Karpathos & Rhodos 2001 - Tag 9

Montag - 9. Reisetag

Fast ebenso unglaublich ist an diesem Morgen unsere Taxifahrt nach Mesochorion, dem Ausgangs-punkt einer Tageswanderung. Doch vor der erlebnisreichen Fahrt im langsamsten Taxi zwischen Amopi und Olympos dürfen wir Zeugen einer Schaueinlage ganz besonderer Art sein. Die Hauptrol-le in der Farce spielt Klaus. Sie hat eine Vorgeschichte.
Am promillereichen Sonntagabend hatten wir alle mehr oder minder elegisch das Ende unserer viertägigen Langstreckenwanderung zum Inselnorden beklagt.
Die Wanderung gestern zum Strand von Amopi und die anregenden Aussichten dort waren zwar nicht schlecht, vermochten jedoch nicht im Entferntesten das Abendteuergefühl der vergangenen Tage wieder zu beleben. Dieser Spaziergang mit dem läppischen kleinen Rucksack auf dem Buckel, mit Wasserfläschchen, Handtuch und Badehose darin war wohl eher eine weibische Angelegenheit, nichts für Abenteuer erprobte, harte Männer wie uns, die, ohne zu murren, literweise Flüssigkeit ausschwitzten und zentnerweise Lasten schleppten. Klaus schwärmte zwar noch gestern vom rucksacklosen, leichtfüßigen Gang, der es seinen Treterchen erlaubte, sich endlich wieder sportlich federnd von Staub und Stein abzuheben. Aber unser Auftreten mit den unspektakulären Mini-Rucksäcken befriedigte ihn ganz und gar nicht. Man würde ja wie ein normaler Feld-Wald-und-Wiesen-Tourist betrachtet. Er drückte es noch kürzer und präziser aus. Man wurde überhaupt nicht mehr beachtet.
Wir hatten unsere Ausnahmestellung auf Karpathos eingebüßt. Wir hatten uns durch eigene Schuld zu Fliegengewichtlern degradiert. Da musste Abhilfe geschaffen werden. Sollten wir nicht, schlug Klaus nach dem dritten oder vierten Glas Uozo vor, am Montagmorgen wieder mit unseren Riesen-rucksäcken starten, damit Gott und die Welt sähen, dass die harten Hunde aus Bonn ihren langen Marsch fortsetzten? Natürlich, stimmten wir wein- und uoso seelig zu, schließlich könnten wir unsere Rucksäcke ja mit Zeitungspapier ausstopfen. Klaus tendierte, wenn ich mich recht entsinne, dazu, das Vakuum mit Ziegelsteinen auszufüllen. Er fürchtete, dass ihm sein weit über die Grenzen von Karpathos bekannter Sherpagang unecht wirken könnte, wenn er rein pantomimisch imitiert würde.
Also, ein Gag war dieser Einfall schon. Rudolf schien hellauf begeistert zu sein. Für Schaueinlagen, auch wenn die Ideen nicht auf seinem Mist gewachsen sind, ist er immer zu haben. Ich fand die Idee lustig, aber eben nur als Ausgeburt feuchtfröhlicher Sauffantasien. Leo sah das ähnlich nüchtern, jedenfalls so nüchtern, wie es sein Alkoholpegel erlaubte.
Beim Frühstück am Montagmorgen wird der Rucksackplan mit keinem Wort erwähnt. Wir haben unseren Spaß an jener sagenhafte Aufforderung Rudolfs, Frau Hübsch möge ihn doch auch einmal so hübsch anschauen wie den Klaus. Die Episode ist für mich neu.
Sie lenkt mich ein paar Minuten von meiner Hauptbeschäftigung an diesem Morgen ab. Ich frage mich nicht zum ersten Mal, warum ich in Griechenland nicht endlich aufhöre, mich mit Uoso zu besaufen. Den Wein trinke ich auch gerne und er hat längst nicht so unangenehme Nachwirkungen.
