Kreta 1998 - Tag 7
7. Etappe: Agios Nikolaos, Lassithii-Hochebene, Heraklion, Busfahrt bis Mires, Matala
Die letzte Etappe hatte es in sich. Die 140 km Streckenlänge und die 1200 m Höhendifferenz, die wir letztendlich zu bewältigen hatten, waren für uns alte Männer mehr, als wir uns normalerweise zumuten wollten.
Wir hatten uns weniger vorgenommen. Die Anfahrt zur Lassthii-Hochebene verlängerte sich um etwa 15 km, weil wir wegen des fehlenden Quartiers nicht von Neapoli aus starten konnten. Dann warfen uns zwei Zwischenfälle mindestens zwei Stunden in unserem Zeitplan zurück und am späten Abend leisteten wir uns noch das Extra, 20 km durch die griechische Nacht nach Matala zu radeln.
Unser Zeitplan hatte für diesen Tag eine Schwachstelle. Wir hatten es dummerweise versäumt, uns nach der Abfahrtszeit der Busse von Heraklion nach Matala zu erkundigen. Deshalb schätzten wir, daß wir am besten vor 17 Uhr Heraklion erreichen müssten, weil der letzte Bus nach Matala erfahrungsgemäß zwischen 17 und 18 Uhr starten würde.
So machten wir uns früh am Morgen auf und waren zuversichtlich, die Etappe ohne Stress bewältigen zu können.
Zunächst lief alles nach Plan. Ohne allzu ausgefallene sportliche Ambitionen kletterten wir die Osthänge der Dikti-Berge hoch unserem ersten Teilziel der Lassthii-Ebene entgegen. Zwischen 12 und 13 Uhr wollten wir oben sein, wir kamen gut voran und da blieb auch noch genug Zeit, uns während einer Pause die Leidensgeschichte einer Frau anzuhören, die zwei Tage vorher die Samaria-Schlucht durchquert hatte.
An diesem ihrem Schicksalstag -berichtete sie- seien von Omalos aus 1800 Personen in die Schlucht hineingelassen worden. An vielen Stellen hätte man kaum eine Möglichkeit gehabt, die Schuhe zuzubinden. Das Filmen mit der Videokamera sei sehr schwer gewesen, den man hätte nicht einfach stehen bleiben können, ohne die ganze Prozession aufzuhalten. Um nicht überrannt zu werden, sei ihr Mann ausgeschert und auf Steine neben dem Tretpfad geklettert. Sie selbst habe versucht, an der Eisernen Pforte an den Felswänden entlang nach oben zu schauen. Aber ihr wäre das nicht möglich gewesen. Durch die dauernde Fixierung des Blickes nach unten während des Marsches durch die Schlucht sei sie sofort schwindelig geworden, sobald sie den Kopf hob, um die imposante Kulisse zu bestaunen.
Warum sie ihre Erlebnisse so negativ schilderte, wurde uns klar, als wir sahen, in welchem beklagenswerten Zustand die arme Frau sich seit ihrer Wanderung befand. Als sie vom Kafenium aus 20 bis 30 Treppenstufen zum Parkplatz heruntersteigen musste, um in ihr Auto einsteigen zu können, war sie gezwungen, rückwärts zu gehen. Ihre Oberschenkelmuskulatur versagte ihr nämlich bei normaler Gangart den Dienst, sie konnte den auf die nächst tiefere Stufe herabfallenden Körper nicht mehr tragen. Da beginnt man zu überlegen. Was treibt solche Personen dazu, ihre gänzlich ungeübten Gehwerkzeuge auf diese Marterstrecke zu schicken, auf der immerhin 1000 Höhenmeter (wenn auch von oben nach unten) überwunden werden müssen?
Wer weiß! Eine verwandte Frage stellte ich mir. Was trieb uns alte Böcke dazu, unseren Körpern, die ihren Leistungszenit schon seit mehr als zwei Jahrzehnten überschritten hatten, diese stundenlangen Bergfahrten mit 10% bis 12% Steigungen zuzumuten?
Die Antwort will ich nicht schuldig bleiben. Ich denke, daß ich auf dem Fahrrad die Landschaft viel intensiver und unmittelbarer erlebe als mit dem Auto. Ich wandere auch gern. Aber oft missfällt es mir, daß ich zum Beispiel zwei Stunden durch den immer gleiche Wald oder dasselbe Tal marschiere. Kein Wechsel der Szenerie, eine gewisse Monotonie, gegen die man bei Fahrradtouren zwar auch nicht geschützt ist, die man aber durch eine gute Streckenplanung weitgehend vermeiden kann.
