Kreta 2004 - Tag 3

Sonntag, 17.10.04 - 3. Reisetag

Um sieben Uhr klingelt der Wecker. Unmenschlich, aber nicht unsinnig! Ein paar Minuten später steht Bernd in der Tür und flötet: „Guten Morgen, Rudolf.“ Unsinnig, auch unmensch-lich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass ich diese Karikatur von Freundlichkeit halbschla-fend über mich ergehen lassen muss. Das ist nur der Anfang. Das Schlimmste folgt. Von nun an muss ich Morgen für Morgen diesen Weckruf für Tunten über mich ergehen lassen. Wer jemals diese schwülstige Stimmverdrehung gehört hat, wird verstehen, warum ich fünf Näch-te von Alpträumen heimgesucht wurde. Da ist Rudolf besser dran. Für den ist der Morgengruß zwar gedacht, aber er pennt meist noch.
Um sieben Uhr dreißig wollen wir losfahren. Wir haben schon am Abend vorher bezahlt und uns von Georgina und Lukas verabschiedet.
Wir beeilen uns. Peter vergisst sein Jackett im Schrank. Als wir fast schon in Palecastro sind, fällt ihm das ein. Der Verlust des Jacketts wäre kein Beinbruch, meint er, aber ohne die Flug-tickets in der Innentasche könnte sich die Rückkehr nach Deutschland schwierig gestalten.
Er ruft noch am gleichen Morgen in Agios Nikolaos an. Lukas ist am Apparat, Georgina in der Kirche. Er schaut gleich nach. Gott sei Dank hängt die Jacke mit den Tickets im Schrank. Auf dem Rückweg werden wir vorbei schauen.
Selbst auf nüchternem Magen beeindruckt die Panoramastrecke entlang der kretischen Rivie-ra. Die schönsten Abschnitte sind östlich von Kavoussi, wenn sich die Straße in die Ausläufer des Tripti-Gebirges schraubt und ein Aussichtspunkt nach dem anderen tolle Blicke auf Berge und Küste gewährt. Eine vielfältige Vegetation, Kiefern, Pinien, Zypressen, Oleanderbüsche, Agaven, Olivenkulturen und Weinterrassen, prägen das Bild rechts und links der Straße.
Im Osten hinter Sitia verändert sich die Landschaft. Die Berghänge werden kahl. Man sieht, dass hier das trockenste Gebiet der Insel beginnt.
Inmitten der Einöde taucht hinter einer flachen Bucht eine abgrundhässliche Ferienhaussied-lung auf, wie ich nachlese, ein Timesharing-Projekt, das aus pastellfarbenen Reihenhausblö-cken besteht, die ohne nennenswerte Bepflanzung in die Landschaft gesetzt wurden und dort hinpassen wie die Faust aufs Auge. Die Bucht davor ist mit Unrat übersäht. Bucht und Sied-lung, verschandelte Natur und monströse Architektur steigern sich gegenseitig in ihrer Wir-kung.
Die Straße wendet sich mit Grauen von der Küste ab. Auch wir lassen den Schandfleck hinter uns und nähern uns Palecastro. Wasser scheint wieder in größeren Mengen zur Verfügung zu stehen. Überall grünt es. Oliven-, Nuss- und Orangenbäume wachsen rund um Palecastro.
Um 9.30 Uhr, eine halbe Stunde später als angekündigt, kommen wir im „Haus Eva“ an. Eva, die Inhaberin, sorgte sich schon, wo wir blieben. Wahrscheinlich fürchtete sie, auf den vier Frühstücken, die schon auf dem Küchentisch stehen, sitzen zu bleiben.
Wir schätzen sie auf etwa siebzig. Sie ist anders schwarz gekleidet. Später erfahren wir wa-rum. Nachdem schon vor einigen Jahren ihr Mann verstarb, hat sie vor ein paar Monaten ihr einziges Kind, einen Sohn, durch einen Herzinfarkt verloren. Sie leidet noch sehr.