Mein dicker Kopf beschäftigt mich ausreichend. Die Rucksackfantasien? Schnee von gestern! Auf der Bettkante sitzend warte ich darauf, dass Rudolf seine sieben Sachen gepackt hat. Die Tür öffnet sich. Leo steht davor. Und wer zwängt sich da mit seinem Riesenrucksack durch die Türpfosten? Wer mag es wohl sein? Der liebe Klaus. Er kann es nicht fassen. Rudolf und ich sitzen da mit unserem Minigepäck und lachen ihn aus. Er erinnert uns daran, welche Pläne wir gestern Abend geschmiedet haben. In seinen Augen sind wir Verräter. Die nackte Enttäuschung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Einen Versuch startet er noch: „Bitte Rudolf, schnall du doch den großen Rucksack auf!“ Wenigstens von ihm hätte er erwartet, dass er die Nummer durchzieht. Aber Rudolf lässt sich nicht erweichen. Klauschens Illusionen zerplatzen, als wir ihm erklären, dass wir nur zum Spaß auf seine Vorschläge eingegangen seien.
Ich hoffe nicht, dass er in Zukunft noch größere Enttäuschungen verkraften muss. An dieser wäre er schon fast zerbrochen.
Wir wollen nach Mesochorion. Im Zentrum Pigadias stehen eine Reihe von Taxen, überwiegend moderne Fahrzeuge, sogar ein E-Klassen-Mercedes ist darunter. Die Fahrer stehen im Pulk zusam-men und unterhalten sich. Wir melden uns bei ihnen. Nach Mesochorion wollten wir. Ein alter Mann, der in Deutschland schon mindestens 15 Jahre seine Rente genießen würde, löst sich aus der Gruppe und bittet uns, ihm zu folgen. Er führt uns zu seinem Wagen. Der scheint älter zu sein als sein Fahrer. Eine Rostlaube aus den Gründerzeiten von Opel erwartet uns.
Wir wollen nicht an einer Old-Timer-Tour auf Karpathos teilnehmen, sondern so schnell wie möglich zum Ausgangspunkt unserer Wanderung. Wir fragen den Alten, ob wir nicht mit einem richtigen Auto fahren können. Doch der kennt kein Pardon. Seine Kiste müssten wir schon nehmen. Es gäbe, das bestätigen die anderen Taxifahrer, keine Alternative. Solidarität zählt, der Kund muss sich fügen.
Wir schlagen drei Kreuzzeichen, steigen ein und vertrauen auf Gott. Die Angst, dass ein tollkühner Alter unser Leben beenden könnte, indem er seine Rappelkiste gegen eine Mauer setzt, erweist sich als unbegründet. Eher müssen wir befürchten, an Altersschwäche zu sterben, bevor wir unser Ziel erreichen.
Gut, eigentlich war uns schon auf dem ersten Blick klar, dass unser Taxifahrer kein Michael Schu-macher und das Vorkriegsmodell unter seinem Hintern kein Ferrari ist. Auch werde ich von keinem Taxifahrer verlangen, dass er schon auf den ersten 2 Kilometern dafür sorgt, dass mein Mageninhalt sich durch die Seitenscheibe auf den Asphalt ergießt.
Aber, wenn man eine Kurve behutsam mit 10 Stundenkilometern durchfährt und die nächste Stra-ßenkrümmung sich erst wieder in 500 Metern Entfernung abzeichnet, dann besteht die Möglichkeit, den Zeitaufwand, den man benötigt, um solche Entfernungen zu überbrücken, etwas zu verkürzen, indem man sein Auto langsam, aber stetig beschleunigt.
Das denken wir, aber nicht der alte Herr am Steuer. Seelenruhig navigiert er sein Gefährt im Schne-ckentempo durch den Süden von Karpathos. Wir haben noch einen Funken Hoffnung, dass er seinen Diesel erst einmal richtig anheizen muss. Erst fängt er ganz langsam an, aber dann.... Dann? Dann kommt nichts mehr.
