Kreta 2004 - Tag 4
Montag, 18.10.05 - 4. Reisetag
Den Montag, den Tag der Wanderung durch das Tal der Toten bei Kato Zagros, hätte ich bei der Niederschrift dieser Erinnerungen am liebsten übersprungen, um mir die Tour durch die Tripti-Berge am nächsten Tag vorzunehmen.
Die nach der Samaria-Schlucht bekannteste Schlucht auf Kreta war aber keinesfalls eine langweilige Angelegenheit. Im Gegenteil, sie übertraf meine Erwartungen um Längen, ob-wohl es die zweite Schluchtenwanderung an aufeinander folgenden Tagen war und die erste, durch die Choklakies-Schlucht, nicht von schlechten Eltern war.
Die Totenschlucht hatte einiges mehr zu bieten. Das Tal von Kato Zakros ist nicht nur we-sentlich länger, sondern auch erheblich tiefer in die Berge geschnitten, so dass die Felswände bis zu einer Höhe von 300 Metern fast senkrecht emporragen. Die Felsbrocken, die abgebro-chen sind und im Bachbett liegen, türmen sich höher und zahlreicher als gestern, so dass die Wanderung öfter von kleinen Kletterpartien unterbrochen wird. Auch die Vegetation ist üppi-ger, weil der Bach trotz fünfmonatiger Trockenheit immer noch Wasser führt und eine reiche Vegetation, unter anderem das Wachstum von Platanen ermöglicht, die uns auf einigen Stre-ckenabschnitten Schatten spenden.
Das Wetter war ausgezeichnet, wir waren ausgeschlafen, es gab nichts, was die Stimmung trübte, und trotzdem wollte ich nicht mit den folgenden Seiten anfangen. Warum nicht? Es hängt mit dem zusammen, was der Tag beschert. Eine Wanderung kann noch so interessant sein, alle äußeren Bedingungen, auch der Zusammenhalt der Gruppe kann optimal sein, das Salz in der Suppe eines solchen Reiseberichts sind die unvorhergesehenen Ereignisse, Dinge, die nicht so reibungslos klappen wie geplant, unvorhersehbare Umstände oder Gefahren, die man besteht, oder auch Begegnungen sowohl angenehmer als auch unerfreulicher Art.
Diese Dinge motivieren mich, an den Computer zu gehen. Wenn aber alles glatt läuft, komme ich nur meiner selbst auferlegten Chronistenpflicht nach.
Während ich hier meine Schreibunlust beklage, fällt mir ein, dass dieser Montag doch blei-bende Eindrücke hinterließ, zumindest bei Bernd. Daraus lässt sich ein hübsches Anekdöt-chen machen. Ich will es versuchen. Aber bitte, schön der Reihe nach.
Mit besonderen Anstrengungen müssen wir heute nicht rechnen, weder mit einer zweistündi-gen Anfahrt wie gestern, noch mit einer sechsstündigen Wanderung wie morgen. Für das Tal der Toten werden hin und zurück 4 ½ Stunden Wanderzeit angegeben und die zwanzig Kilo-meter bis Hora Zakros, dem Ausgangs- und Endpunkt, müssten wir mit unserem Auto in einer halben Stunde schaffen. Also, heute können wir es langsam angehen lassen!
Wir stehen um 8.30 Uhr auf, 1 ½ Stunden später als gestern, frühstücken in aller Ruhe, wobei wir ab 9.30 Uhr Gelegenheit haben, die Grundschüler gegenüber zu beobachten oder wahl-weise meine kretische Kollegin zu bewundern, starten gegen 10.15 Uhr von Palekastro und parken um kurz vor 11 Uhr auf dem Parkplatz von Hora Zakros. Das Dorf liegt am Hang, etwa 350 Meter über dem Meeresspiegel. Grüne Gärten, weitläufige Olivenhaine, Orangen-bäume, Kiefern, Zypressen, sogar ein paar Palmen lassen den Ort und die nahe Umgebung wie eine grüne Oase inmitten karger Karstberge erscheinen.
Man geht verschwenderisch mit Wasser um. Am Rande der Gassen fließt es durch kleine Ka-näle und sogar nach Kato Zakros, dem Örtchen am Meer, hat man eine Wasserleitung durch das Tal der Toten gelegt. Sie leckt zwar an etlichen Stellen, aber das stört hier niemanden.