Mit Georgina hat sie einiges gemeinsam. Beide sind etwa gleich alt, sie führen eine Pension und arbeiten fleißig, so dass sich die Gäste in ordentlichen, sauberen Zimmern wohl fühlen können. Da sie offen auf ihre Gäste zugehen und uns eher persönlich und weniger geschäfts-mäßig behandeln ist für Leute wie uns, die auf eigene Faust durchs Land reisen, eine solche preiswerte Unterkunft attraktiver als ein großes Mittelklassenhotel.
Unterschiede bestehen doch. Georgina zelebrierte ihre Gastfreundschaft, Eva ist die aufge-setzte Herzlichkeit fremd. Man sieht ihr an, dass sie einiges mitgemacht hat. Trotzdem liegt manchmal etwas Wagemutiges in ihrem Blick, sie ist jung geblieben. Georgina war mir nicht unsympathisch, Eva ist mir auf Anhieb sympathisch.
Bevor wir frühstücken, weist uns Eva die Zimmer zu. Beide befinden sich Parterre, das größe-re liegt nach hinten raus und hat einen Balkon mit Blick ins Grüne. Wir halten es für das schönere und treten es an Bernd und Peter ab. Unser Zimmer liegt an der Straße nach Kato Zagros. Wenn wir durch die Schiebetür nach draußen treten, trennt nur noch eine zwei Meter breite, fünfzig Zentimeter hoch liegende Terrasse das Haus von der Straße.
Ich finde zunächst die Lage des Zimmers ganz und gar nicht ideal. Aber Rudolf und ich ha-ben keine Probleme mit dem Einschlafen. Was interessiert uns der Straßenlärm vor der Zim-mertür!
Tatsächlich ist unser Zimmer ein Glücksfall! Innen hört man kaum etwas, weil die doppelte Verglasung uns vor Geräuschen schützt. Die Lärmbelästigung durch den Straßenverkehr ist auch minimal, weil selten ein Auto vorbeikommt, und unsere Terrasse ist wie geschaffen, vom Dorfleben einiges mitzubekommen.
Wir frühstücken hier, nehmen unseren abendlichen Schlummertrunk zu uns, begrüßen ein bis zwei Mal am Tag eine Französin, die seit 8 Jahren mit ihrem Mann regelmäßig ein paar Wo-chen Urlaub hier verbringt, und kommen mit einem Schwaben ins Gespräch, der auch seit über 10 Jahren oft mehrere Monate im Jahr in Palecastro wohnt. Er wartet auf seinen Freund, der in ein paar Tagen eintreffen soll und erzählt kenntnisreich über die Olivenernte, bei der er half, übers Kaltpressen, den Weinanbau, das Essen und Trinken im Dorf, gibt Tipps, wo man am besten Fisch isst und empfiehlt für heute Abend das Hellas. Und natürlich kommt Eva an uns vorbei, wenn sie das Haus verlässt oder zurückkommt. Manchmal nimmt sie sich Zeit für ein Schwätzchen.
Am Montag lerne ich einen neuen Vorteil der Terrasse kennen. Ich kann vergleichende Stu-dien treiben. Direkt gegenüber liegt eine Grundschule. Der Schulhof beginnt auf der anderen Straßenseite. Die Grundschüler spielen in der Pause auf einem asphaltierten Rechteck, das von Mauern, Zäunen und dem Schulgebäude begrenzt ist. Spielgeräte fehlen ebenso wie ent-siegelte Flächen, Grüninseln und sonstiger Schnickschnack, der auf deutschen Schulhöfen zum Standart gehört und für unverzichtbar gehalten wird.
Während wir frühstücken, beginnt die Pause. Jetzt werde ich Gelegenheit haben zu beobach-ten, wie die bedauernswerten griechischen Grundschüler, ihre Aggressionen an ihren Mit-schülern auslassen, weil die erzieherisch wertvollen Geräte fehlen. Nichts tut sich. Total un-aggressiv das Pausenleben auf der anderen Straßenseite. Irgendetwas stimmt mit den Jungen und Mädchen hier in Palecastro nicht.
