Kreta 2004 - Tag 1

Freitag, 15.10.04 - 1. Reisetag

Aus den fünf kleinen Negerlein sind vier geworden, die am Freitag gegen 13 Uhr im Köln-Bonner-Flughafen einchecken. Mit 40 Minuten Verspätung, gegen Viertel vor Vier, starten wir und landen 3 Stunden später in Heraklion. Kaum stehen wir dort am Gepäckband, erhal-ten wir unsere Taschen und lassen uns den von Rapha angemieteten Wagen übergeben.
Eine leichte Verzögerung stellt sich ein, als der junge Mann von AVIS das Porträt auf mei-nem Führerschein betrachtet. Die Tatsache außer Acht lassend, das man mit diesem Passfoto auf griechischen Panzern wahrscheinlich die Invasion der Türken auf Zypern hätte verhindern können, identifiziert er mich sehr diplomatisch und zeitgeschichtlich korrekt als Angehörigen der 68 er - Generation: Ah… long hairs, flower power, make love, not war und ein paar lusti-ge Anmerkungen mehr. Er weiß Bescheid.
Wer die Träume unserer Jugend so gut kennt, der hat gewonnen. Großzügig, wie wir sind, übersehen wir, dass unserem Fiat eine Radkappe fehlt und dass etliche Dellen und Blechschä-den bei der Übergabe unerwähnt blieben.
Was soll’s! Wir sind hier nicht in Deutschland. Wir steigen in unsere Kiste, etliche Male springt auf der Fahrt der dritte Gang raus, aber eher als erwartet, gegen 21 Uhr, sind wir in Agios Nikolaos. Wir kurven auf der Uferstraße vorbei am Kitroplatia-Strand. Irgendwo über uns müsste eigentlich die Sarolidi-Str. mit der Pension Mylos sein!
Peter biegt ab in ein kleines Gässchen und wir verstehen im Nu, warum hier auf Kreta kaum jemand einen dicken Mercedes oder eine andere großräumige Limousine fährt. Mit so einem sperrigen Ding wie unserem Fiat ist hier kaum ein Durchkommen. Peter rangiert ein paar Mal hin und her, wegen des Gegenverkehrs müssen wir wieder 50 Meter zurücksetzen, aber ir-gendwie erreichen wir unsere Pension und Georgina kann endlich ihre „Lieblinge“ in die Ar-me schließen. Ob sie uns hier schon abküsst, weiß ich gar nicht mehr. Aber von einer norma-len, höflichen Begrüßung kann keine Rede sein.
Ihr Gatte Lukas, auch ein freundlicher Mann, der aber die Gastfreundschaft nicht so übertrie-ben zelebriert wie seine Frau, will uns helfen, einen Parkplatz zu suchen. Den gibt es hier o-ben nicht. Peter muss den Wagen nach dem Entladen des Gepäcks unten am Meer abstellen.
Meine erste Überraschung erlebe ich, als ich mit Rudolf das Gepäck in die zweite Etage trage. Eigentlich war ich nicht ganz unvorbereitet, denn Rudolf hatte schon unten auf der Straße gefragt: Walter, ist das nicht die Pension, in der wir vor 8 Jahren waren?
Ich bestritt das, denn wir waren mit dem Fahrrad einen ganz anderen Weg gekommen und außerdem war das damals die Pension der „zwei freundlichen Schwestern“, wie es im Reise-führer hieß. Und überhaupt, der Rudolf und sein Gedächtnis!
Ich muss Abbitte leisten! Nachdem ich die letzten Treppenstufen hinter mir habe, fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Das bunte Sofa im Flur ist das der „zwei freundlichen Schwes-tern“! Am Personalbestand hat sich einiges geändert, aber ohne Zweifel ist Georgina, unsere Gastgeberin, diejenige, die damals versuchte, Rudolf übers Ohr zu hauen.
Der hatte vor acht Jahren den Preis von 6000 Drachmen für die Übernachtung erfolgreich auf 5000 Drachmen heruntergehandelt, doch als er bei der Abreise zur Kasse gebeten wurde, soll-te er um die Früchte seines Verhandlungsgeschicks gebracht werden. 6000 Drachmen, den alten Preis also, forderte Georgina.
Doch da war sie bei Rudolf an der falschen Adresse. 5000 legte er auf den Tisch des Hauses und keine Drachme mehr.
Faszinierend fand ich damals, wie Georgina unmittelbar nach Beendigung der Auseinander-setzung Rudolf und mir freudestrahlend nachwinkte, bis wir mit unseren Rädern hinter der nächsten Ecke verschwunden waren. Immerhin war Rudolf noch vor ein paar Minuten stock-sauer auf sie gewesen und hatte sie indirekt des versuchten Betruges beschuldigt. Georgina war eben moralisch nicht so eng ausgelegt!
Wahrhaft ein Steh-auf-Frauchen, eine sehr fleißige, sehr zielstrebige, schätzungsweise fast siebzigjährige Alte mit Haaren auf den Zähnen, irgendwo ein falsches Luder, aber nicht un-sympathisch, auf jeden Fall aber Inhaberin einer Pension, die man guten Gewissens weiter-empfehlen kann.
