Kreta 1998 - Tag 5

5.Etappe: Agios Nikolaos - Plaka - Finokalia - Neapoli - Agios Nikolaos

Tagesrundfahrten hatten wir eigentlich nicht eingeplant. Unfreiwillig kehrten wir bei dieser Etappe am Abend dorthin zurück, wo wir am Morgen aufgebrochen waren, nach Agios Nikolaos. Endpunkt sollte eigentlich Neapoli sein. Aber das letzte Hotel hatte dort vor einiger Zeit dicht gemacht, so daß wir am späten Abend noch ein Stündchen dranhängen mussten.
Dass wir überhaupt in die Berggegend hinter Plaka wollten, lag an den Empfehlungen H. Lindenbergs in "Kreta per Rad". Der pries die Strecke in den höchsten Tönen als tolle, lohnende Etappe und war von der melancholisch, heiteren Szenerie hin und her gerissen.
Der Mann schien unseren Geschmack zu haben. Hier gab es das, was zumindest mich an solchen Touren begeistert: Abgeschiedene Landstriche, in denen die Kargheit des Bodens und die Armut der Menschen das Vordringen moderner Errungenschaften noch weitgehend verhindert hatten.
Und meine Erwartungen wurden eher noch übertroffen. Denn in diesem Nord-westzipfel war ein Stück ursprüngliches Kreta erhalten geblieben. Und als wir am Abend aus dem kargen, melancholischen Bauernland wieder in der Kleinstadt Neapoli hinein fuhren, könnte man meinen, aus einer anderen Zeit in die Gegenwart zurückgekommen zu sein.

Praktisch mitten in der Nacht, um 8 Uhr, standen wir morgens am Busbahnhof von Ierapetra, gegen 9 Uhr saßen wir schon auf unseren Rädern und fuhren entlang der Mirabellenbucht von Agios Nikolaos nach Plaka. Die Straße, die in die Küstenhänge hinein steigt, gewährte einen Überblick über das ausgedehnte Feriengebiet zwischen Agios Nikolaos und Elounda mit einer Vielzahl Hotels, Clubanlagen, Appartement Siedlungen usw. Die Anlagen wirkten erstklassig bis luxuriös. Es ist kein Wunder, dass Agios Nikolaos als Zentrum für den, der den Trubel liebt etwas zu bieten hat.
Hinter Elounda ließen wir fast schlagartig diese sehr lebhafte Region hinter uns und konnten auf der nun schmaleren, kaum befahrenen Strasse aufatmen und entspannen. Gegenüber der Halbinsel Spinalonga radelten wir direkt am Meer entlang. In Plaka erinnerten nur noch ein paar Dinge an den Tourismus: Hinweisschilder auf Pensionen, Fischrestaurants und die Bootsüberfahrt zur Leprainsel. Nun verließ die Straße die Küste und stieß in zwei weiten Kehren in die gebirgige Nordwestecke Kretas.
Wir gewannen Höhe und schauten hinunter aufs Meer, auf Spinalonga, Elounda, Agios Nikolaos, die weite Rundung der Mirabellenbucht. Noch vor kurzem steckten wir mittendrin in dem Trubel dort unten, aber hier herrschte Einsamkeit pur. Hier oben war eine andere Welt mit ein paar verkrüppelten Büschen und Bäumen, mit vertrockneten Gräsern und Haufen von Steinen an diesem mächtigen Küstenhang.
Kurz vor Vrouhas, dort wo ein paar Windmühlenstümpfe in den Himmel ragten, verschwand die Ostküste aus dem Blickfeld. Wir fuhren nun durch hügeliges Bergland, im Norden begrenzt durch das Kretische Meer, das auf den nächsten 20 Kilometern fast immer einen tiefblau kontrastierenden Hintergrund abgab. Dem steinigen Untergrund haben die Bauern durch Steinmäuerchen geschützte Parzellen abgewonnen, auf denen Olivenbäume nicht allzu üppig wuchsen. In den Talmulden war trotz fünfmonatiger Trockenheit noch etwas Grün übrig geblieben. Dort weideten kleine Gruppen von Schafen. Von ihrem entfernten Glockengeläut waren die Täler erfüllt.
