Kreta 2004 - Tag 5
Dienstag, 19.10.05 - 5. Reisetag
Die Wanderung in den etwa 50 Kilometer entfernten Thripti-Bergen steht auf dem Programm. 6 Stunden reine Wanderzeit werden angegeben. Der Weg soll aber nur 12 Kilometer lang sein. Schon diese beiden Angaben hätten mich stutzig machen können. Sie passen hinten und vorne nicht zusammen. Es handelt sich angeblich um eine mittelschwere Wanderung mit 720 Höhenmetern und nicht um einen alpinen Klettersteig! Ich hielt die 12 Kilometer für einen Druckfehler. Gehen wir von 22 Kilometern aus, dachte ich, dann liegen wir richtig.
Hätten wir heute morgen geahnt, dass wir nach 22 Wanderkilometern noch 10 weitere Kilo-meter Wegstrecke vor uns haben, dass wir nicht sechs, sondern acht Stunden unterwegs sein würden und dass wir unser Ziel, das Dorf Monastiraki niemals erreichen, sondern im 10 Ki-lometer weiter südlich gelegenen Ano Horio landen würden, ich weiß nicht, ob wir da nicht umdisponiert hätten.
So aber holen wir von allen Vorahnungen unbelastet schon um kurz nach sieben unsere Tab-letts aus Evas Küche und frühstücken zügig. Schon um halb acht kann ich bezahlen.
Da erlebe ich eine Enttäuschung. Eva, unsere Gastgeberin, die mir in den zwei Tagen richtig sympathisch geworden ist und die ich für eine ehrliche Haut hielt, lässt mich an meiner Men-schenkenntnis zweifeln. Dreiundzwanzig Euro waren für das Doppelzimmer vereinbart, das wusste ich genau. Als Eva dann auf ihr spickzettelgroßes Papierchen dreißig Euro für jedes Zimmer schreibt, bin ich stinksauer. Das Zimmer hätten wir sicher auch für dreißig Euro ge-nommen, das ist nicht das Problem. Dass Eva uns betuppen würde, hätte ich nie gedacht. Ges-tern Abend noch erzählte sie von ihrem 46 oder 48 Jahre alten Sohn, der beim Baden an ei-nem Herzanfall starb und sie zeigte ihre Trauer ohne falsche Scham. Sie ließ sich von uns trösten und ich hatte das Gefühl, dass sie in uns Vieren so eine Art Sohn-Ersatz auf Zeit sah. Und nun das! Zieht uns schamlos über den Tisch und ist nicht besser als weiland Georgina aus Agios Nikolaos.
Gott sei Dank, vertut sie sich bei der Abrechnung des Frühstücks. Es kostet 3,50 Euro pro Person, also 14 Euro für uns Vier. Eva, denke ich schadenfroh, vergisst den Betrag mit drei zu multiplizieren. Ausgleichende Gerechtigkeit! Wahrscheinlich liegt die Gesamtsumme nicht weit von dem entfernt, was wir wirklich hätten zahlen müssen.
Ich sage nichts und zahle zunächst einmal. Oben auf der Terrasse kann ich nachrechnen. Wenn wir zu viel gezahlt haben, werde ich reklamieren.
Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Ich hätte einiges Porzellan zerschlagen können! Als ich aber oben auf der Terrasse diesen winzigen Zettel überprüfe, auf den sie ihre Abrechnung gekritzelt hat, fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Der Betrag von 30 Euro errechnet sich aus der Zimmermiete von 23 Euro und den beiden Frühstücken für je 3,50 Euro und die 14 Euro sind für das Extra-Frühstück am Ankunftstag. Alles klar! Innerlich leiste ich Abbitte für die unausgesprochene Schuldzuweisung. Bis zur Aufklärung meines Irrtums war sie bei mir unten durch, jetzt kann ich mich, ohne mich verstellen zu müssen, unbeschwert und herz-lich von ihr verabschieden.
Eva winkt zwei Schulmädchen von gegenüber, die uns Vier mit der Gastgeberin fotografie-ren, wir drücken sie an unsere starke Männerbrust und auf geht es nach Kavoussi, dem Aus-gangspunkt unsere Exkursion in die Thripti-Berge. Gegen 9.45 Uhr finden wir dort einen Parkplatz im Dorfzentrum, kaufen frisches Brot und Getränke, und es ist etwa 10 Uhr, als wir das Dorf hinter uns lassen und mehrer Male den Fahrweg zur Alm Thripti kreuzend immer mehr an Höhe gewinnen.