Sind wir nicht ungerecht. Auf ebenen, halbwegs geraden Streckenabschnitten steigert er die Ge-schwindigkeit um ein Vielfaches. Dann klettert der Tachometer von 10 auf 20, 30 ja sogar sagenhaf-te 40 km/h. Das sind atemberaubende Augenblicke! Aber dann sieht sich der Herr der Rostlaube gezwungen, seinem Gefährt wieder das Schonprogramm zu verordnen.
Am schlimmsten wird es kurz vor Mesochorion. Dort windet sich die Straße serpentinenreich durch die zum Meer hin auslaufenden Flanken des Kali Limni-Massivs. Auf diesem Straßenstück, kurz vor der Abzweigung nach Spoa, hat man etwas für die Infrastruktur getan. Ein breites, fachmän-nisch gebautes Asphaltband mit gut sichtbaren Seitenmarkierungen zieht sich durch das üppige Grün.
Fast jeder Autofahrer würde hier das Gaspedal ein paar Zentimeter tiefer drücken. Unser Oldie denkt nicht dran. Die Qualität der Straße beeindruckt ihn überhaupt nicht. Vielleicht macht ihm der etwas steilere Abfall zum Meer Angst. Oder er fürchtet, ein wild gewordener Grieche könnte aus der Gegenrichtung kommend die nächste Kurve schneiden und mit uns zusammenstoßen. Rechts-kurven sind tatsächlich sein größtes Problem. Er wird extrem langsam. Ich erwarte jeden Augen-blick, dass er bremst und aussteigt, um zu sehen, ob uns kein Gegenverkehr gefährdet. Ganz so weit kommt es nicht. Aber wir hätten natürlich Zeit in Hülle und Fülle, uns an den Schönheiten der Westküste zu berauschen. Mir fällt das schwer. Frische Luft täte mir besser gut.
Auf halbem Weg zwischen Lefkos und Mesochorion liegt ein Feuerwehrhaus. Von hier aus, ent-nahm ich meinem Wanderführer, geht ein markierter Pfad auf den 1215 Meter hohen Kali Limni. Bei der Vorbesprechung in Bonn versuchte ich meine Mitstreiter für diese Gipfelersteigung zu gewinnen, sozusagen den höchste Inselberg als krönenden Abschluss. Die Begeisterung der Drei hielt sich schon in Bonn in Grenzen. Schaun wir mal, hieß es.
Gestern oder vorgestern startete ich einen neuen Motivationsversuch, eigentlich gegen besseres Wissen, weil für sie die Zeit der Abenteuer abgelaufen war. Die drei wollten kein Risiko mehr eingehen und schreckten davor zurück, sich eventuell noch am letzten Tag zu überanstrengen. So war es. Den Versuch hätte ich mir sparen können.
Gestern fand ich das bedauerlich. Heute nicht mehr. Wenn ich jetzt aus dem Taxi die Nordwest-flanke des Kali Limni hoch schaue, sehe ich, wie Wolkenschwaden schon auf halber Höhe von starken Winden über die Hänge getrieben werden. Schlechtes Wetter kündigt sich an. Der Gipfel selbst taucht nur kurz auf. Der Himmel zieht sich zu. Wenn man sich dann noch, wie ich später in Lefkos lese, auf Orientierungsprobleme gefasst machen muss, und wenn ich diese zerklüfteten steilen Flanken sehe, in denen man sich verlaufen kann, dann danke ich den Dreien, dass sie mich in diesem Fall vor Risiken schützen.
Irgendwann kommen wir in Mesochorion an. Oberhalb des Dorfes hört die Straße auf. Steine, Zement, sämtliche Baumaterialien, die im Ort gebraucht werden, lädt man hier ab, und lässt sie von Eseln und Mulis die Gässchen und Treppen herunter tragen. Vom Zauber des Dorfes, den einige Wanderer, mit denen wir sprachen, rühmten, bekommen wir wenig mit. Wir wollen wandern. Der Spaziergang durchs Dorf gerät kurz. Nicht einmal die drei Kirchen am Westrand Mesonchorions sehen wir.
