Karpathos & Rhodos 2001 - Tag 8
Sonntag - 8. Reisetag
Über die morgendlichen Abfahrtszeiten des Busses nach Diafani erhalten wir die gewohnte Vielfalt von Auskünften. Der Fahrkartenverkäufer aus Diafani meinte gestern „8 Uhr“, unsere Wirtin, die immer alles weiß, bestätigt die Zeit. Der Restaurantbesitzer an der Bushaltestelle behauptet „9 Uhr“.
8 Uhr ist sowieso viel zu früh. Also glauben wir dem Restaurantbesitzer. Sicherheitshalber sind wir schon um 8.40 Uhr an der Bushaltestelle. Als nach und nach einige Griechinnen aus dem Dorf kommen und offensichtlich auf den gleichen Bus warten, wissen wir, dass wir diesmal Glück haben.
Die Wartezeit verkürzt sich. Eine Gruppe von vier Deutschen, zwei Männer und eine Frau in unserem Alter sowie einem vielleicht 18 jährigen Mädchen, alle aus dem Siegburger Raum, verab-schieden sich von uns. Sie sind mit zwei Motorrädern unterwegs und wollen über die Staubstraße zurück nach Diafani. Wir kennen uns schon und haben bei unserer Wirtin vor dem Essen schon öfter miteinander geredet.
Mit starkem Engagement wurde unter uns Vieren die Frage diskutiert, ob es sich um zwei Pärchen handelte oder die Beziehungen anderer Art seien. Hier klärt sich alles, leider etwas unspektakulär, auf. Das junge Mädchen steigt zu dem Mann aufs Motorrad, den wir eindeutig als Partner oder Ehemann der älteren Frau identifiziert haben. Also ist das die Tochter des Motorradfahrers und nicht die Freundin des zweiten Mannes. Verstanden? Auf einen ausführlicheren Exkurs über theore-tisch denkbare andersgeartete Beziehungen müssen wir an diesem Morgen verzichten, denn der Busfahrer kommt und hat nur eines im Sinn, uns so schnell wie möglich nach Diafani zu bringen, die Neuankömmlinge von der Fähre nach Olympos zu karren, um dann endlich seinen Sonntag genießen zu können.
Und diesen Sonntag hätten wir beinahe auch von früh bis spät in Diafani genießen können, wenn nicht Klaus, der aufmerksame Beobachter des maritimen Geschehens, eine wichtige Entdeckung gemacht hätte.
Ich erzähle lieber chronologisch. Wir sitzen an der Hafenpromenade auf der Bank und genießen die Morgensonne. Etwa eine viertel Stunde vor der Abfahrtszeit taucht unser Fährschiff am Horizont auf, winzig zunächst, nur allmählich wird es größer. Vor uns liegt der Strand und ein betonierter, etwa 30- 40 Meter ins Meer hinausragender Anlegesteg. Gestern Nachmittag stieg hier eine größere Touristengruppe in ein Ausflugboot. Wir bezweifeln nicht, dass auch unsere Fähre hier anlegen wird. Schließlich habe ich auf Kreta gesehen, wie in Loutro eine Autofähre, die in Hora Sfakia immerhin an die 1000 Samaria-Wanderer ausspuckte, bis auf ein paar Meter an den kleinen Strand heran manövrierte, ein paar Wanderer aufnahm und weiterfuhr.
Diese Fähre kommt von Rhodos und fährt weiter nach Piräus. Das hätte zu denken geben können. Aber warum sollten wir uns den Kopf zerbrechen, wenn alles klar ist?
Gegen 10 Uhr ist das Schiff immer noch so weit weg, dass wir ihre wirkliche Größe noch nicht abschätzen können. Klaus ist nicht nur mit Fressalien, sondern auch mit technischem Gerät bestens ausgestattet. Um sich die Wartezeit zu verkürzen, beobachtet er mit seinem Fernglas das nahende Schiff. Plagen ihn Zweifel an der Richtigkeit unseres Standortes? Keine Spur!
Plötzlich schreckt er uns aus der Beschaulichkeit dieses Morgens auf: „Scheiße, hier stehen wir falsch. Schnappt euch die Rucksäcke! Wir müssen dahin.“ Er zeigt auf eine etwa einen Kilometer entfernte Hafenanlage mit großem Anlegesteg. Dorthin fuhren schon etliche Autos.
