Kreta 1998 - Tag 2
Zweite Etappe: von Spili nach Sfakia
Wir starteten, ohne zu frühstücken, gegen 8 Uhr. Vorher füllten wir die Flaschen mit dem frischen Quellwasser aus dem Löwenbrunnen, und es ging in die 22 km lange Teiletappe nach Plakias, die in unserem Fahrrad-Reiseführer als mäßig bergab gehend und wenig kraftraubend beschrieben wurde. In Plakias wollten wir dann gegen 9 Uhr am Meer richtig frühstücken. Aber die Rechnung hatte ich ohne den Wirt gemacht.
Die Straße führte zunächst durch hügeliges, fruchtbares Land meist leicht bergab; doch vollkommen überraschend befanden wir uns plötzlich in einer tiefen Schlucht mit schroffen, nahezu senkrecht aufragenden Felswänden. Tief unter der Straße hatte sich ein jetzt wasserloses Flussbett eingegraben.
Unserem Reiseführer, den wir vorher nur überflogen hatten, entnahmen wir, daß dieses dramatische Tal die Kourtaliotis-Schlucht war, durch die jener Fluss floss, der am bekannten Palmenstrand von Preveli ins Lybische Meer mündete. Eine solch grandiose Szenerie wäre eigentlich kein Grund gewesen, zu fürchten, daß sich die Einnahme des Frühstückes verzögern würde. Aber Rudolf hatte ja noch seinen Fotoapparat, an dem ich bisher kaum Anstoß genommen hatte.
Das sollte sich ändern: Vom Rad steigen, knipsen, ein Stück zurückfahren, die Perspektive verwerfen, endlich den tollen Bildausschnitt finden, zufrieden wieder aufbrechen, erneutes Staunen über noch tollere Motive; die Prozedur, kaum hatte ich gehofft, sie überstanden zu haben, begann es wieder von vorn. Mein Schicksal, eine seiner Fotosessionen, nahm ihren Lauf.
Noch abrupter, als sich die Schlucht geöffnet hatte, verließen wir sie. Hinter einer Rechtskurve kurz vor Asomatos öffnete sich das Tal und gab den Blick über die ganze Küstenregion frei.
Die zweite Verzögerung ging auf mein Konto. Während die kürzere, steigungsfreie Route nach Plakias über Lefkogia führte, schlug ich versehentlich den anstrengenderen Weg über Mariou ein. In zu steilen Kehren fuhren wir ständig bremsend hinunter nach Plakias. Für die wunderschöne Lage des Ortes hatte ich bei der steilen Abfahrt noch keinen Blick. Die konnten wir bei der Mittagspause würdigen.
Das Gebiet zwischen Plakias und Hora Sfakia wird in den Reiseführern nicht nur als eine der schönsten Küstenregionen Kretas bezeichnet, sondern enthält auch jene Charakteristika einer Route, auf die ich abfahre: Verkehrsarmut, schroffe, bizarre Berge, die ins Meer abfallen, wüstenähnliche Abschnitte und eine Straßenführung, die in einiger Entfernung vom Meer sowohl Ausblicke in die Berge als auch über die Küstenregion zulässt.
Die Etappe war wirklich toll. Zunächst der Rückblick auf die fast kreisrunde Bucht von Plakias, die flachen Küstengebirgszüge und dahinter die mächtigen Bergrücken des Kedros- und Ida-Gebirges. Wir hätten uns kaum sattsehen können, wäre da nicht das steile Anfangsstück der Strecke bis Sellia gewesen, das uns arg zu schaffen machte. Hinter Mirthios wollte und wollte das fast 300 m hoch gelegene Sellios nicht näher kommen. In einer langen Straßenschleife, die über die Kotzifou-Schlucht führte, blies uns starker Wind entgegen. Die Steigung betrug hier über 10%, so daß ich es nur durch extremes Zickzack-Fahren vermied, vom Rad steigen zu müssen.
