tut er etwas für seine Beinmuskulatur. Er muss in jeder Kurve seine Beine gegen die Ladeklappe pressen, damit die Zentrifugalkräfte ihn nicht in den Straßengraben befördern.
Und er schafft es, jedenfalls befindet er sich oben in Olympos noch auf der Ladefläche und kann mit uns die hervorragende Linsensuppe kosten, die unsere Wirtin zum Abschied gekocht hat.
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