Wir sind guter Dinge. Der Ausblick auf die Mirabellenbucht wird, je höher wir kommen, um-so großartiger. Ungenauigkeiten bei der Wegbeschreibung stören noch nicht wirklich. Da ist von einem Pflasterweg die Rede, obwohl maximal zwei oder drei unbehauene Steine pro Me-ter in den Untergrund gesetzt worden sind. Auch als unser Pfad die Staubstraße wieder ein-mal kreuzen soll und wir auf der anderen Seite keine Fortsetzung des Weges finden, sind wir noch nicht besorgt. Da ist halt ein kleiner Abschnitt zugewachsen. Was soll´s! Wenn wir auf der Staubstraße weitergehen, müssen wir die nächste Abzweigung weiter oben nehmen. Als dann der rote Markierungspunkt, das Kennzeichen unseres Wanderweges, am Rand des Fahrwegs auftaucht, steht fest, dass alles klar ist.
In einer Linkskurve gibt es eine Kapelle, die ist auch in der Karte eingezeichnet, jetzt noch die Abzweigung zum Dorf Samantis, dann müssten wir gleich dahinter unseren Maultierpfad wieder finden.
Müssten, sollten, könnten! Wir suchen und suchen, aber wir finden kein einziges Wegzeichen mehr, keine einzige Abzweigung, nichts gibt es als unsere Staubstraße, die sich auf langen Umwegen durch die Berge schlängelt.
Was unternehmen wir nicht alles, um auf den rechten Pfad zurück zu kommen? Da führt ein Wirtschaftsweg in eine Olivenplantage. Wir folgen ihm. Der Weg verliert sich nach ein paar Metern, trotzdem suchen wir im terrassierten Gelände weiter, glauben hier, glauben dort die Andeutung eines weiteren Weges entdeckt zu haben, bis wir vor einem Steilabfall stehen, an dem es kein Weiterkommen gibt.
Zurück marsch, marsch! Fast sind wir schon wieder an der Staubstraße, da hören wir ein Mo-torengeräusch. Das wird ein Einheimischer sein! Ich rase die letzten 100-150 Meter, um den Fahrer anzuhalten. Bekanntlich ist ja fast jeder Grieche ein profunder Kenner des heimatli-chen Wegenetzes. Zwanzig Meter fehlen mir. Das Fahrzeug fährt vorbei. Sein Fahrer wird nie erfahren, was er uns an diesem Tag alles hätte ersparen können.
Versuchen wir es mit dem Studium der Wanderkarten. Die Wegbeschreibung unseres Bruck-mann-Wanderführers hat uns heute genau so im Stich gelassen wie die so genannte Detailkar-te, die leider nicht mehr ist als eine farbige Wegskizze in einem allzu großen Maßstab, näm-lich dem von 1:100 000. Für solche Fälle besitzen wir eine Geheimwaffe, die Wanderkarte aus dem Verlag Freytag und Berndt, die im Maßstab 1.50 000 fünf der interessantesten Wan-dergebiete Kretas abbildet, unter anderem. auch unsere aktuelle Wanderung.
Versuchen wir festzustellen, wo wir sind. Da sehen wir auf unserem kartographischen Meis-terwerk drei Schluchten mit Bächen, die alle nach Norden ins Meer fließen. Die eine ist die Thripti-Schlucht. Sie befindet sich 2 bis 3 Kilometer östlich unseres Wanderweges. Zwei Schluchten sind unbenannt. Durch eine der beiden soll unser Wanderweg führen. Das Prob-lem ist, wir sind, seitdem wir Kavoussi hinter uns gelassen haben, nie durch eine Schlucht gegangen, sondern immer über Hänge, Bergrücken und Flanken. Und da gab es Wanderzei-chen, da waren wir richtig.
