Kreta 2004 - Tag 2
Samstag, 16.10.04 - 2. Reisetag
Am Hafen von Elounda wird erst einmal gefrühstückt. Wir bestellen ein Continental Break-fast, das aus Toast, einem Croissant, Butter, Marmelade, Schinken und Käse, Kaffee und O-rangensaft bzw. Tee (für Bernd) bestehen soll. Toast, Butter, Marmelade und Kaffee werden schnell serviert und verzehrt, auf das übrige warten und warten wir.
Nach 20 Minuten überquere ich die Uferstraße und mahne den zweiten Teil des Frühstücks an. Schließlich wollen wir vor Einbruch der Dunkelheit los! Der Mann an der Bar hat die Ru-he weg. Etwas erstaunt über so viel Ungeduld verspricht er, in Kürze zu serviere. Er entschä-digt uns mit frisch gepresstem Orangensaft und einem riesigen Croissant mit Käse und ge-kochtem Schinken. Das Croissant ist vielleicht nicht unbedingt der Traum eines Feinschme-ckers, aber für hungrige Wanderer mit massenhaftem Kalorienbedarf wie geschaffen.
Eloundas Hafen kann sich sehen lassen, aber ein gewachsener Kern fehlt dem Ort ebenso wie der Charme des benachbarten Agios Nikolaos. Trotzdem gibt es hier, wie unser Reiseführer berichtet, vier der luxuriösesten Hotels Griechenlands, in denen sich die Führungskräfte des Landes ein Stelldichein geben. Auch internationale Prominenz sucht dort Erholung oder nimmt an Konferenzen teil.
Wer Elounda zu Fuß hinter sich lässt und nach 20 Minuten durch die mit Natursteinen ge-pflasterten Gässchen des Dorfes Pano Elounda streift, fühlt sich schlagartig in eine andere Welt versetzt. Die Reichen und Mächtigen sollen nur gut 1000 Meter weiter unten residieren? Unfassbar!
Verwinkelte Gässchen, niedrige, weiß getünchte Häuser, einige bewohnt, andere leer und dem Verfall preisgegeben. Ein paar Arbeitern, die die Gässchen pflastern, sonst nur alte Frauen, die in schwarzen Kleidern in der Morgensonne vor ihrem Haus sitzen und reden oder das Es-sen vorbereiten. Eine sitzt auf ihrem Holzstuhl vor der tiefblauen Haustür an einem ebenso tiefblauen Tisch im schwarzen Kleid mit schwarzem Kopftuch und hat vor sich eine Fanta stehen mit knallgelbem Inhalt. Ein Anachronismus in diesem Dorf, in dem die alten Men-schen ein Leben zu führen scheinen, das von den Traditionen mehr geprägt ist als von moder-nen Errungenschaften.
Etwas weiter oben im Dorf beschäftigt sich eine alte Frau mit dem Inhalt von sechs oder sie-ben Plastiksäcken. Darin sind schwarze Schoten, die süßlich duften. Als sie merkt, dass wir uns für die Früchte interessieren, bricht sie eine Schote auf und fordert uns auf, sie zu probie-ren.
Peter meint, das sei Johannisbrot. Später lese ich nach. Er hat Recht. Die Schoten, steht da, werden unter anderem als Tierfutter, zur Papierverarbeitung und für medizinische Zwecke gebraucht. Man kann sie auch essen. Sie schmecken mehlig und süß. Ehe ich verhungerte, würde ich sie wahrscheinlich auch in größeren Mengen schlucken.
Zwischen alten Mauern aus Legesteinen steigen, indem wir mehrmals die Betonstraße über-queren, auf einem gepflasterten Maultierpfad immer höher und genießen einen phantastischen Ausblick über die Mirabellenbucht: Unter uns liegt Elounda mit der vorgelagerten Insel Spi-nalonga, die mit Bucht von Elounda eine Art Lagune bildet. Weiter im Nord-Westen wird Plaka sichtbar, das kleine Hafenstädtchen, von dem aus die Lepra-Kranken zur gegenüber liegenden Insel gebracht wurden. (Übrigens heißt auch diese kleine Insel Spinalonga. Auf ihr erbauten die Venezianer im 15. Jahrhundert ein mächtiges Fort, ehe zu Beginn des 20. Jahr-hunderts die kretische Regierung beschloss, Spinalonga zu einer Sammelstelle für sämtliche Leprakranke Kretas zu machen.)
Am schönsten ist der Ausblick nach Süden und nach Süd-Osten. Über das fast 10 Kilometer entfernte Agios Nikolaos hinweg gleitet der Blick zu den Tripti-Bergen, die sich am südlichen Ende der Bucht bis zu einer Höhe von 1476 Metern erheben und in denen wir später die aben-teuerlichste Etappe unserer Wanderung erleben sollten.