Außerdem liebe ich die körperliche Strapaze, das Schwitzen, die Anstrengung, den Tretrhythmus und den Körpereinsatz, um gerade hier am Berg Höhe zu gewinnen. Rudolf und ich haben es inzwischen auch raus, die Belastung so zu dosieren, daß wir einerseits das gute Gefühl haben, etwas zu leisten, andererseits quälen wir uns auch nicht so sehr, daß wir den Spaß an der Freude verlieren. Jedenfalls werte ich es als gutes Zeichen, daß wir uns auch nach anstrengenden Bergfahrten, die sich wie heute sogar in die Mittagshitze hineinziehen, in den Pausen schnell wieder erholen und uns anschließend gern wieder auf den Drahtesel schwingen.
Auch die abendliche Regeneration klappte. Eine warme Dusche, eventuell eine halbe Stunde Ruhe auf dem Hotelbett, und schon waren wir wieder fit. Also Erholungsprobleme hatten wir keine, dafür aber Probleme mit der Luft, nicht der, die manchmal knapp wird, wenn man sich überanstrengt, sondern der Luft in Rudolfs Hinterrad, die langsam aber sicher entwich und uns zu einer unfreiwilligen Reparaturpause zwang.
Für einen Ingenieur ist nichts zu schwer. Gründlich, wie Rudolf nun einmal ist, flickte er den Platten. Es war kaum eine halbe Stunde vergangen, da befestigte er bereits die Radtaschen auf dem Gepäckträger. Schon wollten wir uns wieder auf den Sattel schwingen, als eine erneute Nachgiebigkeit des Luftpolsters im frisch reparierten Hinterrad unsere Mienen zerfurchte. Wie hieß die alte Radfahrerweisheit: Flicke niemals ein Rad, eher du nicht nach der Ursache der Panne geforscht hast! Wie wahr!
Es dauerte wieder eine gute halbe Stunde, bis wir den Dorn im Mantel gefunden, den Schaden behoben hatten und die Räder wieder besteigen konnten. 13 Uhr war es bereits, als wir die Passhöhe über der Lassithii-Ebene erreichten. Lange vorher schon hatte Wetterleuchten das vorläufige Ende der Schönwetterperiode mit dem wolkenfreien Himmel angekündigt. Aus der geplanten Rundfahrt durch die Hochebene wurde schon aus Zeitgründen nichts, aber der verhangene Himmel und der Dunst hier oben ließen das Vorhaben auch längst nicht mehr so attraktiv erscheinen.
Wir fuhren auf dem kürzesten Weg nach Tzermiado, wo Rudolf Häkeldeckchen bewunderte. Wahrscheinlich dachte er an ein Geschenk für Christa! Dann ging es über den Ambelo-Pass hinunter in Richtung Küste. Angesichts des Verkehrs konnten wir uns beglückwünschen, dass wir nicht von Heraklion hier hochgefahren sind. Busse, PKW s, andere Fahrzeuge stauten sich auf der kurvenreichen Strecke, bis der Hauptverkehr nach Hersonisos und Malia abzweigte. Die herrlich Landschaft und den Blick auf die tiefer unten gelegene Küste konnte man kaum noch genießen.
Wegen der Staus fuhr ich noch langsamer als üblich. Gott sei Dank. Sonst wäre ich mit wesentlich höherer Geschwindigkeit in eine der Spitzkehren gefahren, in der ich zu Fall kam.
Mitten in der Kurve rutschte das Vorderrad plötzlich weg und mich haute es auf den Asphalt. Ich kam mit der rechten Körperseite auf und rutschte auf Oberschenkel, Ellbogen und Oberkörper über die Straße. Zunächst blieb ich wie gelähmt liegen und versuchte herauszufinden, ob etwas gebrochen oder verletzt war. Während ich aufstand und probeweise die in Mitleidenschaft gezogenen Körperteile bewegte, kam auch schon Hilfe. Eine Engländerin, die mit ihrem Mann im Auto vor mir stieg, hatte angehalten und kümmerte sich rührend um mich. Gemeinsam stellten wir fest, daß nichts gebrochen und daß ich mit ein paar Schürfwunden noch glimpflich davongekommen war. Inzwischen war auch Rudolf eingetroffen.