Dann die vielen kleinen Dörfer: Die sonst sehr verbreiteten Aluminiumrahmen, mit denen auf Kreta Fenster wind- und wetterfest gemacht werden, fehlten hier oben ebenso wie Leichtmetalltüren, die andernorts nicht unbedingt zur Verschönerung des Dorfbildes beitrugen. Die Bausubstanz etlicher Häuser hier war schlecht, und bei manchen Gebäuden, die ich zunächst für unbewohnt hielt, stellte sich heraus, daß sich alte Leute hinter den zugigen Fenstern und Türen zu schaffen machten.
In einem Dorf machte ich einen blitzneuen Laden aus, halb Lebensmittelgeschäft, halb Kafenion. Die riesige Colareklame auf dem mächtigen Kühlschrank nahm sich hier ebenso wie von einem anderen Stern aus wie der ultragalaktische Sonnenschirm, der seinen Schatten auf den weiß getünchten Vorhof warf. Innen gab es sogar eine gläserne Kühltheke für Wurst und Käse. Der Fortschritt machte auch in diesem entlegenen Winkel nicht halt, aber wenn überhaupt, konnten wir ihn hier nur im Ansatz ausmachen.
In unserem Reiseführer stand, die Menschen hier seien abweisend. Das fanden wir gar nicht, im Gegenteil. Zwar blickten die alten Frauen, wenn wir sie von unseren Rädern grüßten, nur kurz auf, aber sie grüßten zurück. Offener, freundlicher, wenn auch nicht neugierig schauten uns die Männer an. In Kato Loumas wollte ich nach anstrengendem Aufstieg in ein Kafenion. Etliche Männer saßen dort unter einem Sonnenschutz dichtgedrängt auf ein paar Stühlen. Als ich die Enge dort sah und abdrehen wollte, rückten sie sofort zusammen und forderten mich auf zu bleiben. Ich dankte, nahm aber das freundliche Angebot nicht an, denn bald würde Rudolf eintrudeln, und der gehörte nicht zu den allerschlanksten.
Gelegenheit zur Rast gab es etwas später, als ein kleines Sträßchen zum Dorf Finokalia abzweigte, das nur ein paar Meter abseits der Hauptstraße lag. Drei alte Männer saßen dort an der Weggabelung auf einer Bank unter Bäumen. Auf meine Frage hin erklärte einer, der etwas Englisch sprach, daß es dort im Dorf ein Kafenion gäbe. Er wolle gerne dem lieben Rudolf, der ein paar Meter hinter mir lag, Bescheid sagen, wohin ich mich verzogen hätte.
Kaum hatten wir das geklärt, kam der aber schon um die Ecke. Gemeinsam erreichten wir das beschriebene Kafenion, wo wir uns an einem stahlblauen Tisch unter Weinranken niederließen und bei einer wiederum sehr freundlichen alten Frau unsere Getränke bestellten. Jeder von uns orderte inzwischen gleich zwei Dosen, denn unsere ausgedörrten Kehlen brauchten in dieser Mittagshitze Flüssigkeit ohne Mengenbeschränkung. Wir ließen es zischen.
Nach einigen Minuten tauchte der Alte von der Wegkreuzung bei uns auf. Er versuchte herauszufinden, wer wir waren, woher wir kamen, usw. Leider beschränkten sich seine Englischkenntnisse auf solche Fragen. Als wir unsererseits etwas über das Leben hier oben herauskriegen wollten, war er zwar nicht verlegen um Antworten, aber diese passten nicht zu unseren Fragen. Er hatte seinen Spaß daran, das Palaver fortzuführen, obwohl auch ihm klar sein musste, daß wir uns nicht verstanden.
Der Alte war ein Fuchs. Unsere Verständigungsmöglichkeiten waren schon lange ausgeschöpft, als unser "Engländer" immer noch munter der andächtig lauschenden Wirtin irgendetwas übersetzte. Die bewunderte ihn anscheinend oder tat zumindest so. Der Alte war hier oben zuständig für internationale Kommunikation und diese Rolle hätte er sicherlich noch weitergespielt, wenn uns das Pseudogespräch und natürlich die Mittagshitze nicht müde gemacht hätten.
