Kreta 1998 - Tag 1
Erste Etappe: Von Matala nach Spili
Vorweg ein Exkurs in unsere Tourenplanung: Die erste mehrtägige Rundfahrt sollte im Wesentlichen entlang der Südküste bis Sfakia oder Paleochora führen. Von dort sollte es nach Norden und ev. mit dem Bus zurück nach Matala gehen. Die zweite etwa dreitägige Tour sollte uns durch das Gebiet um Agios Nikolaos, Ierapetra und der Lasithi-Hochebene führen. Anstatt zwischendurch zurück nach Matala zu fahren, wollten wir vielleicht auch mit dem Bus direkt in das zweite Gebiet. Diese Variante war für den Fall vorgesehen, daß uns sonst zu wenig Zeit für die zweite Rundstrecke geblieben wäre.
Ein Hauptgesichtspunkt bei der Tourenplanung war, Mittagspausen so oft wie möglich am Strand zu verbringen. Das erwies sich als sehr sinnvoll, denn Anfang Oktober kletterte das Thermometer gegen 13 Uhr regelmäßig auf über 30° C, und auch die Wassertemperaturen lagen über 20° C. Für unsere Verhältnisse war das der reine Hochsommer!
Der ideale Tagesablauf sollte dann also so aussehen: morgens zwischen 9 Uhr und 12 Uhr sollte etwa 2/3 der Strecke zurückgelegt werden, und das letzte Drittel nach der Mittagspause bis etwa 17 Uhr. Dann wurde es dunkel.
Die Teilabschnitte unserer ersten Etappe von Matala nach Spili waren - so gesehen- nicht ideal proportioniert. Die Vormittagsstrecke bis Agia Galini war 32 km lang, hätte durchaus länger sein können, während der Streckenabschnitt, den wir uns für den Nachmittag vorgenommen hatten, etwas leichter hätte sein können. Er war fast genauso lang, aber es musste eine Höhendifferenz von 500 m überwunden werden. Nothing is perfect.
So hieß es: 7 Uhr wecken, 8 Uhr frühstücken. Etwa gegen 9 Uhr ließen wir unser schönes Hotel "Calypso" hinter uns. Zunächst ging die Straße hoch in die Berge. Wir erreichten Pitsidia und bogen kurz hinter der Ortschaft von der Hauptstraße ab nach Kamilari, einem schönen Dorf, das nur zwei bis drei Kilometer vom Meer entfernt liegt. Über ausgetrocknete Flussbetten ging es nun auf direktem Weg nach Timbaki. Sehenswerte Ausgrabungen wie Festos oder Agia Triada, die wir fast ohne Umweg hätten ansteuern können, schenken wir keine Beachtung. Radfahren und Kultur brachten Rudolf und ich nicht auf einen Nenner.
Timbaki ist nach Mires die zweitgrößte Stadt in der Messara-Ebene. Heraklion hatte uns ja schon in Schrecken versetzt, diese Kleinstadt wirkte mindestens ebenso trostlos: Hausskelette, leer stehende oder nur halbbezogene Bauten, überwiegend unverputzte Außenwände, kein erkennbares Zentrum, eher eine Aneinanderreihung von Dörfern entlang eine fast schnurgeraden Hauptstraße, der übliche Müll, richtige Schuttberge und am Ortsausgang Gewächshäuser aus Plastikplanen, die, einmal ausrangiert, zu Haufen zerfetzt neben der Straße lagen. Handwerksbetriebe neben Kafenien, Wohnhäuser neben Großhandelsunternehmen, beim besten Willen kein Bild, das man als buntgemischt betrachten könnte, für mich war das einfach etwas chaotisch.
Hinter Timbaki blieben wir noch ein paar Kilometer in der Ebene, dann ging es über Ausläufer des Kedros-Gebirges auf eine Höhe von 200 Metern. Oben bogen wir von der Hauptstraße nach Rethimnon ab und fuhren in weiten Kehren auf gut asphaltierter Straße runter nach Agia Gallini ans Meer.