Nach ein paar Minuten liegt das Dorf hinter uns. Eigentlich eröffnet sich schon jetzt, vom Fußweg nach Lefkos aus, der durch grüne Gärten führt, ein phantastischer Rückblick auf das Dorf. Eigent-lich! Die Dorfbewohner haben vielleicht beim letzten Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner wer-den“ anderen den Vortritt gelassen. Auf beiden Seiten des Maultierpfades aus Naturstein häuft sich der Müll. Säcke und Kisten voller Unrat, ausrangierte Haushaltsgeräte, Herde und Öfen zieren den Wegrand.
Mehr als 200 bis 300 Meter schleppt hier niemand seinen Müll aus dem Dorf. Bald wandern wir auf wunderschönen Pfaden über einen Gebirgsausläufer. Den Blick zurück auf Mesochorion kann man genießen. Später durchqueren wir ein flaches Waldgebiet, dann eine Hochebene mit Büschen und Gräsern.
Ein durch große Granitquader begrenzter, von Menschenhand erbauter unterirdischer Raum, der durch riesige Dachquader abgedeckt wird, gibt Anlass zu einer archäologischen Schmalspurdiskus-sion. Im Reiseführer wird behauptet, wahrscheinlich handele es sich um Katakomben. Die Wissen-schaft, so steht es geschrieben, habe sich nicht damit beschäftigt. Die Nischen in einigen Seiten-wänden und der kreuzförmige Grundriss würden diese Annahme stützen. Auf dem Hinweisschild vor diesem Monument jedoch steht „Zisterne“, ohne Zeitangaben oder sonstige Informationen. Zwischen Klaus und mir entbrennt ein fast schon heftiger Meinungsaustausch. Warum eigentlich? Ich weiß nur noch, dass Klaus von der Katakombentheorie überzeugt war und ich vom Gegenteil.
Als wir in Lefkos ankommen, haben sich schwarze Wolken über den Bergen zusammengezogen. Der Himmel hängt bleischwer überm Meer, hohe Wellen rollen gegen den Strand und vertreiben die letzten Badenden.
Der Ort hat ähnlich wie Amopi kein Zentrum. Einige Hotels und Gästehäuser verteilen sich an den drei Buchten und im flachen Hinterland. Eine Reihe von Tavernen am Ende der Hauptbucht dient auch jetzt als Anlaufstelle.
Es ist kalt geworden. Ans Badevergnügen ist nicht zu denken. Was sollen wir hier eigentlich? Ich habe zu nichts Lust. In so einem Fall ist es für mich das Beste weiterzugehen. Anstrengung und Schweiß vertreiben, das weiß ich aus Erfahrung, meine schlechte Laune.
Die anderen sind auf eine Mittagspause eingestellt. Wir flüchten in eine Strandkneipe und trinken Cola. Ich bin müde und unzufrieden. Klaus und Leo schlagen vor, eine Kleinigkeit zu essen. Warum nicht? Vielleicht vertreiben Gaumenfreuden meine schlechte Laune. Eine Speisekarte gibt es hier nicht. Wir werden in die Küche gebeten, um zu sehen, was unseren Appetit anregen könnte. Ge-kocht wird in einem kellerartigen Gewölbe. Spärliches Tageslicht fällt durch die Tür. An der Decke hängen ein paar Glühbirnen. Die Beleuchtung reicht aus, uns Appetit auf all die Leckereien zu bekommen, die in Töpfen und Pfannen garen und köcheln. Wir müssen uns zügeln, um nicht ungehemmt zuzuschlagen.
Nachdem wir unsere Wahl getroffen haben, erzählen Klaus und Leo, dass der Blick in die Küche widerstrebende Gefühle wachgerufen hätte. Sie vermuten, dass der Raum absichtlich so dürftig ausgeleuchtet wäre. Das schummrige Licht sollte verdecken, dass Töpfe und Pfannen, Arbeitsplat-ten und Tische verdreckt waren. Mir war zwar das Durcheinander von Arbeitsgeräten und Speisen aufgefallen, für die Hygiene aber hatte ich keinen Blick.