Georgina erkennt uns natürlich nicht wieder, aber das Gespann Rudolf/Georgina setzt nach achtjähriger Unterbrechung seinen Kleinkrieg fort, wenn auch auf etwas subtilere Weise.
Es fängt damit an, dass uns Georgina die Zimmer zuweist und sich entschuldigt, dass das Pa-radezimmer des Hauses, das Eckzimmer mit zwei Fenstern und großem Balkon, erst morgen früh frei würde. Ach ja, fällt mir dunkel ein, irgendein tolles Zimmer, hatte Adonis nach dem Telefongespräch berichtet, sollten wir bekommen („Liebling, für deine Freunde nur das Bes-te“) Mir ist das total egal, denn die beiden Zimmer, die wir heute beziehen sollen, sind voll-kommen in Ordnung. Meine ich!
Als also Georgina fragt, ob wir denn morgen früh in das hoch gepriesene Eckzimmer umzie-hen wollten, sie würde auch unsere Sachen rüberbringen, will ich dankend ablehnen. Aber Rudolf kommt mir zuvor. Mit dem Habitus des Geschäftsmannes, der nicht bereit ist, seinem Verhandlungspartner auch nur den kleinsten Schritt entgegen zu kommen, fordert er den Um-zug. Ich wäre fast vor Scham im Boden versunken und selbst Georginas zur Schau getragene Herzlichkeit gefriert vorübergehend.
Ihre Verdauungsqualitäten stehen weiter auf dem Prüfstand. Wir fragen sie, ob sie uns ein Esslokal in der Nähe empfehlen könnte.
Die Frage hätten wir uns besser erspart. Eine griechische Pensionswirtin hat immer Freunde, denen sie einen Verdienst zukommen lassen will. Und die Qualität der Küche ist nicht unbe-dingt das ausschlaggebende Kriterium. Damit wir auch, ohne auf Abwege zu geraten, im Re-staurant ihrer Freunde ankommen, steigt die alte Frau die 50 Stufen bis zur Uferpromenade herunter und übergibt uns im wahrsten Sinne des Wortes an die Besitzer.
Aber das Lokal ist total leer! Nebenan dagegen geht es hoch her. Leere Tische laden nicht gerade ein. Aber was sollen wir machen? Jetzt hat sich Georgina schon die Mühe gemacht, wer bringt es übers Herz, sie zu enttäuschen?
Natürlich Rudolf, der herzlose Rudolf! Kein anderer hätte sich getraut, unserer Wirtin und ihren Freunden einen Korb zu geben, aber ihr spezieller Freund zeigt ihr die kalte Schulter und marschiert seelenruhig nach nebenan. Uns ist das schrecklich peinlich, es ist auch klar, wer das schwarze Schaf in unserer Gruppe ist, aber irgendwie sind wir auch froh, nicht zwi-schen leeren Tischen und Stühlen sitzen zu müssen.
Der dritte und für heute letzte Akt des Kleinkrieges zwischen den beiden läuft bei unserer Heimkehr über die Bühne. Madame ist ganz aufgeregt. In ihrem oft unverständlichen Eng-lisch redet sie auf mich ein. Es hat mit dem Zimmerwechsel zu tun. Mit dem Umzug, entneh-me ich ihren aufgeregten Erklärungen, klappt etwas nicht. Gott sei Dank, denke ich, bleibt mir diese Peinlichkeit erspart, und sage: Alles okay, kein Problem!
Umso überraschter bin ich am Morgen, kurz vor unserem Aufbruch nach Elounda, als uns unsere Wirtin informiert, sie würde jetzt mit dem Umräumen beginnen. Sicherlich hofft sie insgeheim, dass diese deutschen Idioten vielleicht doch noch auf den Wechsel verzichten!
Damit ist sie bei ihrem Intimfeind, Rudolf, an der falschen Adresse. Der nimmt ihr Angebot an und ich ärgere mich nicht nur, weil ich Georgina gestern Abend vollkommen falsch ver-standen hab, sondern vor allem, weil es in unserem Zimmer aussieht wie unter dem bekannten Sofa der Familie Hempel.
Peinlich für uns und eine Zumutung für unsere Gastgeberin! Das Fotozubehör liegt verstreut auf dem Nachttisch. Klamotten hängen an den Stühlen und über den Reisetaschen oder sie drapieren das Kopfkissen und im Badezimmer ist überhaupt nichts aufgeräumt. Die Höflich-keit hätte es geboten, zumindest das Gröbste wegzupacken. Aber dazu fehlt die Zeit. Wir wol-len nicht erst mittags in Elounda starten.
Die arme Georgina! Sie muss ran, weil Rudolf die aberwitzige Meinung vertritt, ein Zimmer mit zwei Fenstern wäre etwas Besseres als eines mit einem Fenster, und weil er glaubt, dass für ihn und die lumpigen 15 Euro, die er pro Nacht bezahlt, das Beste gerade gut genug sei.
Um es vorweg zu sagen. Von der Zahnbürste angefangen bis zum Rasierapparat, vom Batte-rieaufladegerät bis zum Kamm, Georgina trug alles, auch die kleinste Kleinigkeit ins Eck-zimmer und platzierte ein traumhaftes Spitzendeckchen mit einem Blütenblätter-Arrangement auf die Kommode. Ich an ihrer Stelle hätte uns (besser nur dem Rudolf) einen Haufen vor den Bettpfosten gelegt!

 

zurücknach obenweiter lesen