Wir durchquerten den Ort, der auch jetzt im Herbst noch voller Touristen zu sein schien und über einen schönen Strand besaß. Dort nahmen wir uns zwei Liegestühle und sonnten uns, bis der Magen knurrte. Direkt hinter dem Strand gab es ein schattiges Restaurant. Es war gut besucht.
Aber erst musste ich zur Toilette. Etwas weiter hinten befände die sich, wurde mir erklärt, durch die Tür und dann rechts. Das Wohnhaus des Wirts und seiner Familie befand sich ein paar Meter weiter hinten. Das Erdgeschoß dieses großen Hauses war zu einem riesigen, mindestens 100qm großen Lagerraum für Getränkekisten umfunktioniert worden, eine malerische Rumpelkammer, in der alles Mögliche, vor allem aber leere Kästen und auch einige volle total verstreut standen. Halbwegs geordnet hätte das Zeugs auch in einem viel kleineren Raum Platz gehabt. Alles in allem: der Betrieb dieses Wirts war, schon was die Lokalitäten anging, urgemütlich.
Die Seelen des Ladens waren Jannis, der Wirt, und Maria, seine Tochter. Jannis begrüßte alle Gäste, speziell die weiblichen mit einem speziellen Charme, der mich an Julio Inglesias erinnerte, besser an die proletarische Version desselben, mit hinten raushängendem Hemd und auch sonst etwas zerknittertem Outfit. Er umarmte alle Stammgäste, betätschelte sie, gab Küsschen, kam zwischendurch immer mal wieder an deren Tische, erkundigte sich, gab ein Anekdötchen zum Besten, spendierte eine Lokalrunde Uozo, kurz, er war jedem ein guter Freund. Und wer hätte sich da nicht wohl fühlen müssen?
Die Aufmerksamkeit des Wirts galt zwar im Prinzip jedem, aber vor allem den Frauen. Für die Männer war Maria, seine etwa 20-jährige Tochter, zuständig. Maria war kräftig gebaut und beileibe keine Schönheit. Das Besondere an ihr waren die Mühelosigkeit, mit der sie bediente, und die Frische und Schlagfertigkeit, mit der sie die Gäste unterhielt. Die Leute riefen ihr Bestellungen zu, während sie rechnete. Sie ging auf scherzhafte Bemerkungen ein, während sie einem Gast, der sie betatschte, einen freundlichen Klaps auf die Hand gab. Maria war ein Allround-Talent, wen wunderte es da, daß ich mir beim Bier reichlich Zeit ließ, sogar noch einen Bauernsalat bestellte und fast die ganze Mittagszeit über dem Treiben zusah.
Schließlich entdeckte Rudolf, nachdem er sich gesonnt hatte, auch noch die Idylle hier oben auf dem Betonsockel und erfreute sich der kühlen Getränke und der munteren Wirtstochter.
Wir lagen noch ein Weilchen auf Jannis Liegen (kostenlos), gegen 15.30 Uhr brachen wir auf. Schließlich war das 28 km entfernte, fast 500 m höher gelegene Spili unser Etappenziel, und schließlich hatte ich ja noch einen Plan im Hinterkopf, von dem Rudolf noch nichts wusste...
Am liebsten hätte ich an diesem Sonntag nämlich noch Plakias erreicht, wenn nötig im Dunkeln. Dieser Küstenort, der weitere 22 km von Spili entfernt lag, wäre ein idealer Ausgangspunkt für die nächste Etappe am Montag gewesen. Von Plakias hätten wir am nächsten Morgen Sfakia erreichen können, um dann am Nachmittag mit dem Schiff entlang der Weißen Berge nach Sougia oder Paleohora zu fahren, usw.!
Während ich auf dem Fahrrad schwitzend Pläne schmiedete für den nächsten und übernächsten Tag, sagte mir ein innere Stimme: Walter, mach halblang!
Gott sei Dank, kannte ich mich selbst ein klein wenig. Ich neige dazu, mich unter Zeit- oder Planungsdruck zu setzen mit dem Ergebnis, die angestrebten Ziele zwar in der Regel zu erreichen, aber keinen Spaß mehr daran zu haben.
