Kreta 1998

Erste Flugerfahrungen

Vor dem Flug nach Kreta hatte ich praktisch keine Flugerfahrungen. Ich hörte nur, daß man hier oder dorthin "düst" oder "jumpt". Trotz aller Skepsis glaubte ich, daß Entfernungen, jedenfalls solche im europäischen Bereich, nicht der Rede wert seien.
Bisher hatte ich zwar die meisten Sommerurlaube mit Familie und Auto am Mittelmeer verbracht. Aber ich fing doch schon an, mich als fossilen Idioten zu betrachten, wenn ich mich Jahr für Jahr von Stau zu Stau in Richtung Süden quälte. Zwar tolerierte meine Umwelt noch die Verweise auf das schmalere Budget oder den etwas abnormen Kinderreichtum. Aber bald würde man dahinter kommen, daß das Haus abgezahlt oder eine Erbschaft angetreten worden ist. Dann würde es keine Entschuldigung mehr geben. Dann müsste auch ich die Freuden des neuen Urlaubsglücks genießen und abheben - in die Lüfte.
Im Herbst 1994 wollten Rudolf und ich auf Kreta eine Woche lang Fahrrad fahren. Da blieb nichts anderes übrig, als das Defizit an Flugerfahrung abzuarbeiten und einen Charterflug nach Heraklion und zurück zu buchen. Wir leisteten ihn uns also, den Flieger, für lockere 9oo DM, inclusiv Frühstückspension in Matala, auf die wir aber verzichten wollten.
Um es vorweg zu sagen: Fliegen war keinesfalls das nahezu stressfreie "up and away", dieser Flug war schlicht und ergreifend ein Schlauch, eine Strapaze, der ich mich freiwillig nicht so schnell wieder unterziehen möchte.
Doch zu den Tatsachen: Das ITA-Flugzeug sollte am Samstagmorgen um 6.50 Uhr starten und 3 1/2 Stunden später in Heraklion landen. Tatsächlich dauerte die Reise von der Abfahrt von zu Hause bis zur Ankunft in Matala geschlagene 11 Stunden. Das war eine Zeitspanne, in der wir mit unserem Auto in der Regel die Adria erreicht hatten, und wenn es etwas weiter ging, dauerte es meist auch nicht viel länger.
Und dann der Stress! Mit den Rädern auf dem Auto erreichten wir um 5 Uhr morgens Düsseldorf. Die erste Überraschung: Bewachte Parkplätze kosteten je nach Lage 11 bis 18 DM pro Tag. Pfiffig wie wir waren, fanden wir unweit des Flugplatzes eine Parknische, kostenfrei und geradewegs vor Wohnhäusern. Schnell holten wir unsere schon für den Lufttransport präparierten Räder vom Autodach.
Zwar entdeckten wir ein paar Meter weiter ein Verbotsschild für Dauerparker nebst Knöllchen hinterm Scheibenwischer einiger dort parkenden Wagen. Uns keimte zwar der Verdacht, daß uns Ähnliches passieren könnte, aber wir stan-den unter Zeitdruck, weil wir nicht wussten, wie wir unsere Räder aufgeben sollten.
Also entschieden wir kompromisslos: Wo wir stehen, gibt es kein Parkverbot! Eine konsequente Entscheidung, die aber ihren Preis hatte, wie sich 8 Tage spä-ter herausstellen sollte.

Nun die nächsten Überraschungen: Auf dem Flughafen in Düsseldorf war nicht nur mitten in der Nacht der Teufel los, sondern der Transport unserer Räder kostete 70 DM pro Fahrrad.
Dabei hatte man mir im Reisebüro gesagt, daß Fahrräder kostenfrei mitgenom-men würden, sofern das Gesamtgewicht des Gepäcks inclusiv Rad unter 20 kg läge.
Aber, sagte man uns am Flughafen, diese Regelung würde nur gelten, wenn die Räder vom Reisebüro angemeldet, worden wären. Was nicht der Fall sei. Also zahlen!
Es folgte ein halbes Stündchen nervendes Hin und Her zwischen verschiedenen Schaltern, Slalomschieben mit dem Rad durch Haufen von Menschen und schließlich konnte man nichts mehr tun, als in dieser oder jener Schlange zu stehen und zu warten. Und dabei dachte ich an die Räder: Irgendwo an einem Geländer lehnend hinter einem Schalter hatte ich sie zuletzt gesehen. Da kamen Zweifel auf, ob bei dieser chaotisch anmutenden Hektik unsere Drahtesel den Frachtraum der ITA - Maschine erreichen würden. Wir würden sehen...!