Gemeinsam überredeten die beiden mich, die Schürfwunden und den Schock mit Bachtropfen zu bekämpfen. Die Tropfen sollten die Wunden desinfizieren und gleichzeitig den Kreislauf beleben. Wie das? Zwar saß mir der Schock noch in den Gliedern, aber ich registrierte schon, daß sich diese doppelte Heilwirkung nicht mit meinem bescheidenen medizinischen Wissen erklären ließ.
Aber das war nicht die Stunde der Kritik. Etwas Besseres als dieses Wundermittel gab es hier nicht, schaden konnte es kaum, und dies reizende Engländerin und der besorgte Rudolf waren von der vielseitigen Heilwirkung der Tropfen so sehr überzeugt, daß es für mich kein Alternative gab. Also Hose runter und Zunge raus. Oberschenkel und Hüfte wurden beträufelt, auch mußte ich etliches schlucken. Und siehe da, nach 10 - 15 Minuten regten sich meine Lebensgeister wieder! Der Schock war überstanden. Ein Schuft wäre ich, würde ich jetzt darüber räsonieren, ob sich der gleiche Effekt nicht auch ohne Bachtropfen eingestellt hätte.
Das Fahrrad hatte lediglich ein paar Kratzer abbekommen, war aber wieder voll funktionsfähig. Lediglich mein Hemd und meine Tennishose waren durch die Rutschpartie auf der ölverschmierten Straße derartig verdreckt, daß sie auch durch zweimaliges Waschen zu Hause in der Waschmaschine nicht sauber wurden. Den Schaden konnte ich verkraften.
Also wieder aufs Fahrrad! Noch vorsichtiger als zuvor setzten wir die Talfahrt fort. Bei Kato Gouves erreichten wir die Küstenstraße, die New Road. Es war inzwischen schon nach 16 Uhr und es lagen noch mehr als 20 km vor uns. Unser Vorhaben, den Busbahnhof von Heraklion bis spätestens 17 Uhr zu erreichen, konnten wir ohnehin nicht mehr realisieren. Aber 17.30 Uhr würde voraussichtlich auch noch reichen. Und tatsächlich wir schafften es! Um Punkt 17.20 Uhr standen wir auf dem Vorplatz des Busbahnhofes von Heraklion. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich am Fahrkartenschalter erfuhr, daß der letzte Bus nach Matala um 17.30 Uhr abfahren würde. Aber ..., was meinte der Kerl dort hinter der Glasscheibe? Abfahrt vom Westbahnhof? Es dauerte, glaube ich, nicht allzu lange, dann hatte ich es gescheckt. In Heraklion gab es zwei Busbahnhöfe, wir waren am Ostbahnhof, und der Bus nach Matala startete in gut 5 Minuten am anderen Ende der Stadt.
In der vagen Hoffnung, daß es gerade dieser Busfahrer mit der pünktlichen Abfahrt nicht so genau nehmen würde, stochten wir, Ampeln bei Rot überfahrend, durch die Stadt, sahen am Westbahnhof auch noch einen gerade um die Ecke biegenden Bus und jemand sagte uns, das sei der Matala-Bus gewesen. Sicher war, wir hatten ihn verpasst und die Hetzjagd, die schon am Nachmittag nach dem Unfall in den Bergen begonnen hatte, hätten wir uns sparen können.
Jetzt saßen wir hier, wo wir nicht bleiben wollten. Wie und wann sollten wir zu unserer Reisegruppe stoßen? Rudolf fand die Lösung. Wir konnten heute Abend noch mit einem Bus bis Mires, einer kleinen Stadt in der Messara-Ebene, fahren und von dort die letzten 20 km bis Matala auf dem Fahrrad zurücklegen. Eine Nachtfahrt zum krönenden Abschluss, was wollten wir mehr! Voraussichtlich würden wir sogar vor Mitternacht im Hotel "Calypso" ankommen!
Jetzt hatten wir alle Zeit der Welt, denn der Bus fuhr erst um 19 Uhr. In der Bahnhofsbar brachten wir unseren Flüssigkeitspegel wieder auf den richtigen Stand. Dann suchte ich, ausgestattet mit frischer Unterwäsche, weißem Hemd und sauberer Hose, die Bahnhofstoilette auf, um meine ölverschmierte Kleidung zu wechseln.