Leider lassen sich Klaus und Leo von der Unsauberkeit der Küche nicht wirklich beeindrucken. Als die Speisen aufgetischt werden, langen sie zu, was das Zeug hält. Und es schmeckt ausgezeichnet. Die Rechnung überrascht uns. Bei den primitiven Verhältnissen in Küche und Restaurant haben wir diese gepfefferten Preise nicht erwartet.
Am Nachbartisch vergnügt sich ein vielleicht 60jähriger Deutscher mit zwei etwa gleich alten, blassen Damen. Er spielt den Entertainer und kippt sich ein Viertel Wein nach dem anderen hinter die Binde. Die Frauen hören brav zu.
Aus einer Tür in der Nähe tritt eine große, korpulente Frau und setzt sich zu den drei Deutschen. Man kennt sich. Der Mann unterbricht seinen Redefluss. Die Frauen dürfen auch ein paar Sätze austauschen, bevor der Vielredner fort fährt, sie zu strapazieren.
Die Neue ist auffällig kostümiert. Jeder läuft hier mit Hosen, Anoraks und Pullovern herum. Es ist kalt und regnerisch. Die Neue ist zurechtgemacht, als wollte sie in die Oper. Der schwarze Rock, das dunkle Jackett und die dunkle Bluse wirken leicht deplaziert. An Hals und Ohren glitzert jede Menge Schmuck und ihr Make-up hat sie nicht zu knapp aufgetragen.
Dann der nächste Auftritt. Ein elegant gekleideter Herr betritt die Bühne. Dunkles, in Maßen ergrautes Haar, dunkelblauer Anzug, graues Hemd, dezente Krawatte. Der Gruppe will er nicht zu viel Zeit schenken. Er hat etwas Besseres, Wichtigeres vor. Die Höflichkeit gebietet, den Bekannten trotzdem ein paar Minuten zu widmen. Den Rundblick zu den 20 bis 30 Gästen, die hier sitzen, erspart er sich.
Aus gutem Grund. Wir sind nicht die einzigen Deutschen, die hier sitzen. Und ein Deutscher, der älter ist als dreißig wird ihn vielleicht erkennen, den früheren Shootingstar der deutschen Politik, den Fraktionsvorsitzenden der SPD, der auf dem besten Weg war, Kanzlerkandidat seiner Partei zu werden, wäre da nicht die Barschel-Affäre gewesen, die seine Karriere beendete. Björn Engholm hat die Ehre direkt neben uns zu sitzen.
Mich erkennt er nicht, ich aber ihn. Seit fast einem Jahrzehnt sieht man ihn kaum noch. Er hat sich, wie ich erst kürzlich in einer Talkshow hörte, nahezu vollkommen aus der Politik zurückgezogen. Das Alter ist nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Vielleicht hätte ich ihn nicht wieder erkannt, wäre er nicht vor ein paar Monaten im Fernsehen aufgetreten. Bei Klaus, Leo und Rudolf fällt der Groschen nicht, obwohl ihnen der Typ irgendwie bekannt vorkam.
Die drei finden das Ereignis nicht aufregend. Ich auch nicht. Aber trotzdem. Da sitzt man am Ende der Welt, langweilt sich, überlegt, was man hier eigentlich verloren hat, beobachtet, weil einem nichts besseres einfällt, eine uninteressante Gesprächsgruppe, da tritt eine leibhaftige Gestalt der Zeitgeschichte auf und verbreitet an diesem trostlosen Nachmittag die Aura eines „Elder Statesman“ in dieser abgelegenen Gegend. Ist das denn nichts?
Gemessen an den Belanglosigkeiten der zweiten Hälfte dieses Tages ist der Auftritt des Björn Engholm erwähnenswert. Das meine ich jedenfalls.
Was tut sich sonst noch. Wir sitzen in der Taverne, bestellen ein Taxi, warten endlos, fahren zurück nach Pigadia, essen, schlafen, stehen am nächsten Morgen, am Dienstag, früh auf und mit der Taxifahrt zum Flughafen und dem vorhergehenden Abschied von Leo und Klaus beginnt für Rudolf und mich der zweite Teil des Urlaubs, die Radtour durch Rhodos.