Aber noch sind wir nicht am Scheitelpunkt unserer Wanderung angekommen. Im überwie-gend baumlosen Gelände knallt die Sonne auf uns herab. Ein erstes Päuschen unter einem Olivenbaum, dann steigen wir umweht von Kräuterdüften durch dornige Phrygana auf einen Bergrücken, den die Ruinen einiger Windmühlen krönen. Wir stellen fest, dass wir noch ein-mal in eine Senke hinab steigen müssen, ehe wir endlich den höchsten Punkt dieser Wande-rung erreichen.
Dann erfahren wir zum ersten Mal, was dabei herauskommen kann, wenn der Wanderführer nicht auf dem neuesten Stand ist. Diesmal noch mit harmlosen Folgen, Tage später kommt es knüppeldick.
Weisungsgemäß gehen wir einen betonierten Fahrweg hinab in Richtung Plaka, sehen durch den V-Ausschnitt einer Schlucht die Leprainsel Spinalonga und vor uns auf einem Bergrü-cken liegend die verlassenen Häuser von Havgas, biegen dann ebenfalls weisungsgemäß hin-ter dem Dorf ab in einen Maultierpfad und lassen uns vertrauensvoll von unserem Wander-führer leiten.
Es steht dann dort das harmlos klingende Sätzchen: „Teilweise verwachsene Wegstücke kön-nen umgangen werden.“ Na und! Springen wir halt über ein paar Büsche oder machen einen Bogen drum herum! Was soll’s? Dann werden wir eben ein paar Kratzer abbekommen!
Die Beschreibung war vermutlich einmal richtig, aber vor 5 bis 10 Jahren. Heute ist der Maul-tierpfad nicht „teilweise verwachsen“ sondern in seiner vollen Länge und Breite zugewach-sen. Es gibt kein Durchkommen, noch nicht einmal auf kürzesten Abschnitten.
Das wäre kein Problem, wenn die zweite Behauptung stimmen würde, dass man nämlich rechts und links des Pfades problemlos weiterkäme. Tatsächlich aber klettern wir über Lege-steinmauern, balancieren über zusammengefallene Steinhaufen, fürchten in Dornenbüsche zu stürzen, reißen uns Knie, Waden und Beine auf, um dann doch letztendlich festzustellen, dass es kein Durchkommen gibt.
Jeder versucht sein Glück auf eigene Faust. Die Richtung ist bekannt. Plaka ist in Sicht. Wir verständigen uns durch Zurufe und schließlich und endlich haben wir den 300 bis 400 Meter langen Abschnitt in einer dreiviertel Stunde geschafft. Eine stolze Leistung!
Hier auf den Höhen über Plaka fällt mir ein, wie ich in zwei oder drei Jahren meine Pensions-kasse ergänzen könnte. Ich bringe überalterte Wanderführer auf den aktuellen Stand. Schaun wir mal!
Spätestens an dieser Stelle der Wanderung ist klar, dass aus der geplante Anschlusswande-rung von Plaka zum Kap Agios Ioannis nichts wird. Seit vier Stunden ziehen wir unter sen-gender Sonne über schattenlose Hänge. Vor unseren Augen liegt fast immer das Meer. Und da sollen wir den Verlockungen eines kühlen Bades widerstehen und weiterziehen? So bekloppt sind wir nun doch nicht!
Um 13.30 Uhr erreichen wir Plaka, ein wenig später den Kiesstrand, und es hätte bestimmt keine fünf Minuten gedauert, bis wir in die kühlen Fluten eingetaucht wären, wenn nicht ein gewisses Mitglied unserer Truppe, im übrigen ein Spezialist für die Verzögerung aller Art, keinerlei Interesse zeigen würde, sich an dem schönen Strandstück, an dem wir ankommen, niederzulassen, sondern aus unerfindlichen Gründen immer weiter nach rechts abdriftete.
Unerfindliche Gründe? Wir kennen unsere Pappenheimer. Da gibt es doch rechts eine hervor-ragende Aussicht, keine Fernsicht, aber Rundungen und Ausbuchtungen, für deren Anblick Männer wie Rudolf meilenweit gehen. Wir anderen sind keine Spielverderber. Wir ziehen ein Stück mit und weil wir uns auch dafür interessieren, was unseren Weitwanderer anmacht, werfen wir, natürlich diskret, auch einen Blick auf die Frauen, die sich da tummeln.
Solche Aussichten mögen erwärmen. Gefragt ist, was abkühlt. Das Meer mit seinen 24° Cel-sius ist wohltuend, wenn ich aber über die groben Kiessteine wieder an den Strand zurück will, spüre ich, wie empfindlich meine Füße geworden sind.