Woher der Wasserreichtum in einer Gegend, die zu den trockensten im Mittelmeerraum zählt? Mein Kretaführer klärt auf. Oberhalb von Zakros entspringt die kräftigste Quelle Ostkretas, die stündlich 800 Liter Wasser in die Schlucht bzw. in das Bewässerungssystem ergießt. Das reicht.
Der Strand, die Schlucht und der minoische Palast sind in der Hochsaison ein Hauptreiseziel für Ostkreta-Urlauber. Reisebusse in Hülle und Fülle fahren dann zum Meer hinunter. Touris-ten und Wanderer wie wir dürften eigentlich nicht sonderlich auffallen, denke ich.
Ich will ein hübsches Gässchen fotografieren. Gerade habe ich den Sucher meiner Kamera vor das Auge gehoben, da will eine schwarz gekleidete Frau aus dem Haus treten. Sie hebt den Perlenvorhang an der Haustür, sieht mich mit der Kamera, lässt den Vorhang sofort wieder fallen und verschwindet ins Haus. Ich beobachte noch ein oder zwei Minuten die Haustür. Sie bleibt im Haus, wahrscheinlich weil sie sicher sein will, mir nicht mehr vor die Linse zu gera-ten.
Etwas weiter unten im Dorf fällt mir der Vorgarten eines winzigen Häuschens auf. Da liegen Zementsäcke, uralter, schon überwachsener Bauschutt und irgendwelche Sperrmüllteile, die man vergessen hat wegzuschaffen. Daneben wachsen auf gepflegten Beeten Salat, Zucchini, Melonen und blühende Blumen. Eine Idylle, ein typisch griechisches Bild, das ich festhalten will. Als ich Anstalten mache, die Kamera zu zücken, verschwinden zwei ältere Frauen, die im Hintergrund saßen. Ich hatte sie gar nicht beachtet, wahrscheinlich wären sie nicht aufs Bild gekommen.
Warum laufen sie weg? Das sind Reaktionen, die ich zunächst nicht verstehe. Adoni erklärt mir später, dass diese Frauen sich nur in Festgewändern, in traditionellen Kostümen oder in Ausgehkleidung fotografieren lassen. Sie wollen sich schick gemacht haben. Das leuchtet mir ein. So etwas soll es auch in Deutschland geben.
Nachdem wir die letzten Häuser hinter uns gelassen haben, klettern wir in die Schlucht. Ir-gendwo in der Mitte des Tales türmen sich etliche bis zu 2 oder 3 Meter hohe Steinblöcke im Bachbett. Unser Weg führt hindurch, unschwierige Klettereien sind eine willkommene Ab-wechselung.
Ich bin vorgegangen und finde die rund geschliffenen Felsblöcke ausgesprochen fotogen. Kräftige Platanen strecken ihre Zweige aus. Die bis zu 300 Meter hohen Wände der Schlucht geben einen prächtigen Hintergrund ab. Ich postiere mich mit meinem Apparat zu Füßen der Felsgruppe und warte.
Da ist auch schon der Erste, Peter! Ich erwarte, dass er einfach runterklettert. Aber er löst die Aufgabe bravourös. Für ein Foto legt er sich richtig ins Zeug. Wie weiland Tarzan an Lianen durch den Urwald schwebte, so hechtet er an den Ast einer Platane, schwingt über den riesi-gen Stein hinweg und landet elegant, wie nicht anders zu erwarten, vor meinen Füßen. Höchs-ter technischer Schwierigkeitsgrad und formvollendete Ausführung, eine fantastische Leis-tung! Nur leider für die Katz, denn dank der Auslöseverzögerung meiner Digitalkamera hat es erst geklickt, als Peter seinen Höhenflug bereits beendet hatte.
Das muss geprobt werden. Wir lassen uns nicht entmutigen. Die besten Szenen kommen erst in den Kasten, nachdem sie siebenundvierzigmal wiederholt worden sind.
Peter tritt noch einmal an. Wieder schwingt er über die Felsen des Zakrostales, übertrifft sogar seine Leistungen vom ersten Mal, doch wieder hat der Fotograf versagt. Die Blende öffnet sich auch diesmal viel zu spät. Ich wage es nicht, Peter die Wahrheit zu sagen, aber er hat es gemerkt. Wieder nichts!
Inzwischen sind Bernd und Rudolf oben auf dem Felsen angekommen. Peters zweiten Sprung durften sie noch miterleben. Solche Akrobatik spornt an. Großzügig, wie Bernd ist, will er mir nach zwei Fehlversuchen noch eine Chance geben.