Der Körper verlangte sein Recht, zumindest Rudolfs. Der müde Krieger wischte mit einem Papiertaschentuch ein Stück vom Tisch notdürftig sauber, legte sein Ärmchen darauf, bettet sein stolzes Löwenhaupt in der Armbeuge und entschlummerte sanft.
Ich war empört. Die Oldies um uns herum rissen sich fast ein Bein aus, um die Kommunikation irgendwie in Gang zu halten, und Rudolf pennte ein. Die Wirtin und der "Engländer" teilten meine Empörung nicht. Im Gegenteil, sie sahen das Nickerchen hier als die natürlichste Sache der Welt an. So sackte auch ich ganz enthemmt "a la Rudolf" auf die blaue Tischplatte und folgte ihm ins Reich der Träume.
Im Halbschlaf drangen Gesprächsfetzen an mein Ohr. Rudolf musste schon wieder Rede und Antwort stehen. Ich zog es vor, mich noch etwas länger schlafend zu stellen.
Doch was hörte ich da? Man sprach deutsch! Zwar etwas gebrochen, aber immerhin. Da musste ich mitmischen! Zwei Tassen Griechischer Kaffee vertrieben die Müdigkeit und ich konnte einem anderen alten Mann zuhören, der wahrscheinlich hierher gekommen war, weil er gehört hatte, daß zwei Deutsche da wären. Der Alte -achtzig Jahre hatte er auf dem Buckel- versuchte, seinen deutschen Wortschatz, den er vor langer Zeit einmal gelernt hatte, sichtbar angestrengt zu mobilisieren. Dabei nahm er oft mehrmals Anlauf, verwarf angefangene, aber nicht fortsetzbare Sätze wieder, fing wieder an, merkte, daß wir nichts verstanden, brachte dann irgendwie endlich einen Satz heraus, den wir kapierten, und das Spiel ging wieder von Neuem los.
Wir entnahmen seinen Erzählfragmenten, daß er 1942 bei der Besetzung Kretas durch deutsche Truppen in Kriegsgefangenschaft geraten war. Als Bergarbeiter hätte er in Mannheim (hier lag wohl eine Verwechslung vor), später in Kattowitz und dann in der Tschechoslowakei unter Tage gearbeitet. 1946 sei er nach Kreta zurückgekehrt.
Ich bewunderte den Alten. Bei den Schwierigkeiten, die er mit der deutschen Sprache hatte, hätte im umgekehrten Falle jeder Deutsche mit ähnlich schwachen Griechischkenntnissen kapituliert. Nicht so der Alte.
Was er uns erzählte, trug er keineswegs anklagend vor, sondern einfach und sachlich. Wir hatten in keinem Augenblick das Gefühl, daß wir uns hätten entschuldigen müssen für das, was Deutsche ihm angetan hatten. Ihm ging es nicht um die Leidensgeschichte, sondern er mühte sich in einer ihm längs nicht mehr geläufigen Sprache ab, weil er mit uns Fremden hier einfach reden wollte. Vielleicht war das ein Beispiel für die freundliche Aufgeschlossenheit, die man hier dem Fremden noch entgegenbringt.
Und er redete über seine Kriegsgefangenschaft, weil sie wahrscheinlich das einzige Thema war, zu dem ihm noch ein paar Vokabeln einfielen.
Die Spekulationen über die Motive des Alten konnten wir nicht fortsetzen, wir mussten weiter. Einige Streckenkilometer und Höhenmeter lagen bis Neapoli noch vor uns, und wir verabschiedeten uns von den netten Leuten.
Irgendwo hinter Finokalia führten Mutter und Tochter eine Schaafherde über die Straße. Wir stiegen ab und schoben unsere Räder hinter ihnen her. Kurz darauf schloss sich ein holländisches Ehepaar, das mit dem Motorroller unterwegs war, der Prozession an. Später kam ein Pärchen auf dem Motorrad an, auch die beiden mussten schieben. Vereint trotteten wir hinter den Schafen her. Weder machte die Schäferin Anstalten, ihre Tierchen von der Straße zu vertreiben, noch äußerte irgendjemand aus der Gruppe der unfreiwilligen Prozessionsteilnehmer in irgendeiner Form seinen Unmut. Im Gegenteil, wahrscheinlich genoss jeder das Idyllische der Situation, einen Augenblick lang vom Rhythmus des kretischen Spätnachmittags hier eingefangen zu sein.