Ich lehne mich zurück, genieße es, nichts mit Kindern zu tun zu haben, und widme mich mangels brisanter Schlachtszenen dem Studium der griechischen Lehrerschaft. Sie ist jedoch nur durch die aufsichtsführenden Lehrerin vertreten. Dass sie blond, anscheinend jung und gut aussehend ist, hält mich nicht davon ab, ihr vorübergehend meine Aufmerksamkeit zu schen-ken und nicht meinen Schwägern und Rudolf, die sich mit Evas harten und kalten Eiern be-schäftigen. Ich erfreue mich am Anblick der kretischen Kollegin (natürlich auch an der Ge-genwart meiner Reisebegleiter) und genieße das Frühstück und den Morgen in vollen Zügen. Die Blonde auf der anderen Straßenseite muss sich mit den Pens abplagen. Wie schön! Mir geht es besser!
Eines dieser morgendlichen Vergnügen verdanke ich meiner Kurzsichtigkeit sowie meiner Eitelkeit, die es immer noch nicht zulässt, dass ich regelmäßig eine Brille trage.
Zwölf Stunden später kommt mir die blonde, vermeintlich junge und hübsche Lehrerin entge-gen. Ich erkenne sie an ihrem Outfit, den Jeans und dem gelben Pullover, sowie an ihrer Haar-farbe und dem Haarschnitt. Welch ein Zufall! Den kollegialen Blick in Ehren kann niemand verwehren! Während wir aufeinander zu marschieren, erwarte ich, dass sich aus der Nähe bestätigt, was ich heute Morgen auf dem Schulhof schon gesehen hatte, nur eben nicht so ge-nau!
Welche Metamorphose! Aus dem jungen Ding wird eine Frau mittleren Alters, jünger als ich, aber…. Die flotten Jeans und der gut sitzenden Pullover verwandeln sich in eine verbeulte Hose und ein verwaschenes Sweatshirt und zu ihrem Gesicht fällt mir auch kein schmeichel-hafteres Kompliment ein, als dass sie, wenn sie mal in meine Jahre kommt, auch kaum besser aussehen wird als ich.
Was lerne ich daraus? Es ist noch alles drin! Warten wir mit der Brille noch ein paar Jähr-chen. Dann werde ich, wenn ich vor dem Spiegel den nötigen Abstand einhalte, von meiner eigenen Schönheit so fasziniert sein, dass mich Frauen nur noch einen Dreck interessieren.
Doch zurück zum Sonntagmorgen. Wir sind seit über 2 Stunden unterwegs und haben einen Bärenhunger. Wir können Eberhard Fohrer, den Autor des Kreta-Führers, in einem Punkt bes-tätigen: Evas Frühstück ist reichhaltig.
Dass es auch gut sei, möchte ich relativieren. In Plastik verschweißte Käse-Scheibletten und ebenso verpackte Schinkenscheiben sind ebenso wenig Bestandteile eines Gourmet-Frühstücks wie das Brot vom Vortag und kalte Eier, die so hart gekocht sind, dass man mit ihnen Bernd den Schädel einschlagen könnte, wenn er demnächst wieder sein „Guten Morgen Rudolf“ anstimmt.
Aber was erwarten wir für 3,50 Euro? In Deutschland bekämen wir dafür gerade einmal ein Kännchen Kaffee! Und hier gibt es guten Kaffee und guten Tee, so viel wir wollen. Beide Getränke sind und bleiben in Thermoskannen richtig heiß. Es gibt ein Glas Orangensaft, und am Montag und Dienstag sogar frisches Brot vom Bäcker.
Um 10.30 Uhr sind wir soweit. Zunächst gehen wir eine viertel Stunde über eine kleine As-phaltstraße bis Angathia, einem winzigen Dörfchen mit Kreuzkuppelkirche und niedrigen, weißgekälkten Häusern. Die Entfernungen sind minimal. Kaum hat man das Dorf betreten, ist man an der Kirche, biegt dort nach rechts ab, schlägt nach 50 Metern einen Haken nach links, passiert ein klitzekleines Kafenion mit zwei Stühlen vor der Tür, dann noch zwei, drei Häu-schen und schon hat man Angathia und die Asphaltstraße hinter sich. Es geht bergauf, durch Weidezäune mit Türen, vorbei an einer Betonzisterne bis zu einer Kapelle, deren kühler In-nenraum zu einer ersten Pause einlädt.