Bernd, der Herr der Lüfte in der Totenschlucht von Kato Zagros, gibt Anweisung: Fotografier mich mal! Und springt ab. Sofort drücke ich auf den Auslöser. Schwerelos fliegt er dem nächsten Ast entgegen. Auf meinem Display sehe ich, wie er diesen erreicht, wie er zugreift, aber was ist das? Anstatt sich festzuhalten und mit dem Körperschwung die Steinplatten unter ihm zu überwinden, bricht der Schwung plötzlich ab. Seine Finger lösen sich viel zu früh vom Ast und er stürzt ab. Anstatt unten vor dem Felsen auf seinen Füßen zu landen, kracht er mit dem Hintern auf die steinharte Platte und bleibt dort mit schmerzverzerrtem Gesicht sitzen.
Mein lieber Mann, das war eine Landung! Bernd ist kein Jammerlappen. Er erspart uns alles Wehklagen und ist nach ein paar Minuten wieder auf den Beinen. Aber am Abend erzählt Peter von einem ballgroßen Hämatom am Hintern.
Zwei Wochen später lässt Bernd bei einem Familientreffen die Hose runter. Der Bluterguss erstrahlt immer noch in voller Pracht, in allen Herbstfarben, ein Meisterwerk des Boddy-Paintings. Erst jetzt ahne ich, welche Schmerzen Bernd weggesteckt hat. Nicht einmal seinen Rucksack, der ihm bis auf die lädierte Pobacke hing, wollte er abgeben, obwohl der ein-schließlich seines Inhaltes bequem von uns hätte getragen werden können. So ist unser Bernd! Ein harter Hund, der sich umso weniger anmerken lässt, je dreckiger es ihm geht.
Rudolf, der beim Sprung direkt hinter ihm stand, macht uns klar, welches Glück im Unglück Bernd hatte. Wäre er nur zwanzig Zentimeter weiter hinten gelandet, wäre er mit dem Hintern auf eine spitze Felskante geschlagen. So aber verhindert der Rucksack Schlimmeres. Bernd kippt zwar nach der Gesäßlandung nach hinten, aber die Felsspitzen können seinen Rücken nicht verletzen, weil der Rucksack ihn schützt.
Als wir, etwas leiser geworden, weitergehen, verschonen wir Bernd mit den Überlegungen, was geschehen wäre, wenn… Er hat sicherlich mit der Verarbeitung dessen, was tatsächlich vorgefallen war, genug zu tun. Und mit den Schmerzen muss er auch zu Recht kommen!
Wir hängen unseren Gedanken nach. Als dann weiter unten der Bach unterirdisch weiter fließt und ein Seitental zum Haupttal stößt, umfängt uns in dem weiter gewordenen Talkessel tiefes Schweigen. Bald kommen uns Wanderer entgegen, die vom Strand aus einen kurzen Spazier-gang machen, dann öffnet sich das Tal und vorbei am minoischen Palast von Kato Zagros, dessen Grundmauern frei gelegt wurden, geht es zum Strand.
Vor uns badet eine Familie mit zwei heranwachsenden Kindern, Tochter und Sohn. Der Fami-lienvater kommt zu uns, hockt sich an den Strand und will etwas über unsere Wanderungen wissen.
Er ist Sachse, trotzdem nicht übel. Er hat das Glück an Experten geraten zu sein, die ihre Landsleute am reichen Schatz ihrer Erfahrung auch dann teilhaben lassen, wenn sie von „drü-ben“ kommen. Der gute Mann hört interessiert zu, natürlich will er auch selbst erzählen. Wir lassen ihn. Dass er und seine Familie mit einer Ladung Busreisender unterwegs ist, findet er schon etwas peinlich. Aber er hat eine gute Entschuldigung. Sein Sohn habe die Kretarundrei-se als Preis für eine tolle schulische Leistung gewonnen. Da hätten sich die anderen drei Fa-milienmitglieder angeschlossen. Okay, akzeptiert!
