Kreta 1998 - Tag 3

3. Etappe. Sfakia - Vrises - Busfahrt nach Agios Nikolaos

Es gibt Fahrradetappen wie aus einem Guss, die den Eindruck hinterlassen, daß alles total harmonisch verläuft. Andere dagegen sind voller Hektik und Ungewissheit. Bei der Etappe, die ich jetzt beschreibe, wechselten die Szenerien und das Tempo, in dem wir Eindrücke verarbeiten mussten, in geradezu rasanter Weise. Wir durchfuhren sehr gegensätzliche Landschaften und zwischen der Stille in den Lefka Ori und dem Betrieb am Busbahnhof in Vrises oder später in den Straßen von Agios Nikolaos schienen Welten zu liegen.
Zunächst mussten wir fast 800 Höhenmeter an der Südflanke der Weißen Berge empor klettern. In der unteren Hälfte des Hanges, an dem sich die Straße in vielen Haarnadelkurven hoch windet, wuchs kein Baum, kein Strauch und kein Grün, es gab nur Steine, Geröll und vertrocknete Kräuter. In dieser Wüstenland-schaft waren das Blau des Himmels und das des Meeres die einzigen wirklichen Farben.
Die fast vollkommenen Stille dort, in der wir meist nur unser Keuchen hörten, wurde dann und wann unterbrochen von entgegenkommenden Bussen, die "Lasy - Samaria" - Touristen zum Schiff nach Agia Roumeli brachten, von wo es dann zu Fuß bis zur berühmten "Eisernen Pforte" ging.
Aber wir nahmen kaum Notiz von ihnen, wir waren vollauf mit uns beschäftigt, denn das war heute unsere erste wirkliche Bergetappe. 900 m Höhendifferenz lagen nahezu ohne Unterbrechung vor uns. Rudolf und ich waren keineswegs sicher, ob wir die schaffen oder zwischendurch schlappmachen würden.
Zunächst legten wir den Schongang ein, doch bald kamen wir gut in den Tritt. Die Hitze wurde, je höher wir kamen, umso erträglicher. Besonders in den Kurven wehte eine frische Briese. Wir legten zu, jeder fuhr sein Tempo. Längere Zeit war ich allein in dieser Einöde und nahm alles umso bewusster wahr: meinen schwerer Atem, den Schweiß, der mein Hemd durchtränkte, die Belastung der Muskeln, meinen Pulsschlag und den Rhythmus meiner Bewegungen hier auf dem Rad. Ich ging nicht an die Belastungsgrenze, ich spürte meinen Körper und die Sonne, sah die herrliche Gegend und fühlte mich frei und irgendwie happy.
Auf vielleicht 500 m Höhe gab es das erste Grün. Kiefern krallten sich an bizarre Felsen, die letzte Haarnadelkurve und dort war ein Aussichtspunkt, von dem aus man tief in die Imbros-Schlucht gucken konnte. Die Szene belebte sich. Ein Bus hielt, die Insassen vertraten sich die Beine und kletterten auf Felsen, um besser sehen zu können. Einige schienen schon nach kurzer Zeit nicht mehr so recht zu wissen, was sie hier sollten.
Wir gönnten unseren Körpern die Ruhepause und genossen den Ausblick. Weder mit den Bustouristen noch mit den Autoinsassen hätte einer von uns tauschen wollen.
Hier oben verlief die Straße jetzt fast kurvenlos neben der nun alpin anmutenden Imbros-Schlucht, die sanft und sattgrün in eine Art Hochebene einmündete. Trotz der Mittagszeit waren die Temperaturen gerade richtig zum Radfahren.
In einem Kafenion in Askifou tranken wir etwas und tauschten mit einem Pärchen aus Berlin Reiseerfahrungen aus. Die Frau litt unter einer bei Kretatouristen weit verbreiteten Krankheit, dem Samaria-Syndrom, das die Gehwerkzeuge ungeübter Samariawanderer heimsucht, so daß der Versuch, zum Einkaufen aus dem Auto zu steigen, etwa so strapaziös ist wie die Ersteigung des Mount Everest.
Erheblich flotter war jener junge Mann, der mit seinem Mountainbike an der letzten Steigung am Rande der Askifou-Ebene zu uns aufschloss und uns ein viertel Stündchen von seinen Touren kreuz und quer über die Insel erzählte. Er gehörte zu den ganz wenigen Radfahrern, denen wir begegneten, die mit ihrem vollen Gepäck unterwegs waren.
Nun eine rauschende Abfahrt nach Vrises. Oben gab es tolle Ausblicke auf die höchsten Gipfel der weißen Berge, weiter unten eine mediterrane Kulturlandschaft mit Oliven-, Zitronen- und Nussbaumanpflanzungen, mit kiefern- und zypressengesäumten Straßen und Höhenzügen und in den Dörfern schmückten Oleander und Bougainville die Vorgärten.
Den Busbahnhof von Vrises erreichten wir schneller, als ich dachte. Aber mit einem Schlag war unsere Ruhe dahin. Wir hatten uns entschieden, von hier mit dem Bus direkt nach Agios Nikolaos zu fahren und wollten auf den ursprünglich eingeplanten Zwischenaufenthalt in Matala verzichten. Laut Reiseführer werden Fahrräder in den Kofferräumen der Linienbusse mitgenommen, jedoch nur unter der Vorraussetzung, dass dort genügend Platz ist. Das ist das Problem.
Kein Beamter am Fahrkartenschalter verkauft uns eine Fahrkarte. Es könnte ja sein, dass der Kofferraum voll ist! Wir würden mitgenommen, wenn es möglich wäre. Mit dieser Ungewissheit warten wir auf den Bus. Der Busfahrer wird gefragt, ob er die Räder mitnehmen könnte. Er gibt sein Plazet. Einer von uns achtet darauf, dass die Räder sachgemäß verstaut werden, während der andere die Fahrkarten löst. Alle Mitfahrer warten darauf, dass wir endlich fertig sind. Wir schwitzen am ganzen Körper.
Dann endlich die Busfahrt nach Heraklion. Dort stiegen wir in den Bus nach Agios Nikolaos, halsbrecherische Überholmanöver auf der New Road steigerten nicht gerade mein Vergnügen an der Fahrt. Ich döste noch etwas und schließlich erreichten wir gegen 17.30 Uhr Agios Nikolaos.
Am Busbahnhof schleppte uns ein älterer Herr mit Auto ab. Er bot uns ein Zimmer für 4000 Drachmen an, das sich zwar als einfach, aber ruhig und vor allem zentral gelegen erwies.
Am Abend tauchten wir in den Trubel dieses lebhaften und schönen Urlaubsortes ein, der mit einem interessanten Geschäftsviertel, einem alten Hafen und einem mit dem Meer verbundenen Binnensee auch um diese Jahreszeit viele Menschen anlockte. Teure Geschäfte, viele Schmuckläden und gediegene Restaurant zeugten davon, daß hier auch Leute mit Geld hinkamen.
Wir ließen beim Abendessen am Binnensee den Tag noch einmal vorbeiziehen: morgens stille Wüstenlandschaft, mittags ein gemütlicher Plausch am Rande der Straße, dann eine schöne Abfahrt durch grüne Täler, nachmittags das ungewisse Warten am Busbahnhof und die Fahrt hierher und jetzt das bunte Treiben dieses Urlaubszentrums. Was wollten wir mehr!

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