Irgendwann waren wir dann in der Luft. Die Verspätung von einer halben Stunde empfanden wir als quasi natürlich. Wir flogen! Ich saß in der Mitte, sah wenig von den Alpen, fast nichts von Italien. Dann gab es eine Stunde blaues Meer, bevor sich die Maschine in die Kurve legte und den Blick freigab auf Kretas Küste, auf Heraklion und einen Tafelberg neben dem Flughafen.
Wir landeten, und das Flugzeug rollte auf staubiger Piste direkt neben dem Meer aus.
Draußen schlug uns sommerliche Hitze entgegen. Wir kamen zwar schon jetzt leicht ins Schwitzen, aber das war erst der Anfang. Denn nun betraten wir ein turnhallenähnliches Gebäude, die Abfertigungshalle von Heraklion-Aerport. Tausend, vielleicht zweitausend Leute suchten hier auf engstem Raum irgendwas, irgendwen: Gepäck, Reiseleiter, Freunde oder Angehörige.
Die Menschenmassen schoben und stießen, daß wir uns im Nachhinein in Düsseldorf regelrecht vereinsamt vorkamen. Wem nicht der Anblick dieses Durcheinanders den Schweiß literweise aus den Poren trieb, dem besorgten das die Treibhaustemperaturen in diesem Brutkasten. Sämtliche Klimaanlagen schienen den Geist aufgegeben zu haben und nach menschlichem Ermessen war es nur noch eine Frage der Zeit, wann die ersten Fluggäste erstickten.
Wir mussten unsere Gepäcktaschen holen, unsere Reiseleiterin aufspüren und "last but not least" unsere Fahrräder finden, um sie in einem der vielen Busse dort draußen unterzubringen.
Als vergleichsweise leichte Übung erwies es sich, an die Radtaschen ranzukommen. Schnell hatte ich begriffen, daß jenes von hunderten von Menschen umlagerte Etwas ein Gepäckförderband war. Irgendwann würde es auch unser Reisegepäck hergeben.
Mit einigen zarten Bodychecks eroberte ich mir einen Standplatz, von dem aus ich unsere Taschen zumindest erst einmal sehen konnte. Und als ich sie dann auch tatsächlich erspähte, musste ich nur noch 2 bis 3 unschuldige Zeitgenossen anrempeln, und schon konnte ich ungehindert zugreifen. So einfach war das!
Triumphierend wandte ich mich der nächsten Aufgabe zu. Ich mengte mich in eine andere Menschentraube, wage hoffend, daß dort der rettende Engel von Aqua-Sol stünde und all unsere Probleme schon lange gelöst hätte.
Die Dame fand ich zwar nicht, dafür aber den lieben Rudolf, der die Reiseleiterin schon irgendwo aus- oder angemacht, auf jeden Fall aber gefunden hatte. Außerdem konnte er mit der Information dienen, wir bekämen da und da unsere Räder. Das schien ja doch zu klappen! Wir wollten die Auskunft sicherheitshalber von unserer Reiseleiterin absegnen lassen.
Nein, nein, ganz falsch, meinte sie, letzte Woche noch habe man die Räder hier im Gebäude abholen müssen, also Treppe runter, Gang entlang, etc, etc, …
Also hütete Rudolf das Gepäck und ich folgte dieser Wegbeschreibung. Schließlich musste unsere Reiseleiterin es ja wissen, denn sie holte ja tagtäglich Flugpassagiere ab.
Es ging Treppen runter, durch unterirdische Gänge, bis ich tief unter der Erde vor den Schranken eines Zollschalters stand. Dahinter saß ein Zollbeamter, der mir unmissverständlich klarmachte, daß es hier kein Durchkommen und erst recht keine Fahrräder gäbe.
Zurück zum rettenden Engel. Der hatte seine Schäflein schon komplett um sich versammelt. Eigentlich könnte man ja schon in den Bus steigen, wenn nicht... Ich möchte bitte noch einmal aufmerksam zuhören: Vorhin sei ich wahrscheinlich falsch gegangen. Also erste Tür rechts, dann hierhin und dann dorthin, usw..! Ich war also der Depp, aber noch hatte man mir verziehen. Ich war nicht gewillt, die Nachsicht der Gruppe auf eine weitere Probe zu stellen und befolgte strickt die Anweisungen.
Im zweiten Anlauf ging ich tatsächlich einen anderen Weg und ich hoffte eine Zeit lang, diesmal den Rädern etwas näher zu kommen. Doch wieder landete ich am selben Zollschalter mit denselben Zollbeamten, die mich anschauten wie den Depp. Bevor sie mich wieder nach oben scheuchen konnten, trat ich lieber freiwillig den Rückzug an.