Peter hat an einer Felswand gegenüber etliche Bergziegen ausgemacht, die wagemutig im fast senkrechten Gelände von einem Felsvorsprung zum anderen hüpfen. Mit Rudolfs Fernglas kann man sie deutlicher sehen. Vor allem heute Nachmittag in der Choklakies-Schlucht und morgen im Tal der Toten von Kato Zagros können wir jetzt alle Nase lang eine Pause einle-gen, um diese Tiere zu betrachten. Wohin man auch schaut, sie hocken überall auf ihren Fels-vorsprüngen und scheinen sich köstlich zu amüsieren, wie wir Zweibeiner da unten uns ab-mühen, über Stock und Stein zu kraxeln, obwohl die Natur uns für diese Klettereien eher schlecht als recht ausgestattet hat.
Gelegentlich meckern sie. Manchmal erreichen sie mit zwei, drei halsbrecherischen Sprüngen das nächste Grasbüschel, meist aber stehen sie in schwindelerregenden Höhen und schauen und schauen in stoischer Gelassenheit.
Wahrhaft genügsame Tiere, denke ich. Bis wir in die Skinias-Bucht kommen. Während wir baden, stehen sie am Rande der kleinen Bucht, und können sich nicht losreißen vom Anblick unserer knackigen Ärsche und unserer nicht minder überwältigenden Genitalien. Erst sind es nur ein paar Ziegen. Im Gegensatz zum Handynetz scheint ihr Informationssystem zu funkti-onieren. Nach und nach kommt eine nach der anderen über den Bergrücken und sie können sich nicht satt sehen an unseren locker in den Sand gestreckten wunderschönen Körpern. Nur als Peter aus dem Meer steigt und seine Badehose überstreift, meckern sie und suchen das Weite, als hätten sie Anspruch auf das volle Programm.
Da liegen wir vier allein an einem einsamen Kiessandstrand, nur der Weg, den wir kamen, führt dorthin und der Pfad, auf dem wir weiterwandern. Eine ideale Badbucht!
Rudolf steckt, man weiß nie, wofür es gut ist, seinen Claim ab. Er hat es noch nicht gescheckt, dass wir hier auf Kreta sind und nicht in Llorett de Mar. Er steckt zwei kurze Astgabeln im Abstand von 1,50 Metern in den Sand, legt einen Stock darüber, kennzeichnet die andere Längsseite und die beiden Breitseiten seiner Parzelle mit deutlichen Demarkationslinien und hätte auch das umliegende Gelände vermimt oder mit Selbstschussanlagen gesichert, wenn er sie durch die Kontrolle am Flughafen hätte schleusen können.
So beschränkt er sich darauf, in der Mitte seines Claims ein Handtuch auszubreiten, das mit Steinen beschwert wird, die zu magischen Zeichen angeordnet uns ein Rätsel nach dem ande-ren aufgeben. Vor allem beschäftigt uns die Frage: Dreht Rudolf jetzt ganz durch oder gibt sich das wieder? Es gibt keinen Netzanschluss für unsere Handys. Wir verzichten auf die grü-ne Minna. Vorerst!
Die Entscheidung war richtig. Nach und nach erholt sich Rudolf. Von Schamgefühlen heim-gesucht ringt er zwar noch minutenlang mit sich, ob er auf die Badehose verzichten soll, ü-berwindet sich dann doch, alle Hüllen fallen zu lassen, vollführt einen seltsamen Lauf am Strand, eine Art Slapstick-Einlage im Adamskostüm, um sich dann in den Fluten abzukühlen. Das hilft.
Bald schwimmt er wieder wie ein normaler Mensch, sonnt sich wie ein normaler Mensch, wird zwar noch einmal rückfällig, als er einen Viertel Liter seines kostbaren Mineralwassers opfert, um einen grünen Zweig zu begießen, den er selbst in den Strand einsetzte, aber dann döst er ein wie wir und präsentiert die Vorzüge seines durchtrainierten Körpers den Ziegen, die sich an seinem Anblick weiden.