Gegen 15 Uhr versuche ich, herauszubekommen, wann wir mit dem Linienbus nach Elounda zurückkommen. Bei solchen Erkundungen wird mir bewusst, worin unter anderem der Charme Griechenlands besteht.
Der Bus hält hier. Das weiß ich, weil es im Reiseführer steht und ich ihn schon zwei Mal vom Strand gesehen habe. Aber eine Haltestelle mit Halteschild und Fahrplan fehlt.
Also wird gefragt. Der Ober zögert nicht mit der Antwort. Um 15.10 Uhr käme der Bus, sagt er, und dann stündlich. Ich habe meine einschlägigen Erfahrungen mit Fahrplanauskünften gemacht. Zur Sicherheit frage ich einen Deutschen, der mit seiner Gruppe auch gerade auf-bricht. Er hat sich sagen lassen, der Bus würde um 15.30 Uhr fahren. Um die Verwirrung vollständig zu machen, schaue ich auf meinen Zettel. Ich habe aufgeschrieben, wann der vo-rige Bus abgefahren ist. Dort steht schwarz auf weiß: 15.40 Uhr. Eine vierte Zeit spielt man sich in diesem Zusammenhang auch noch eine Rolle: 15.35 Uhr. Das ist die tatsächliche Ab-fahrtszeit des Busses.
So geht man hier mit Zeitangaben um, auch mit anderen Zahlen, nicht nur im öffentlichen Leben, auch in der Politik. Und wer behauptet, die Griechen hätten die EG betrogen, als sie statt realer 5 bis 7 % Neuverschuldung nur 3% nach Brüssel meldeten, der verkennt ihre Mentalität.
Es geht nicht ums Betrügen. Die Griechen wollen niemanden enttäuschen. Sie geben nicht zu, dass sie die Abfahrtszeit der Busse nicht kennen. Auch wenn kein Bus mehr käme, hätten sie sicherlich behauptet, in der nächsten halben Stunde führe einer. Man sagt den Leuten, was sie gerne hören. Und wenn Touristen es ärgerlich finden, dass man wartet und wartet und der Bus kommt nicht, dann sollen sich die Leute über den Bus, den Fahrplan oder Gott-Weiß-Was aufregen, aber nicht über die freundliche Person, die ihnen die positive Auskunft gab.
Unser guter, grundehrlicher Hans Eichel informiert treu und brav die EG, dass wir im Jahre 2004 die Stabilitätskriterien nicht einhalten können. Das regt die Opposition auf, die Stabili-tätswächter in Brüssel und sogar den ein oder anderen Bürger. Ein griechischer Finanzminis-ter geht weit rücksichtsvoller vor. Sein Haushaltsdefizit, das noch ein Stück höher war, deckt er auf keinen Fall auf. Europa kann sich über die Deutschen und Franzosen aufregen aber bitte nicht über die freundlichen Griechen!
Wie man persönliche Beziehungen so positiv wie möglich gestaltet, so sollten auch die Be-ziehungen zwischen den Staaten frei bleiben von Belastungen jeglicher Art. Davon sind die Griechen zutiefst überzeugt. Nach dieser Maxime handeln sie sowohl bei Fahrplan- als auch bei Staatshaushaltsauskünften. Und ein Ignorant ist, wer ihre tiefe Weisheit verkennt und sie des Betruges bezichtigt.
Wir sitzen im Bus, Bernd zahlt lumpige zwei Euro für uns alle, und es dauert nur ein paar Minuten, da wissen wir, dass es ein Fehler war einzusteigen. Die Uferstraße zwischen Plaka und Elounda ist zu schön, um einfach vorbeizusausen. Man hat keine Kosten und Mühen ge-scheut, sie klein, aber fein auszubauen und mit Blumen und Bäumchen zu bepflanzen wie eine echte Promenade. Es gibt kaum Verkehr in dieser Jahreszeit, dafür aber kleine Strände mit Sonnenschirmen und Strandliegen.
Den Rückweg hätte man gut zu Fuß machen können. Und eine Strandliege für ein paar Euro hätte ich dem groben Kies von Plaka vorgezogen. Hinterher lese ich, dass der Reiseführer aus dem Michael Müller Verlag die Vorzüge des Küstenabschnittes zwischen Plaka und Elounda genauestens beschreibt. Zu spät!
So sind wir früh in Elounda, machen ein paar Schnappschüsse von den farbenfrohen Fischer-booten im Hafen, steigen dann in unseren Fiat und sind recht früh bei Georgina, unserer Pen-sionswirtin. Dort müssen wir nach schöner, alter Sitte mit ihr einen griechischen Kaffee trin-ken und einige Leckereien verzehren, die sie uns stilvoll auf einem Tablett mit Häkeldeck-chen serviert. Dabei sitzen wir in Plastikstühlen halb auf der Straße.