An diesem Montagnachmittag in Lefkos ist mir klar, dass die Wanderung sehr schön war, dass aber gestern schon die Luft etwas raus war und heute erst recht. Die Woche klingt aus. Es fehlt ein Höhepunkt zum Abschluss. Wir diskutieren das Thema. Die Drei empfinden das Manko, wenn überhaupt, weniger stark.
Das Kernstück der Woche, die dreitägige Streckenwanderung von Pigadia nach Olympos, war sicherlich eine runde Sache. Das gilt auch für das Vorsatzstück am Ankunftstag, die Streckenwan-derung, die Rudolf und ich vom Flughafen zur Bucht von Amopi und weiter nach Pigadia unter-nahmen. Durchaus empfehlenswert auch der sich der Langstreckenwanderung anschließende Rundweg von Olympos über Avlona und Vanande zurück nach Olympos.
So erlebnisreich der Tag war, Klaus spürte schon da, dass etwas fehlte. Die Rückkehr nach Olympos im Taxi mit leichtem Gepäck in ein bekanntes Quartier war nicht vergleichbar mit den Ankünften in Kira Pinagia, Spoa oder gar Olympos.
Trotzdem, die Strecke war abwechselungsreich und die Rückkehr in das außergewöhnliche Olym-pos war der eigentliche Grund dafür, dass wir dieses Dorf und nicht etwa Pigadia als Zentrum der Erlebnisse auf der Insel ansahen. Die letzten zwei Tage aber hätten wir anders gestalten können, oder wie ich finde, müssen.
Mir fällt, ohne dass ich mich mit Planungsdetails auseinandersetze, folgende Variante ein. Statt mit dem Schiff zurück nach Pigadia zu fahren, hätten wir auf der Westseite der Insel zurückwandern können. Eine Taxifahrt auf der Staubstraße bis zum Fuß des Kymarasberges, dann über den Berg nach Spoa marschieren und weiter nach Mesochorion, das wäre eine Alternative gewesen.
Ein absolutes Highlight, aber natürlich auch eine anstrengende Sache, dann am letzten Tag die Besteigung des Kali Limni von Mesochorion aus. So ein Knaller zum Abschluss beflügelt meine Fantasie.
Ich denke, so ein Tag könnte z.B. so ausgesehen haben: In aller Herrgottsfrühe, etwa um 6 Uhr morgens Wecken, Frühstück bekommt man noch nicht, also nüchtern losmarschieren (um Verpfle-gung kümmert man sich am Abend vorher), irgendwann isst und trinkt man etwas, dann weiter; wir sehen keine Wegmarkierungen mehr, erreichen trotzdem gegen Mittag den Gipfel, steigen zur Lastos-Alm herab und kommen total kaputt in Vollada, einem der südlichen Dörfer an, Taxifahrt nach Pigadia, beim Abendessen nicken wir schon über der Hauptspeise ein... Wäre das denn nichts?
So oder ähnlich würde ich mir die letzten beiden Tage vorstellen. Auch wenn Rudolf, Leo und Klaus zugestimmt hätten, den Kali Limni am Montag zu ersteigen, eine Annahme, die ich für illusorisch halte, hätten wir angesichts der Wetterverhältnisse den Plan fallen lassen müssen. Eine Alternative wäre die leichte Wanderung über Lefkos und Piles z.B. nach Menetes mit anschließen-der Taxifahrt nach Pigadia gewesen.
Vielleicht lebt die Erinnerung an Karpathos nicht nur davon, was wir erlebt haben, sondern auch davon, was wir hätten erleben können, wenn... Rudolf und ich hatten Rhodos noch vor uns und damit genügend Gelegenheiten, uns auf unseren Rädern zu schinden. Für Klaus und Leo muss der Abschied von uns gleichbedeutend gewesen sein mit dem Abschied von der Insel. Sie hatten zwar noch 8 bis 9 Stunden zur Verfügung. Doch Karpathos ohne Rudolf und Walter muss für sie mindes-tens ebenso schlimm gewesen sein wie für Iris das schöne Bonn ohne den geliebten Klaus.

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