Wir hatten uns gefreut, dass es wenigstens hier so ruhig und friedlich blieb.
Mit unserer Ruhe ist es vorbei. Wir hetzen über die Mole und kommen an, als einige Autos die Fähre verlassen und andere in ihrem Bauch verschwinden. Keine Minute zu früh.
Auf dem Schiff findet Klaus endlich die Zeit zu erzählen, wie er die Fähre immer wieder mit dem Fernglas von der Strandpromenade aus beobachtet habe, bis ihm auf einmal auffiel, dass er das Schiff immer weniger von vorn und immer mehr von der Seite wahrnahm. Das habe ihn dann stutzig gemacht. Er fragte sich, ob es etwa noch eine andere Anlegemöglichkeit gäbe als die hier an der Strandpromenade. Und siehe da, gerade noch rechtzeitig, konnte er im Norden der Bucht etliche Fahrzeuge und einen Pulk von wartenden Menschen ausmachen.
Also, ein dickes Lob für Klaus, der seine schweren Geräte nicht nur zur körperlichen Ertüchtigung mit sich herumschleppt, sondern sie auch benutzt und seinen Grips einsetzt, die richtigen Schluss-folgerungen zu ziehen.
Vom Schiff verfolgen wir unsere Wanderroute über die Insel: Als wir Diafani hinter uns lassen, wird die Bergflanke sichtbar, die wir gestern auf unserer Wanderung von Avlona nach Vananda durch zerfallenen Oliventerrassen hinab stiegen; etwas später die Staubstraße, die zwischen Spoa und Olympos teils schnurgerade in die zerklüfteten Berge hineingefräst wurde; dann die Apella Bucht und die Bucht von Kira Panagia. Die Entfernung verkleinert die Insel fast auf ein Postkarten-format. Unser Schiff fährt von Diafani nach Pigadia etwa eine Stunde. Nahezu unwirklich ist es, wie die Stationen unserer viertägigen Wanderung wie im Zeitraffer an uns vorbeiziehen.
In Pigadia ist Hochbetrieb. Pkws, Lieferwagen und Laster verlassen das Schiff oder fahren hinein, Heimkehrer werden empfangen, Abreisende verabschiedet.
Auf uns wartet Prominenz. Eine Doktorin der Metaphysik von der Universität von Kalifornien spricht uns an. Nicht etwa, wie man vermuten könnte, um uns zu philosophischen Disputen einzu-laden. Sie will uns für 6000 Drachmen pro Doppelzimmer eine Unterkunft anbieten. In unserem Reiseführer werden ihre „Mertonas Studios“ empfohlen. Ihr Angebot liegt deutlich unter dem Mindestpreis aus dem Reiseführer. Wir schlagen zu.
Natürlich spricht sie englisch. Während wir durch Pigadia gehen, überhäuft sie mich mit einem solchen Schwall von Komplimenten, dass ich nach ein paar Minuten froh bin, sie an Leo weiterrei-chen zu können. Der Arme muss sich ähnliche Lobhudeleien anhören. An ihrer Pension angekom-men lädt sie uns, freilich ohne den Zeitpunkt zu nennen, zu einer Tasse Kaffee ein und zeigt uns die Zimmer. Sie machen einen erfreulichen Eindruck.
Klaus und Leo kommen am Abreisetag, am Dienstag, als Rudolf und ich schon nach Rhodos geflogen sind, in den Genuss der versprochenen Tasse Kaffee. Frau Doktor liest ihnen eine erfreuli-che Zukunft aus der Hand und erzählt ihnen ihr halbes Leben. Beide haben das Gefühl, dass sie sich den guten Kaffee redlich verdient haben.
Am heutigen Sonntag ist es gerade einmal 12 Uhr. Wir wollen nach Amopi wandern und dort baden. Der kürzeste Weg dorthin ist der hässlichste. Er führt an einer Müllhalde vorbei, die eine an sich schon unattraktive Strecke vollends verschandelt. Rudolf und ich kennen diesen Weg vom Ankunftstag.