Die Toilette stand in der großen, hohen Halle sozusagen auf Stelzen und war nur über eine wacklige Treppe von unten aus erreichbar. Oben befand ich mich sozusagen in der ersten Etage. Dort gab es ein funzeliges Glühbirnchen, das irgendwo leuchtete, aber auf der Toilette und im Waschraum davor herrschte Finsternis. Zum Glück! Denn was ich trotz der fortgeschrittenen Dämmerung hier oben an Dreck und Unrat gewahrte, reichte sogar mir, und ich gehöre keineswegs zu den hygienisch übersensiblen Typen. Die Schließmuskeln des Verdauungsapparates zogen sich automatisch zusammen. Den aufkommenden Brechreiz konnte ich noch unterdrücken.
Gott sei Dank mußte ich mich ja nur umziehen.
Ich hatte, glaube ich, schon wieder eine frische Hose an, als eine junge Frau den Vorraum betrat und mir klarzumachen versuchte, daß hier nicht mein Platz sei, ich befände mich auf der Damentoilette. Angesichts der verstreut an Haken und Klinken hängenden Kleidungsstücke bzw. Waschutensilien, vielleicht auch beeindruckt von der kraftvollen Schönheit meines nackten Oberkörpers, zog sie es vor, ihre Notdurft auf der Herrentoilette zu verrichten.
Vom Straßendreck befreit, jetzt wieder halbwegs zivilisiert gekleidet, beobachtete ich mit Rudolf das Treiben am Busbahnhof. Scharen von Schülern warteten hier am späten Abend noch auf die Abfahrt ihrer Busse, die sie noch überallhin auf die Insel bringen sollten. Es war schon 18 Uhr, und es würde für etliche Jungen und Mädchen noch ein paar Stunden dauern, ehe für sie das Wochenende zu Hause beginnen würde. Manche Schüler, hörte ich, fuhren nur freitags nach Hause, andere mussten jeden Abend diese Tortur über sich ergehen lassen.
Um 20.15 Uhr kamen wir in Mires an, eine gute Stunde später befanden wir uns, gestärkt durch ein Abendessen, "on the road again".
Nachtfahrt. Hinter Mires gab es keine Laterne, selten ein Haus und nur dann und wann eine kleine Ortschaft. Uns umhüllte die Dunkelheit, nur das Surren der Reifen auf dem Asphalt durchbrach die Stille. Rudolfs Beleuchtung war defekt, der schmale Lichtkegel meiner Halogenleuchte erhellte notdürftig die Straße vor uns. Etwas gespenstisch kam uns die Szenerie vor, als wir die Messara-Ebene in Richtung Süden durchquerten. Und es war Vorsicht geboten. Denn auf den Straßen, die wir bisher kennen gelernt hatten, gehörten tiefe und breite Löcher sowie Querrillen, die vom Verlegen der Bewässerungsschläuche herrührten, ehe zum Standart. Doch wir hatten Glück. Bis Matala blieben die Straßen gut.
Einmal fuhren wir in der Dunkelheit geradeaus, die nach rechts abbiegende Straße übersahen wir. 5 Extrakilometer trug uns das ein, aber sonst verlief die Nachtfahrt glatt, und nachdem sich das anfängliche Kribbeln in der Magengegend gelegt hatte, strampelten wir munter und guter Dinge Matala entgegen. Um 22.30 Uhr erreichten wir unser Hotel.
Eine Gruppe von Deutschen, die den Abend an der Hotelbar ausklingen ließen, schien nichts dagegen zu haben, daß wir uns dazugesellten.
Sie sollten es noch bereuen, denn schließlich waren sie die stinknormalen Pauschalurlauber und wir die Exoten der Szene, jedenfalls kamen wir uns so vor. Wer den Fehler machte, eine harmlose Frage zu stellen, bekam mindestens ein Erlebnis lang und breit, meist im Duett von uns erzählt. Wir waren voller Mitteilungsdrang und nutzten zu so später Stunde schamlos jede kleinste Chance, unsere Geschichten loszuwerden. Wir quatschten uns gründlich aus und vergaßen auch nicht, dem einen oder anderen aus der Runde die Gnade zu gewähren, unsere großen Abenteuer durch eigene Beiträge zu ergänzen und zu runden. Wir kamen also voll auf unsere Kosten und die Tatsache, daß die meisten Teilnehmer der Runde uns am nächsten Morgen noch freundlich grüßten, werteten wir als Zeichen dafür, daß wir ihnen an diesem Abend nicht allzu sehr auf den Keks gegangen waren.
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