Im Fernsehzeitalter werden die geilsten Bilder langweilig, wenn sie nicht von Werbepausen unterbrochen werden. Die Ziegen suchen das Weite. Auch wir machen uns auf die Socken. Drei Stunden reine Gehzeit liegen vor uns.
Zunächst führt der Weg etwa eine dreiviertel Stunde am Meer entlang in Richtung Karoumes-Beach, der nach halber Wegstrecke hinter einem Bergrücken ins Blickfeld rückt. Ein schöner Strand, aber nicht so einsamer wie die Skinias-Bucht! An einer Steinhütte, die umgeben ist von Steinmauern biegt der Weg nach Westen zur Schlucht ab. Bald haben wir das Bett des Chochlakies-Baches gefunden und die neuen Wegmarkierungen. Durch das ausgetrocknete Bachbett, bzw. daneben, queren wir die angeschwemmte Küstenebene bis zu den ersten ke-gelförmigen Bergen am Eingang der Schlucht.
Bisher hat der Rundweg die im Reiseführer vergebenen Prädikate „interessant, einsam und abwechselungsreich“ verdient. Für den letzten Abschnitt, die Schlucht selbst, erwartete ich nach den Erfahrungen an der Südküste eigentlich keinen Höhepunkt mehr. Die Wanderung durch die Aradena-Wanderung war zwar die interessanteste und schönste unserer damaligen Tour, wirklich spektakulär war aber nicht der Weg durch die Schlucht, sondern der Abstieg nach Loutro, der Aufstieg nach Livaniana und etwas später der Blick auf die Weißen Berge im Abendlicht. Auch die 20 Minuten in der Schlucht bei Soughia waren nichts Außergewöhn-liches. Unser Wanderführer widmet dem Aufstieg durch die Chochlakiesschlucht auch nur einen kurzen Textteil. Die letzten eineinhalb Stunden scheinen nicht das Gelbe vom Ei zu sein. Oder?
Schon am Eingang der Schlucht türmen sich 100 bis 150 Meter hohe, kegelförmige Felskup-pen auf. Von weitem sehen sie aus als wie Pyramiden, die aus vielen rund geschliffenen, auf-einander gestapelten Blöcken entstanden sind. Beim Näherkommen erkenne ich, dass die Ecken, Kanten und Vorsprünge der Felsen vom Wind und Wetter so rund geformt wurden, dass man sie aus der Entfernung für Einzelgebilde halten kann.
Windzerzauste Kiefern und Pinien an den Felswänden im unteren Teil des Tals, Oleanderbü-sche, stachelige Phrygana und viele Pflanzen, die ich nicht kenne, stehen im Kontrast zu den kargen, steilen Felswänden darüber. Eine viertel Stunde marschieren wir auf fast ebenem Un-tergrund, dann geht es bergauf. An etlichen Stellen haben sich mannshohe Steine von den Felswänden gelöst, sind in die Schlucht gestürzt und versperren aufeinander getürmt den Weg. Der Bach hat sie glatt und rund geschliffen. Mineralien glitzern an ihrer Oberfläche. Uns sind die steinernen Hindernisse eine willkommene Abwechselung. Wir können klettern und kraxeln, ohne in ernste Schwierigkeiten zu geraten.
Die Sonne sinkt. Die schattigen Wegabschnitte werden länger, aber über uns leuchten die Wände der Schlucht in allen nur denkbaren Braun-, Ocker- und Gelbtönen. Stimmungsvoll!
Als wir die Schlucht verlassen, sehen wir das Dorf Chochlakies. Obwohl wir keine Wegmar-kierung mehr finden, wissen wir die Richtung, laufen zwar ein paar überflüssige Meter über Wirtschaftswege, aber schließlich sind wir da und finden sogar ein von keinem Führer er-wähntes Kafenion.
Davor sitzt unter einem Rebendach ein älterer Mann. Wir grüßen und bestellen vier Flaschen Bier. Wenn wir geahnt hätten, was wir anrichten! Der Alte springt wie von der Tarantel ge-stochen auf, rennt hinters Haus und brüllt und brüllt. Fast gewalttätig hört sich das an. Der macht seine Frau zur Schnecke, denke ich, und male mir aus, was er der Armen an den Kopf wirft: Verdammt noch mal, alte Schlampe, wo steckst du denn nur wieder? Du kannst doch nicht von mir verlangen, dass ich vier Flaschen Bier aus dem Kühlschrank hole. Beeil dich, sonst setzt es was!