Heute wollen wir die Deponie im weiten Bogen umgehen, aber wir verfranzen uns so, dass wir letztendlich den hässlichen Weg einschlagen, weil er uns sicher zum Ziel führt. Und weil wir uns an den Gestank der Müllhalde so sehr gewöhnt haben, schlagen wir auf dem Rückweg noch einmal die gleiche Route ein.
Doch gibt es auch Erfreuliches zu berichten. Wir genießen nicht nur den feinsandigen Strand und die schöne Badebucht, sondern endlich wieder den Anblick von Frauen, die eindeutig jünger als sechzig und nicht in Trachten gehüllt sind. Es gibt etwas mehr zu sehen als schwarzbestrumpfte Waden und faltenreiche Gesichter.
Eine gut gebaute Blondine erweckt meine Aufmerksamkeit. Ihre Pobacken umfasst ein String-Tanger. Wenn man vom Lippenstift und dem Nagellack absieht, ist alles Natur an ihr. Sie wandert mit ihrem Typen, der seinen Body recht ansehnlich gestylt hat, soweit ins Meer hinaus, dass mög-lichst viele die Beiden bewundern können. Sie lässt sich mit Wasser bespritzen, hüpft lachend weg von ihrem Gefährten. Der versteht zu recht: Hasch mich, ich bin der Frühling und holt sie ein. Mit Leichtigkeit hebt er die keineswegs zierliche Schöne in die Lüfte, um sie dann im hohen Bogen in die Fluten zu werfen. Die Nixe taucht wieder auf, wird gejagt, eingeholt, hochgeworfen, usw. Wer da stur seinen Reiseführer liest, ist selber Schuld. Diese kostenlose Performance erweckt fast vergessene Gefühle. Da war doch noch was!
Später erfahre ich, welche Gnade es ist, kurzsichtig zu sein. Am Abend sitzt die Schöne aus Amopi in einer Bar nebenan. Ihre langen blonden Haare fallen offen über ihren Rücken. An ihren reizvollen Körper erinnere ich mich gut. Ich bin verdammt neugierig, wie sie oberhalb ihres Vorbaues aus-sieht. Ohne Brille bin ich aufgeschmissen. Angestachelt durch Klaus und Leo gehe ich zu einem Zigarettenautomaten direkt neben der Bar. Natürlich nicht um mich mit Nikotin zu versorgen. Irgendwie ist mir die Szene so peinlich, dass ich doch nicht genau hinschaue. Vielleicht war der Abstand zur Nixe immer noch zu groß.
Er bleibt spannend. Die Vorstellung, dass zu diesen langen blonden Haaren und der gut gerundeten Figur, das Gesicht einer wahrscheinlich reiferen Schönheit gehört, bleibt erhalten.
Bis zum nächsten Morgen. Als sie unerwartet mit ihrem Gespielen an uns vorbeigeht, werden meine Illusionen zerstört. Ihr langer Hals sitzt auf gebeugten Schultern. Sie wirkt bedeutend älter als vermutet, schaut uns etwas blasiert an und ihre verlebten Züge wirken ganz und gar nicht anzie-hend.
Das Thema Frauen ist noch nicht erledigt. Unsere alten Bekannten aus Olympos, die beiden „Hüb-schen“, kreuzen an diesem Abend wieder unseren Weg. Eine andere Deutsche, die sie hier in Pigadia kennen gelernt haben, begleitet sie. Wir nehmen ein paar Drinks zu uns und plaudern.
Um die weitere Entwicklung des Tischgesprächs zu verstehen, muss man wissen, dass Klaus studierter Sportler ist. Soweit ich weiß, unterrichtet er das Fach Sport nicht mehr. Wie seine Partner beim Tennisspielen, zu denen ich mich zählen darf, zur Genüge wissen, verfügt Klaus aber nach wie vor über einen manchmal etwas ungezügelten Drang und sicherlich auch über beachtliche Fähigkei-ten, Bewegungen zu analysieren.
Hier auf Karpathos bestand für seine geschätzten Bewegungsanalysen kaum Nachfrage. Bei unseren Wanderungen ist eher Schwitzen angesagt. Nun sitzt da aber die Frau Hübsch, eine Gymnastiklehre-rin, am Tisch. Was liegt näher, als das Thema Funktionsgymnastik, das die beiden schon in Olym-pos angerissen hatten, endlich auszudiskutieren. Also, hinein ins Vergnügen. Jedem Tierchen sein Pläsierchen, Leo und ich haben volles Verständnis, dass man sich sachlich-fachlich näher kommt.