Unverrichteter Dinge musste ich den schon etwas indigniert dreinschauenden Aqua-Sol-Begleiterinnen und dem Rudolf unter die Augen treten. Die beiden Griechinnen gaben uns jetzt keine Tipps mehr, aber jemand anders sagte uns den richtigen Weg, und kurze Zeit später sah ich unsere geliebten Räder wieder: hinter einem Schlagbaum, aber vollkommen unbewacht, so daß eigentlich jeder hätte zugreifen können. Ich tat es und beeilte mich, zum Sammelpunkt zurückzukommen. Dort stand nur noch der Rudolf, die anderen saßen schon im Bus nach Matala.
Wir schoben schnell hin in der freudigen Erwartung, jetzt nur noch die Räder im Gepäckraum des Busses unterbringen zu müssen und dann relaxen zu können. Denkste!
Zunächst hatte der Busfahrer seinen Auftritt, natürlich auf unsere Kosten. Die Räder sollten in seinen Kofferraum? Aber meine Herren! Er riß die Klappen des Gepäckraums auf, zeigte auf die dort lagernden Koffer und man mußte nicht griechisch sprechen, um das kategorische "nein" verstehen zu können, das er uns entgegenschleuderte.
Dabei konnte er gar nicht abstreiten, daß an verschiedenen Stellen dort Platz genug gewesen wäre. Aber das Problem war ein logistisches: In dem für die Matala-Leute bestimmten Teil des Gepäckraums war es wirklich etwas eng. Also hätten unsere Räder im Nicht-Matala-Teil untergebracht werden müssen, und zwar mit allen Konsequenzen. Ein wahres Problem, zwar kein wirkliches, aber ein echtes Kopfproblem.
Ich versuchte es mit Vorschlägen zur Güte zu lösen, während Rudolf unseren Widersacher durch Einschüchterungen unter Druck setzte. Vereint hatten wir Erfolg, und nach dem langen Trallala konnte sich der Bus endlich in Bewegung setzen.
Zunächst durch Heraklion, keineswegs die Visitenkarte Kretas, eher schon der Müllabladeplatz der Insel. Was man hier an Abfall und Schmutz an den Straßenrändern sah, konnte man kaum für die Müllerzeugnisse der 150 000 Einwohner der Stadt halten.
Die Häuserblöcke selbst bestanden fast zu einem Drittel aus Betonskeletten. Davor riesige braune Flecken voller Unrat, die man auf dem ersten Blick für Baustellen halten konnte. Aber da wurde nicht gebaut, jedenfalls noch nicht. Diese rotbraunen, gräulichen Schmutzflecken waren das, was man andernorts Grünflächen nennt. Nur war hier alles Grün in den letzten vier regenlosen Monaten verdorrt und den Rest erledigte dann der Zivilisationsmüll!
Heraklion konnte man vergessen. Nach einer halben Stunde hatte der Bus einige Urlauber in einem Vorort abgesetzt und wir ließen die unwirtliche Stadt hinter uns.
Eigentlich wollten wir mit unseren Rädern auf halbem Weg in Agios Varvara aussteigen, einer 500 m hoch gelegenen Ortschaft, die wir uns als Ausgangspunkt für eine Halbtagstour ausgesucht hatten. Sie sollte uns über Zaros durch die Messara-Ebene nach Matala führen.
Aber wir brachten nicht den Mut auf, unseren reizbaren Fahrer erneut wieder aus dem Gleichgewicht zu bringen. Um bei der Wahrheit zu bleiben, hatte unser Unternehmungsgeist auch schon etwas gelitten. Schließlich waren wir schon 10 Stunden auf den Beinen!
So erreichten wir am Nachmittag Matala und quartierten uns im Hotel "Calypso" ein. So eine einfache aber schöne Bleibe beabsichtigten wir nur an 2 Tagen zu nutzen, obwohl sie uns eine ganze Woche zur Verfügung stand. Na ja, wir wollten es ja nicht anders!
Am Strand erholten wir uns von den Reisestrapazen. Die bekannten Höhlen befanden sich in einer Felswand nur ein paar Meter entfernt. Es war sonnig und warm, das Schwimmen tat gut.
Später das Abendessen im letzten Restaurant am Strand. Wir saßen direkt am Wasser. Von den bei Tageslicht etwas schmucklos und trist wirkende Häuserblöcken sahen wir jetzt nur noch die Umrisse. Lichterketten beleuchteten die Restaurants. Die dunkel gleißende Fläche des Meeres lag vor uns, Wellen plätscherten gegen die Kaimauern, ein paar Meter weiter der Strand und weiter hinten die dunkle Mauer der Felswand. Wir waren in Griechenland. Dieses Bild, diese Atmosphäre hatte ich so noch nicht erlebt.

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