Verstanden habe ich kein Wort. Aber der Alte klang wahnsinnig aggressiv. Umso überrasch-ter bin ich, als ein etwa 35-jähriger Mann, wahrscheinlich sein Sohn, auf der Bildfläche er-scheint. Höflich und entspannt bedient er uns. Mit seinem Vater redet er freundlich. Ver-dammt! Verstellt sich der Jüngere? Der müsste doch so einen Hals haben nach allem, was ihm der Alte an den Kopf geworfen hat.
Die Schimpftiraden gab es wahrscheinlich nur in meiner Einbildung. Diskussionen unter Griechen hören sich in unseren Ohren oft so an, als wollte sie mit dem Messer aufeinander losgehen. Auf dem Lande noch mehr als in der Stadt. Wenn dann ein alter Mann mit heiserer Stimme, die nicht mehr über das nötige Volumen verfügt, sich aufregt, klingt das in unseren Ohren wie die Drohung, jemandem den Hals umzudrehen zu wollen.
Spätestens nach dem ersten Schluck aus der Heinichen-Flasche sind wir überzeugt, dass kein böses Wort den Frieden in diesem abgelegenen Dorf je getrübt hat. Aber unseren Seelenfrie-den haben wir erst gefunden, wenn wir wissen, wie wir wieder nach Palekastro zurückkom-men. Zwei mal am Tag soll ein Bus fahren. Es ist 17 Uhr und unser Wirt bestätigt, dass heute kein Bus mehr kommt. Wenn sonntags überhaupt einer gefahren sein sollte!
Vorsorglich hatte ich mir heute Morgen im Fremdenverkehrsamt die Handynummer des ein-zigen Taxifahrers der Gegend geben lassen. Der erste Versuch, ein Taxi zu bestellen, scheiter-te vor unserem Aufbruch vom Strand. Kein Netzanschluss! Den zweiten startet jetzt unser Wirt. Was ich erleben muss, finde ich erstaunlich, eigentlich sogar empörend. Der Anruf kommt zwar durch, aber kein Taxifahrer geht an den Apparat. Anstatt Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um für schnellen Ersatz zu sorgen, legt unser Wirt die Hände in den Schoß und tut nichts mehr.
Wo sind wir denn hier? Im Sauerland? Da würde solche Sturheit nicht überraschen! In Ita-lien, in Villetta Barrea, haben in einer vergleichbaren Situation drei Leute, der Barkeeper, seine Freundin und ein Gast, ihre Köpfe zusammengesteckt und zwei Autos organisiert, die uns zur Passhöhe brachten. Aber diese beiden Griechen kümmert es einen feuchten Schmutz, wie wir wieder nach Hause zurückkommen! Wohl noch nie etwas von griechischer Gast-freundschaft gehört!
Wenn das so ist, sagen sich Peter und ich, gehen wir halt zu Fuß und holen dann Bernd und Rudolf mit unserem Auto hier ab. In ein bis eineinhalb Stunden müsste das zu machen sein. Wofür joggen wir zwei bis drei Mal die Woche eine ganze Stunde? Wir überlassen den Hin-terbleibenden noch unsere halbvollen Bierflaschen und ziehen los.
Ich rechne damit, dass schnell ein Auto anhält, wenn wir trampen, und erzähle Peter, dass im Maira-Tal im vorigen Jahr von vier Autos, die vorbeikamen, zwei hielten und uns mitnahmen. Dass war mein absoluter Tramprekord!
Hier geht zwar nicht der schöne Rudolf mit dem aufregenden Gang hinter mir, aber Peter sieht so schlecht auch nicht aus. Nach alter Tramperfahrung nehmen Autofahrer in abgelege-nen Gegenden eher jemanden mit als in Ballungsgebieten oder auf verkehrsreichen Straßen. Von den fremdenfreundlichen Griechen erwarte ich eigentlich den gleichen Service wie im Maira Tal. Das Glück ist zwar launisch, aber was soll schief gehen?