Aber nicht unser Ältester, der Dritte im Bund, der liebe Rudolf! Während ich mit der unbekannten Begleiterin der beiden „Hübschen“ Konversation treibe, spielen sich zwischen Rudolf, Klaus und Frau Hübsch interessante Dinge ab. Klaus und Leo erzählen mir am nächsten Tag davon.
Rudolf muss mit wachsendem Unbehagen zur Kenntnis nehmen, dass Klaus mit der Funktionsgym-nastik ein Thema gefunden hat, dass ihm den Löwenanteil der Aufmerksamkeit von Frau Hübsch beschert.
Auch Rudolf ist ein Freund gewisser gymnastischer Übungen. Wenn man seinen Andeutungen Glauben schenken darf, findet er daran trotz altersbedingter Schwächen immer noch viel Freude. Er verfügt also über die nötige Bewegungserfahrung, jedoch fehlt ihm die Fähigkeit, auf dem von Klaus angegebenen hohen Niveau darüber zu diskutieren. Zu gut Deutsch, er kann nicht mitreden.
Nun muss der arme Kerl mit ansehen, wie Frau Hübsch, die erste und einzige Frau, die uns auf Karpathos mehr als 5 Minuten Zeit am Stück widmete, an Klauschens sportlicher Bildung und vielleicht nicht nur an ihr Gefallen findet. Er kann sich nicht dazwischen werfen, wenn die beiden Argumente austauschen und -Iris möge mir die Feststellung verzeihen- den ein oder anderen Blick. Das ist reiner Frust für Rudolf, da staut sich etwas an, spitzt sich zu, bis es ungehemmt aus ihm hervorbricht: „Nun schauen sie mich doch einmal so hübsch an wie den Klaus!“ Ist das die Mög-lichkeit?
Klaus und Leo wechseln ungläubige Blicke. Beide trauen ihren Ohren nicht, aber die Reaktionen bestätigen es. Rudolf hat diesen unmöglichen Satz ausgesprochen. Er ist da und niemand kann ihn aus der Welt schaffen.
Gott sei Dank reagiert Frau Hübsch charmant. „Ich heiße sogar Hübsch“, erklärt sie „das ist mein Familienname.“ Man frotzelt noch und nach und nach wird die Peinlichkeit der Situation etwas entschärft.
Wir rätseln natürlich, was sich Rudolf dabei gedacht haben könnte. Er gibt nur eine Antwort: nichts, gar nichts.
Nachvollziehbar ist, dass derjenige, der glaubt, der attraktivste Mann von uns zu sein, auch erwartet, dass ihm die Herzen der Frauen zufliegen. Nun gibt es Unwägbarkeiten. Manchmal läuft es halt anders. Man wird verständlicherweise neidisch auf denjenigen, dem mehr Aufmerksamkeit zuteil wird. C’est la vie.
Aber wie kann ein vernunftbegabtes Wesen -und Rudolf hat von seinem äußerlichen Erscheinungs-bild her Anspruch darauf, in diese Kategorie eingeordnet zu werden- versuchen, dieses Schicksal durch eine platte Aufforderung zu wenden?
Erklärbar ist so etwas nicht. Man kann Vermutungen anstellen. Vielleicht setzte zunächst der Verstand aus. Dafür mag der an diesem Abend reichlich genossene Alkohol gesorgt haben. Viel-leicht spielt auch diese immer noch ungebrochene Engmannsche Naivität eine Rolle, die sich Rudolf auch im fortgeschrittenen Alter erhalten hat. Möglicherweise ist er auch gar nicht Schuld. Eltern, Lehrer, Erzieher, wer auch immer, haben es in jungen Jahren verpasst, ihm das notwendige Portionchen Schamgefühl einzupflanzen. Was könnte unter dieser Voraussetzung der arme Rudolf dafür, dass bei ihm die Sicherungen durchbrennen?
Sicherlich könnte ich mir noch tiefer schürfende Gedanken über fehlende psychische Mechanismen machen. Ich ziehe es vor, mich Leos Meinung anzuschließen, der schlicht und einfach konstatiert: Unglaublich ist das, einfach unglaublich!
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