Kreta 1998 - Tag 4

4.Etappe: Agios Nikolaos - Ierapetra

Auch über diesen Mittwoch ließen sich Seiten füllen. Aber irgendwie hat uns diese Etappe nicht gerade zu Begeisterungsstürmen hingerissen. Dabei war es keineswegs so, daß etwas nicht geklappt hätte oder atmosphärische Störungen zwischen Rudolf und mir auf die Stimmung geschlagen wären. Sogar die Landschaft, die wir durchquerten, war durchaus reizvoll.
Was uns traurig machte, war ein riesiges Stück verbrannter Kulturlandschaft entlang der Straße von Prima nach Kalamafka. Aber die längste Zeit durchquerten wir schöne, manchmal schon abgeschiedene Landstriche mit herrlichen Aussichten.
Wodurch unsere Stimmungen auch immer entstanden sein mochten. Wir fanden die Etappe nicht so toll und deshalb fasse ich mich etwas kürzer.Wir saßen in Agios Nikolaos schon so früh auf unseren Rädern, daß wir Schwierigkeiten hatten, ein Restaurant zum Frühstücken zu finden. Eine Tasse Kaffee gab es am Hafen, Gebäck beim Bäcker, so waren wir vor 9 Uhr auf der Hauptstraße Richtung Sitia. Die Mirabellenbucht hinter uns, das Panorama von Agios Nikolaos und den Dikti Berge, wahrlich beeindruckend, aber auf einer weniger verkehrsreichen Straße hätten wir die Aussichten besser auf uns wirken lassen können.
Kurz vor Istro bogen wir nach Süden in eine wenig befahrene Straße ab, die über Kalo Horio und Prina nach Kalamafka führte. Kurz vor diesem Ort erreicht man einen vielleicht 450 m hoch liegenden Punkt, von dem aus man gleichzeitig aufs Kretische und Lybische Meer blicken kann, ein Vergnügen, das laut Auskunft unseres Reiseführers kein anderer Aussichtspunkt auf Kreta bietet.
Wir konnten uns an dieser Perspektive nicht allzu sehr erfreuen, denn wir befanden uns dort immer noch in der Mitte der größten Fläche verbrannter Erde, die ich bis dato zu Gesicht bekommen hatte. Dabei glaubte ich anfangs, kurz vor Prina noch, daß es sich um einen von vielen Bränden handelte, die im Mittelmeerraum häufig einen Bergrücken oder ein paar Hektar Macchia heimsuchen. Aber dieser Brand entpuppte sich als ausladender Flächenbrand, dessen Folgen wir noch 20 km weiter zwischen Kalamafka und Ierapetra sehen konnten und der so frisch war, daß der Brandgeruch noch überall in der Luft lag. Dunkelbraun bis grauschwarz verkohlte Hänge, das aus kilometerlangen Schläuchen bestehende Bewässerungssystem ein Raub der Flammen, eine gespenstische Szenerie aus Baum- und Buschskeletten; mindestens bis zum ersten Herbstregen würde es dauern, bis zumindest optisch diese Brandwunden vom ersten Grün überdeckt sein würden.
Wir sahen zu, daß wir weiterkamen. Gegen Mittag erreichten wir den Strand von Ierapetra, wo ich nach dem obligatorischen Bauernsalat am Strand einschlief. Gegen 14 Uhr wachte ich auf. Als Rudolf keinerlei Anstalten machte, die geplante Rückfahrt nach Agios Nikolaos anzutreten, gestattete ich mir -so zu sagen experimentell- folgende Überlegungen: Auf die Strecke durch das Brandgebiet hast du wenig Lust. Die kürzeste Verbindung zur Nordküste, die 14 km lange Hauptverbindung nach Pahia Ammos, reizt dich ebenso wenig. Auch sonst sprühst du nicht gerade vor Unternehmungsgeist. Warum solltest du wieder den Antreiber spielen und ihn einheizen, damit wir bald aufbrechen können?
Ich befand mich also in der glücklichen Lage, die Dinge auf mich zukommen lassen zu können. Schaun wir mal! Und ich wartete, die Zeit verging, aber nichts tat sich. Rudolf legte sich auf seine teuer bezahlte Liege, Rudolf ging am Strand spazieren, Rudolf badete, legte sich wieder, badete noch mal, usw.
Um 15.20 Uhr - wie man sieht, verfolgte ich die Entwicklung in dieser Phase minutiös- war es praktisch nicht mehr möglich, im Hellen auf dem Rad nach Agios Nikolaos zurückzukommen. Deshalb zettelte ich den folgenden Dialog an:
Zunächst möglichst unverfänglich: "Ja Rudolf, es ist 15.20 Uhr, was machen wir nun?"
Antwort: "Ja das stimmt, da müssen wir uns mal fertig machen." Frage: "Wohin fahren wir?"
Rudolf: "Wir wollten doch nach Agios Nikolaos."
Gott sei Dank, ist dieser Mensch nicht halsstarrig. Er ließ sich belehren, daß es dafür zu spät war und wir blieben in Ierapetra.
Über die Pension "Gorgona" stand im Reiseführer nur positives. Wir waren schon in der richtigen Straße, als uns eine adrett aussehende Frau in gutem Deutsch ansprach. Wir suchten bestimmt ein Zimmer, sie hätte ein sehr schönes. Wir suchten die Pension Gorgona, meinten wir. Da brauchten wir gar nicht fragen, die Besitzer wären verreist. Aber sie hätte ein Zimmer mit Küche und Bad, also ein Appartement, und das sei mindestens ebenso gut und koste nur 4500 Drachmen. Sie zeigte auf den aufgeschlagenen Reiseführer: Die freundliche Wirtin aus der Pension "Coral" mit den guten Deutschkenntnissen, das sei sie.
Unsere wirklich nette Gastgeberin war eine clevere Person. Wie wir später sahen, bezog sie abends ihren Stammplatz, um Gäste an Land zu ziehen, genau an der Straßenecke, die alle Zimmersuchenden passieren mussten, welche in einer von drei empfohlenen Pensionen Quartier machen wollten.
Nach dem Abendessen und dem anschließenden Bummel über die Uferpromenade saßen wir noch ein Stündchen auf dem Balkon unseres Appartements und schauten hinab auf die engen Gassen und Hinterhöfe der Altstadt. Als wir uns schlafen legten, war es hier draußen noch so warm, daß wir mit nacktem Oberkörper dort die Nacht hätten verbringen können.

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