Die Fahrer der ersten drei, vier Autos würdigen uns keines Blickes und scheinen sich nicht die Bohne dafür zu interessieren, dass sie das Ansehen Griechenlands schädigen. Nach zehn Mi-nuten sind es schon sechs, sieben Fahrer, die sich schuldig gemacht haben. Es folgen weitere und es vergeht eine gute viertel Stunde, bis sich einer erbarmt und auf die Bremse tritt.
Eine Luxuslimousine ist es nicht, die da hält, einsteigen dürfen wir auch nicht, aber mitge-nommen werden wir trotzdem. Wir klettern auf die Ladefläche eines japanischen Pickups und schieben eine Bohr-, eine Schleifmaschine und einiges Kleinzeug zur Seite, damit wir unsere Beine ausstrecken können. Kaum haben wir unseren Rücken gegen das Führerhaus gelehnt, geht es los.
Diese Mitfahrgelegenheit weckt Erinnerungen an Karpathos. Damals durfte Klaus Theisen ebenfalls auf der Ladefläche eine Pickups Platz nehmen, während Leo, Rudolf und ich vorne saßen. Die Straße führte vom Hafenort Diafani ins 800 Meter hoch gelegene Olympos. Auf der etwa 10 Kilometer langen Strecke zeigt uns der Fahrer, was ein echter „Karpatussi“ aus einem gammeligen, aber gut motorisierten Toyota herauszuholen vermag.
Wir holten oben in Olympos einen zerrütteten Klaus von der Ladfläche. Seine Oberschenkel waren verkrampft, weil er mehr oder minder erfolglos zu verhindern versucht hatte, in den Serpentinen von einer Seite der Ladefläche auf die andere geschleudert zu werden. Sein Gleichgewichtssinn hatte die Fahrt auch nicht unbeschadet überstanden, so dass er den halben Abend brauchte, um sein körperliches und seelisches Gleichgewicht wieder zu finden.
Gott sei Dank hat unser Fahrer nicht den Ehrgeiz, uns die ausgefeilte Kurventechnik der Ost-kreter zu demonstrieren. Der Mann am Steuer fährt besonnen seinen Stiefel runter und scheint sich der Tatsache bewusst zu sein, dass gerade für alte Menschen die Gesundheit das höchst Gut ist. Nun, wir müssen uns einige Male an den Seitenklappen festhalten, um nicht überein-ander zu purzeln, aber der Mann am Steuer verzichtet auf plötzliche Bremsmanöver und krei-schende Reifen in der Kurve. Nach zehn Minuten Fahrt können wir direkt vor „Evas Haus“ von der Ladefläche springen und uns bedanken.
Der Fahrer hebt die Hand, lächelt kurz, legt den Gang ein und ist ein paar Sekunden später mit seiner Kiste verschwunden. Auf pathetische Dankesbekundungen legt er keinen Wert. Er ist in Eile.
Uns soll es recht sein. Wir steigen in unseren Fiat, fahren zurück nach Chochlakies, und es ist gerade einmal eine dreiviertel Stunde vergangen, als wir wieder bei Bernd und Rudolf sind. So früh haben die mit uns noch nicht gerechnet. Sie steigen sofort ein und lassen sich nach Palekastro chauffieren.
Das Restaurant „Hellas“, in dem wir zu Abend essen, hat uns vorhin unser schwäbischer Mitbewohner empfohlen. Uns wird nicht nur gutes Essen geboten, sondern auch Stoff für Spekulationen. Kam mir schon der Schwabe, obwohl Vater einer Tochter, homophil vor, bin ich mir bei dem überaus netten und freundlichen Kellner fast sicher, dass er ein Homo ist. Nachdem er uns bedient hat, beobachte ich, wie er und seine männlichen Gäste sich mit einer selbst für Griechenland ungewöhnlichen Herzlichkeit und einem leicht tuntenhaften Touch begrüßen. Ist das „Hellas“, vielleicht sogar ganz Palekastro ein Zentrum für homophile Indi-vidualurlauber? Diese Frage habe ich trotz ausgeprägter Neugier wegen der Kürze des Auf-enthaltes nicht mehr klären können.

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