Die Straße überquerte die Schlucht und schlängelte sich in Kurzkehren an der gegenüberliegenden Talseite hoch. Jetzt blies uns der Wind in den Rücken und fast leichtfüßig erklommen wir die letzten Höhenmeter bis Sellia. Kurze Rast mit eisgekühlter Limo und Mineralwasser für 1oo Drachmen pro Dose; ein Spottpreis, aber ein toller Genus! Schon ging es weiter.
Später in Rodakino durchquert die Straße in abenteuerlichen Kleinstkehren die Koraka-Schlucht. 60 bis 80 Meter über mir tauchte ein Reisebus auf. Einige der engen Kurven bewältigt der Busfahrer nur, indem er anhielt, zurücksetzte und im Schneckentempo weiter vorfuhr. Es dauert ein halbe Ewigkeit, eher mich der Bus passierte. Nicht zu Unrecht stieg ich vorher vom Rad, denn es war kaum ein Handbreit Platz zwischen der Lenkstange und dem Fahrzeug.
Um Frangokastello, einem von den Venezianern errichteten Kastell, breitete sich eine steppenartige Küstenebene aus. Die Stille und Weite der Landschaft wurde nur beim Kastell, das direkt am Meier liegt, von Badegästen und Besuchern unterbrochen.
Wir genehmigten uns eine zweistündige Badepause, dazu Bier, Limo und eine Liege für den stolzen Preis von 1000 Drachmen.
Gegen 15 Uhr brachen wir auf. 1 1/2 Stunden später erreichten wir Sfakia, nachdem wir kurz vorher schon einen Blick auf die Straße nach Imbros geworfen hatten, auf der sich die Busse der Samaria-Tour durch eine bergige Steinwüste nach oben quälten. Wir würden ihnen morgen folgen!
Bei "Stavris", einer empfohlenen Übernachtungspension, erhielten wir für 5000 Drachmen ein Zimmer mit Dusche und WC, von dem aus wir einen Blick auf die herrliche Küstenlinie im Westen werfen konnten.
Obwohl die Busse inzwischen dabei waren, die Samaria-Wanderer zurück an die Nordküste zu bringen, herrschte in den Restaurants am Meer zur Abendessenszeit reger Betrieb. Wir aßen gut und begaben uns zu einem Schoppen zurück zu "Stavris". Rudolf ging früh ins Bett und ich setzte mich vorm Haus zu einem alleinsitzenden etwa 30 jährigen jungen Mann, der in umfangreichen Aufzeichnungen schrieb. Irgendwann schloss er sie und wir plauschten englisch miteinander. Es dauerte bestimmt eine viertel Stunde, eher sich herausstellte, daß wir Landsleute waren. Mich hatte er von Anfang an als Deutschen identifiziert, sich selbst jedoch nicht als solchen zu erkennen gegeben. Das Deutschsein scheint immer noch eine komplizierte Angelegenheit zu sein, jedenfalls für ihn.
Der junge Mann war -wies er erzählte- den größten Teil des Jahres als Weltenbummler unterwegs, lebte dabei von den Einkünften aus einem geerbten Mehrfamilienhauses, jobbte zur Aufbesserung seines Budgets ein paar Monate im Jahr als Architekt bei einem befreundeten Kollegen, dachte sehr ökologisch, gab sich zufrieden mit seinem Leben, wurde aber von einer Art ökologischem Weltschmerz ergriffen, wenn er an die abertausend Todsünden dachte, welche die Menschheit seiner geliebten Mutter Erde antat.
Wir plauderten noch bis tief in die Nacht hinein draußen auf dem kleinen Platz am Ende der Gasse. Es war wie in den alten Jugendherbergszeiten, als man in Avignon oder auf den Liparischen Inseln oder Gott- weiß -wo- Zufallsbekannten sein halbes Leben erzählte, bzw. das, was man dafür hielt, und sich anschließend meist nicht mehr sah.
Meinem Weltenbummler begegnete ich noch kurz am Morgen. Er überholte uns mit seinem Auto, als Rudolf und ich den Berg hoch keuchten, er hupt, wir wechselten während der Fahrt ein paar Worte und weg war er.