Da war es schon gut, Rudolf dabei zu haben, der keinerlei Vergnügen dabei empfand, meine Planungsvorgaben zu erfüllen. Außerdem gab es ein paar einfache Fakten, die ich nicht aus der Welt schaffen konnte: Jeder hatte etwa 10 kg Gepäck auf dem Rad, und heute fuhren wir unsere erste Etappe. Rudolf hatte vorher fast gar nicht trainiert und ich hatte mich auch nicht gerade intensiv vorbereitet.
Bei rechtem Licht betrachtet, war es schon besser, die Dinge langsam anzugehen. So hatte Rudolf auch keine Probleme, meinen Versuch, ihn zur Weiterfahrt nach Plakias zu überreden, scheitern zu lassen. Kopfgeburten!
Zunächst galt es, die Muskeln zu gebrauchen. Auf stetig steigender Straße mussten wir unsere 80 kg Körpergewicht nebst Gepäck und Fahrrad in das malerische Bergland zwischen Kedros- und Asideroto-Gebirge wuchten.
Das Tal breitete sich mit dem silbrigen Grün der Olivenbäume und dem satteren Grün der Wiesen und Weiden vor den kahlen rotbraunen Felsflanken des Kedros aus. Ganz im Westen noch hinter dem Kedros-Gebirge waren, leider etwas im Dunst, die mächtigen Rundungen des Psiloritis zu erkennen. Bei Akoumia ist das Gebirge fast zum Greifen nahe, die tiefen Rillen und Schluchten in den erodierten Hängen wirken gewaltig und wüst. Hier war der Scheitelpunkt im Steigungsprofil der Strecke erreicht, zwar gibt es noch einen kurzen Anstieg nach Kisson Kambos, aber dann ging es mit leichtem Gefälle hinunter nach Spili.
Bei der Zimmersuche erhielten wir erste Einblicke in Familienstrukturen. Ich klopfte bei einer Pension an. Eine schwarz gekleidete, alte Frau mit Kopftuch zeigte mir 2 oder 3 Zimmer im Obergeschoß des Hauses. 5000 Drachmen wollte sie für die sauberen, aber mit ältlichen Möbeln ausgestatteten Doppelzimmer mit Dusche und WC haben.
Ich wollte ein Zimmer nehmen, Rudolf war es zu teuer. Wir wandten uns schon zum Gehen, als das Mütterchen uns bedeutete, wir möchten noch einen Augenblick warten. Sie öffnete die Tür zum Wohnzimmer, wo ihr Sohn oder Schwiegersohn saß, führte einen kurzen Wortwechsel und unterbreitet uns das nächste Angebot. Nun kostete ihr Zimmer nur noch 4000 Drachmen und sie zeige uns moderner ausgestattete Räume im Erdgeschoß.
Zweifellos hatte die alte Frau die Arbeit mit der Zimmervermietung, verfügte auch über die nötigen englischen Sprachkenntnisse, aber das Sagen hatte der Mann im Haus.
Die Verhandlungsprozedur, die für mich etwas unangenehm, für Rudolf normal war, schien ihre Beziehung zu uns keineswegs zu trüben. Als wir das Haus zur Abendessenszeit verließen, schenkte sie uns Nüsse, die sie vor der Haustür knackte, lächelte uns freundlich, fast ehrerbietig an, verneigte sich mehrmals und winkte uns zu. Mit ähnlichen Freundlichkeiten überhäufte sie uns bei der Rückkehr und auch am Morgen beim Abschied.
Ich hatte das Gefühl, daß wir es nicht einfach mit einer geschäftstüchtigen, sondern mit einer ausgesprochen netten Gastgeberin zu tun hatten.
In der Taverne, unweit des Brunnens mit den 19 Löwenköpfen, durften wir in die Küche und aus den verschiedenen Töpfen unsere Mahlzeit auswählen. Da Verhältnis zwischen Wirt und Koch auf der einen Seite und dem Gast auf der anderen wird dadurch persönlicher. Die Köchin, die mir ein Hammelfleischgericht empfohlen hatte, verabschiedete sich freundlich, als sie zum Feierabend in ihre Wohnung ging. Ich zeigte durch Gesten an, daß mir das Abendessen gut geschmeckt hatte, und sie freute sich darüber.
- La Palma Infos
- Beispiellink - ...