Schon misstrauischer geworden versuchen wir das Drei-Schluchten-Gebiet, wie es mit har-monisch geschwungenen Höhenlinien eingezeichnet ist, in der Wirklichkeit wieder zu finden. Außer der Thripti Schlucht, gibt es nichts, das auch nur entfernt an die Gegend erinnert, in der wir die Fortsetzung unseres Weges suchen. Vor unseren Augen, rechts links über und unter uns gibt es Bergflanken, Schluchten und Nebenschluchten, Felswände, Berge, Erhebungen, dass man sich fragt, wie ein Kartograph so unverschämt sein kann, seine Fantasielandschaft als Wanderkarte auszugeben. Das Beste, was man über diese Karte sagen kann, ist, dass die Höhenlinien regelmäßig verlaufen und die farbigen Einfärbungen ein plastisches Bild der Landschaft vermitteln. Grafisch ist die Karte topp, kartografisch jedoch ein Flop.
Unter diesen Umständen halte ich es für möglich, dass unser Wanderweg nicht schon 100 bis 200 Meter hinter der Kapelle abzweigt, sondern genau so gut auf den nächsten 1 ½ Kilome-tern.
Ich spiele den Scout, lege den Rucksack ab, und laufe entlang der Staubstraße fast schon bis ins Thripti-Tal. Vergebens! Hier kommt man nirgends weiter. Wieder haben wir 20 Minuten verloren. Seit 1 ½ Stunden suchen wir schon und es droht der totale Frust.
An der Kapelle gibt es eine Lagebesprechung. Wir beschließen, zum Auto zurück zu gehen, 15-20 Kilometer von Kavoussi nach Mochlos zu fahren und einem Wandervorschlag aus dem Kretaführer des Michael-Müller-Verlages zu folgen.
Nachdem wir uns gestärkt haben, geht es bergab. Doch wie heißt es so schön: Es geschehen Zeichen und Wunder. Die Zeichen sind zwei rote Pfeile mit rechtwinklig verlaufenden Quer-strichen, deren Farbe fast schon abgeblättert ist. Sie wurden auf eine Legesteinmauer gemalt, die direkt am Rand der Staubstraße ein kleines Terrassenstück mit zwei, drei Olivenbäumchen abstützt. Der Pfeil weist bergauf, den Querstrich am Ende können wir nicht deuten.
Vor fast zwei Stunden waren wir schon einmal hier. Ich glaube, dass ich es war, der sich in die Büsche schlagen wollte, um unseren Wanderpfad zu suchen. Aber die Drei, die ähnliche Versuche schon einige Male erfolglos unternommen hatten, winkten ab. Lass doch, meinten sie, der Pfeil zeigt eindeutig geradeaus. Recht hatten sie, fand auch ich, und wir marschierten weiter auf der Staubstraße.
Doch jetzt geschieht das Wunder. Bernd, der bergab genug Luft für Extratouren hat, lässt das Geheimnis des ominösen Pfeils keine Ruhe. Er steigt, ohne uns um unsere Meinung zu fra-gen, auf das Steinmäuerchen, überquert die Oliventerrasse und verschwindet hinter den Bü-schen. Dann ertönt laut und vernehmlich: Hier ist der Weg! Nicht, dass hier ein Weg sei, son-dern der Weg. Ich kann es nicht glauben. Aber als ich den mit Pflastersteinen befestigten Fußweg sehe und bald auch die ersten roten Markierungen, bin auch ich überzeugt: Unsere Wanderung kann weitergehen! Als wir dann 20 Minuten später aus dem Wald heraustreten und sich unser Weg zu einem breiten, schön gepflasterten Maultierpfad verbreitet, sind auch die letzten Zweifel verflogen. Es ist zwar schon etwas spät. Aber wenn wir die Pausen nicht allzu sehr ausdehnen, müsste die Wanderung noch gut zu machen sein. Den Entschluss bereu-en wir nicht. Jedenfalls nicht in den nächsten 1 ½ Stunden.
Nach einem schönen, aussichtsreichen Aufstieg erreichen wir einen Pass (820m) und können zum letzten Mal heute auf die Nordküste mit der riesigen Mirabellenbucht hinab schauen. Vor uns rückt jetzt das Massiv des Stavramenos, des höchsten Berges des Thripti-Gebirges (1476m), ins Blickfeld. Eine riesige Antenne auf dem Gipfel und eine fast schnurgerade ins Gestein gefräste Fahrstraße sind nicht gerade eine Zierde des Stavromenos. Dafür leuchtet hier oben das Laub der Weinreben in allen herbstlichen Farben. Als wir näher kommen, sehen wir, dass die Reben verwildert sind und die Steinterrassen zerfallen. Der Weinanbau in dem Hochtal von Thripti lohnt sich nicht mehr.