Nach etwa 10 Minuten sprangen die Schafe auf eine Anhöhe, die Motoren sprangen an, unser Grüppchen löste sich auf und bald hatten wir hinter Nofelias den höchsten Punkt der Etappe erreicht. Von nun an ging’s bergab! Zunächst auf holprigen Betonplatten, dann auf einer schmalen, gut asphaltierten Straße. Gegen 16 Uhr erreichten wir Neapoli. Dort hatten inzwischen, wie berichtet alle Hotels und Pensionen geschlossen. Es blieb uns nichts anderes übrig als wieder, jetzt zum dritten Mal, Agios Nikolaos anzusteuern. Hier wurde ich Zeuge, wie die Gastfreundschaft der Kreter eine nicht gerade sympathische Verbindung mit ihrer Geschäftstüchtigkeit.
Rudolf hatte, wie er mir erzählte, von einer der "freundlichen Schwestern" (Originaltext Reiseführer) ein Zimmer für 6000 Drachmen angeboten bekommen und den Preis auf 5000 Drachmen runtergehandelt. Durch den Vorbehalt, er müsse erst hören, was sein zur Fahrradwache abkommandierte Freund Walter dazu sagte, hatte die Dienst habende "freundliche Schwester" sich gemüßigt gefühlt, dem lieben Rudolf ein noch attraktiveres Angebot zu machen. Sie zeigte ihm das Kronjuwel der Pension "Milos", ein Eckzimmer mit unverbautem Meeresblick und schönem Balkon. Auch dieses Prachtstück sollte nur den besagten Preis von 5000 Drachmen kosten.
Als ich dann, im Haus angelangt, beim Anblick des schönen Zimmers ohne taktisches Geplänkel erfreut zustimmte, hatte unsere Madame es sich plötzlich anders überlegt. Sie wolle doch 6000 Drachmen haben, schließlich würden unsere Nachbarn für ein weit weniger gutes Zimmer auch so viel zahlen. Wenn die das hören würden! Na ja für 5500 Drachmen ließe sie uns das Zimmer auch, aber bitte ganz leise reden, wenn die das hören würden, usw.
Sie kannte Rudolf noch nicht, sie sollte ihn kennenlernen! Madame hatte gehofft, daß wir jetzt an der Leine zappeln würden, nachdem das Gepäck und die Räder bereits im Haus untergebracht worden waren. Aber mit solchen Finessen biss sie bei Rudolf auf Granit. Mindesten 20 Minuten musste die Wirtin sich mit ihm anlegen. Dabei stellte sie keineswegs in Frage, daß der Preis schon auf 5000 Drachmen heruntergehandelt worden war. Sie verfolgte die einfache Taktik: Ich hab es mir anders überlegt.
Die beiden stritten also nach allen Regeln der Kunst. Zwischen den Scharmützeln wanderten wir in das weniger schöne Zimmer, das sie Rudolf zuerst gezeigt hatte. Das könnten wir für die 5000 Drachmen haben. Aber Rudolf blieb knallhart, Vereinbarung wäre Vereinbarung, er wolle das Eckzimmer haben und so weiter und so fort. Ich versank fast in den Boden, so peinlich war mir die Feilscherei. Schließlich und endlich kapitulierte die "freundliche Schwester" und wir erhielten das umstrittene Objekt zur vereinbarten Kondition.
Beim Bezahlen am Morgen fürchtete Rudolf (mir war es inzwischen schnurz egal, ob ich 500 Drachmen mehr oder weniger zahlen musste), daß Madame wieder auf ihre alte Forderung zurückkommen würde. Sie hätte meinen Personalausweis als Faustpfand benutzen können.
Aber sie tat es nicht, sondern sie verabschiedete uns nach allen Regeln der Kunst wie ihre allerliebsten Gäste mit den besten Wünschen und einem warmen Lächeln. Lang winkte sie uns nach, als wir mit dem Fahrrad davonfuhren, unsere herzallerliebste "freundliche Schwester".

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