Wir erzählen aus unserem Wessi-, er aus seinem Ossi-Wanderleben. Er ist ganz schön rumge-kommen. Aber eben nicht in der Eifel, im Sauerland, im Odenwald oder Allgäu, sondern im Elbsandsteingebirge, im Thüringerwald und im Erzgebirge. Noch deutlicher werden die un-terschiedlichen Trekking-Biografien, wenn er von seinen Touren in der Hohen Tatra, in den Kaparten und den bis zu 3000 m hohen Bergen bei Sofia erzählt. Unsere Wanderungen und Fahrradtouren in den Alpen, Italien oder Griechenland sind mit Sicherheit teurer, wahrschein-lich auch komfortabler gewesen. Wir waren schon vor 30-40 Jahren unterwegs zu „Traumzie-len“, während für DDR-Bürger die meisten Traumziele unerreichbar auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs lagen. Das sind Unterschiede. Aber als unser Sachse seine Wanderge-schichten aus dem Osten Europas erzählt, klingt das nicht so, als hätten er und seine Freunde weniger Spaß gehabt.
Der Mann muss zurück zum Bus. Es geht weiter zum Palmenstrand von Vai. Auch wir treten unseren Heimweg an. Bevor die Abendsonne hinter den Bergen verschwindet, wollen wir noch ein paar Fotos schießen. Den Weg zurück finde ich genauso interessant wie den Hinweg, zumal wir in der oberen Hälfte der Schlucht andere Pfade gehen als am Morgen, nämlich den auf der linken Seite des Baches.
Am Ausgang des Tales versperrt eine Gruppe Schafe und Ziegen den Weg. Sie lassen sich durch uns nicht stören und fressen seelenruhig ihre Gräser. Wir zücken unsere Kameras. Es ist ein friedliches Bild, wie diese Tiere im Licht der Abendsonne und im Schatten knorriger Oli-venbäume ihre Nahrung rupfen und kauen. Ein paar Minuten warten wir und lassen die Idylle auf uns einwirken. Dann marschieren wir weiter. Ohne Hast machen die Viecher uns den Weg frei und nach ein paar Minuten wird es für sie so sein, als wären wir nie vorbeigekommen. Wir erreichen Zakros und nach einer halbstündigen Fahrt sind wir wieder in Palekastro.
Heute Abend gönnen wir uns etwas Besonderes. Unweit des Strandes, in der Nähe von An-gathia soll es ein Fischrestaurant geben. Sehr guter sei der Fisch dort, frisch und delikat zube-reitet. Unser Schwabe geriet ins Schwärmen, als er uns diesen Tipp gab. Okay, Palekastro ist seine zweite Heimat. Vom Essen schien er auch etwas zu verstehen. Wenn er es nicht weiß, wer sonst?
Wir fahren hin. Hinter Angathia rumpeln wir über eine Straße voller Schlaglöcher. Ein paar Laternen erinnern daran, dass wir noch nicht ganz von der Zivilisation abgeschnitten sind. Schließlich taucht doch noch das Restaurant auf. Vor dem Haus befindet sich ein großer Park-platz. Leer! Draußen stehen Tische und Bänke. Kein Mensch sitzt dort! Warum fahren wir nicht zurück nach Palekastro? Keine Ahnung!
Wir gehen hinein. Eine alte Frau begrüßt uns. Bald hat es sich herumgesprochen, dass wir da sind. Der Koch erkundigt sich nach unseren Wünschen. Fisch wollten wir! Er nimmt uns mit zu seinem Eisschrank, in dem eine stattliche Anzahl verschiedener Fische auf Eisstücken liegt. Nicht unappetitlich! Die Preise hauen mich um. Für einen Kilogramm Dorade zum Bei-spiel will er zwanzig Euro oder sogar mehr haben. Es gibt nichts Billigeres. Unsere Experten meinen, 400 bis 500 Gramm pro Person müssten es schon sein. Das macht rund 10 Euro pro Fischportion. Dann kommen noch Vorspeisen und Beilagen hinzu. Für kretische Verhältnisse wahrhaft stolze Preise!
Das Ambiente hier ist auch nicht gerade einladend. Eigentlich sollten wir ein anderes Restau-rant suchen. Aber wir sind ganz und gar auf Fische eingestellt. Der Hunger plagt uns. Und deshalb kriegen wir nicht die Kurve, sondern bestellen.
Der Fisch schmeckte, das andere war auch nicht schlecht. Aber das heutige Abendessen war alles andere als ein Erlebnis. Vorher und an den folgenden zwei Tagen sind wir in angeneh-merer Umgebung viel freundlicher bedient worden, mussten wesentlich weniger zahlen und haben mindestens genau so gut gegessen.
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