Natürlich spielt bei solchen Ritualen die Geschäftstüchtigkeit eine Rolle. Aber wir täten Ge-orgina unrecht, wenn wir ihre Gesten nur als zweckgebundene Folklore ansehen würden. Es steckt ein Stück Herzlichkeit und echte Gastfreundschaft dahinter, die durch das touristische Gewerbe noch nicht ganz verschüttet sind.
Weniger zeremoniell geht es zu, wenn wir geduscht und in frischen Klamotten mit einem Buch auf dem Balkon sitzen, auf die von Lichtern gesäumte Mirabellenbucht schauen und Tee, Nescafe und Campari schlürfen. Ein profanerer Akt als Georginas Ritus, trotzdem ein Genuss.
Bis zum Abendessen haben wir noch Zeit. Wir besprechen, wie es in den nächsten beiden Tagen im Osten Kretas weitergehen soll. Wo übernachten wir, wenn wir die nahe beieinander liegenden Wanderungen durch die Tal der Toten von Kato Zagros und die Chochlakies-Schlucht gehen? Sind wir am besten in Kato Zagro, direkt am Meer, in Hora Zagro, der Ort-schaft oberhalb der Schlucht, oder in Palecastro aufgehoben, jenem Dorf, in dem die Choch-lakies-Wanderung beginnt?
Die Entscheidung fällt nicht schwer. Palecastro scheint nicht nur die größere, sondern auch die abwechselungsreichere Ortschaft zu sein mit Unterkünften und Restaurants, die zahlreich, gut und preiswert sein sollen.
Wir möchten gern im „Haus Eva“ Quartier machen. Die Inhaberin, Frau Eva Stavrakakis, soll nicht nur dank ihres 15 jährigen Aufenthaltes im Schwabenland gut deutsch sprechen (was nicht sehr glaubhaft klingt) und ordentliche Zimmer anbieten, sondern auch ein „gutes und reichhaltiges Frühstück“ servieren.
Genau darauf kommt es morgen früh an. Wir wollen nämlich in aller Herrgottsfrühe um 7.30 Uhr los und gegen 9.00 Uhr bei Eva sein.
Rufen wir gleich an, ob das klappt! Zwei Minuten später ist alles klar. Frau Stavrakakis nimmt 21 Euro für das Doppelzimmer und 3,50 Euro pro Frühstück. Sie erwartet uns um 9.00 Uhr und reserviert zwei Zimmer für zwei Tage.
Stürzen wir uns ins Nachtleben von Agios Nikolaos! Peter war mit Rapha schon 14 Tage hier, Rudolf und ich (ohne Rapha) 2 Tage. Wir drei sind alte Hasen hier, für Bernd ist das sympa-thische Touristenzentrum im Osten der Insel neu.
Wenn ich mich recht erinnere, ist auch er von der fantastischen Lage der Stadt auf einer hüge-ligen Halbinsel, vom tief eingeschnittenen Hafen und dem dunklen Binnensee beeindruckt.
Wenn man wie wir vom kleinen Stadtstrand kommt, der mit seinen Restaurants an der Ufer-promenade an sich schon ein hübscher Fleck ist, wenn man dann durch die Stabianaki-Str. in die Fußgängerzone bummelt und urplötzlich der raffiniert ausgeleuchteten Felswand des Bin-nensees gegenübersteht, wenn man weiter bei hochsommerlichen Temperaturen nur mit leich-ter Hose und T-Shirt bekleidet an der Kette der Speiserestaurants vorbei schlendert und einen Blick auf das bunte Getümmel am Hafen wirft, dann müsste es schon mit dem Teufel zuge-hen, wenn man sich nicht für Agios Nikolaos begeistern würde.
Gerne würden wir den Abendspaziergang fortsetzen, aber wir haben Hunger bis unter die Achselhöhlen. Wir lassen uns in einem der vielen Restaurants am Binnensee nieder. Die Konkurrenz hier, hoffen wir, wird die Qualität des Speiseangebots fördern. Wir werden nicht enttäuscht.
Schon der Service! Einem jungen Mann, heiter, locker und gewitzt, macht es sichtlich Spaß, uns zu bedienen. Die paar Gäste um uns herum haben schon ihre Bestellung aufgegeben oder ihr Essen erhalten. Stressfrei beantwortet der Kellner unsere Fragen, scherzt und plaudert, eher er aufschreibt, was wir haben wollen. Nach kurzer Zeit serviert er die Getränke und die vier oder fünf Vorspeisen, die wir teilen. Lecker! Zur rechten Zeit kommen die Hauptspeisen und ich erinnere mich, dass wir alle rundherum zufrieden sind. So entspannt kann man in der Nachsaison am Binnensee von Agios Nikolaos speisen!
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