Dann die ersten Häuser der Streusiedlung Thripti. Am Wegrand wachsen kleine, wohlschme-ckende Trauben. Wir bedienen uns und müssen den zuckrigen, klebrigen Saft von den Fin-gern lecken.
Es wäre übertrieben zu behaupten, dass dank der richtigen Wegbeschreibung des 2. Teils un-seres Aufstiegs das Vertrauen in unseren Wanderführer wieder hergestellt worden sei. Dazu bedarf es mehr. Aber unsere gute Laune ist wieder da und mit ihr die Zuversicht, dass die zermürbende Suche nach den richtigen Wegen für heute hinter uns liegt. Vor uns gibt es brei-te, auch von landwirtschaftlichen Fahrzeugen befahrbare Wege. Da dürfte unserem Autor eine zuverlässige Wegbeschreibung nicht schwer fallen!
Denkste! Dieser Glaube ist ein Irrglaube. Schon am Rande der Thripti Siedlung stimmt die Beschreibung hinten und vorne nicht mehr. An einer Kreuzung gibt es zwei oder drei Wege bzw. Verzweigungen mehr als angegeben. Wir schenken dem nur wenig Beachtung, denn vor uns führt ein breiter Weg genau in die Richtung des Monastiraki-Tals. Dessen Öffnung ist weiter unten so eindeutig auszumachen, dass ich jedenfalls nicht die geringsten Zweifel habe, wie es weitergeht.
Etwas anderes hätte uns stutzig machen können. Während der Wanderführer der Besteigung des Stavromenos 1 ½ eng bedruckte Textseiten widmet, wird unser angeblich 3 ½ stündiger Fußweg nach Monastiraki in genau vier Sätzen abgehandelt.
Im Nachhinein sind wir ziemlich sicher, dass der Autor, wenn es hoch kommt, mit dem Auto nach Thripti gefahren ist, um von dort den Stavromenos zu besteigen, dass er aber weder den Weg nach Monastiraki noch gar unseren Leidensweg nach Kato Horio gegangen ist. Letzteren hat er locker, ohne Zeit- und Längenangaben als Variante vorgeschlagen.
Wir wissen -Gott sei Dank- noch nicht, was uns erwartet. Also schreiten wir leicht, locker und nach wie vor gut gelaunt auf breiten Wegen voran. Von links stößt die Staubstraße von Kato Horio auf unseren Weg und ein, zwei Mal taucht am Wegrand sogar das E 4-Schild auf. Da gibt es keine Zweifel. Der Europäische Fernwanderweg ist in diesem Abschnitt identisch mit unserem Weg. Wir sind auf Kurs.
Überraschend weist ein Holzschild mit der Aufschrift E 4 in einen Waldweg hinunter, der von der Staubstraße abzweigt. Hallo! Von dieser Abzweigung ist auch im Führer die Rede. Sie soll zwar zwei Wanderstunden hinter Thripti liegen und wir sind höchstens eine entfernt, aber bitte, die E 4 Route ist auch unser Weg, und was können wir dafür, wenn wir doppelt so schnell sind wie unser Autor.
Hinein in den Waldweg. Nach 300 Metern stehen wir in einem verwilderten Garten. In ihm steht ein unbewohntes Haus. Seit 200 Metern haben wir kein E 4-Schild mehr gesehen, auch keine andere Markierung. Wo der Garten aufhört, wächst dichte, undurchdringliche Natur. Peter und ich suchen nach der Fortsetzung des Weges. Wir schlagen uns an verschiedenen Stellen in die Büsche. Es gibt kein Durchkommen, geschweige denn einen Wanderweg. Wir können nicht behaupten, dass es den „gut beschilderten E 4 Weg“ hier in den Thripti-Bergen nicht gibt. Wir können nur folgendes sagen: Wenn es neben den Schildern, deren Existenz wir bezeugen können, jemals auch einen gut beschilderten Weg gegeben haben sollte, dann sind Schilder und Weg mindestens ebenso gut wieder zugewachsen.
Zurück auf die Staubstraße nach Kato Horio. Zwanzig Minuten haben wir wieder verloren. Aber was ist das schon gegen die 1 ½ Stunden von heute Morgen?
Auf unserer Karte scheint der Weg fast geradeaus zu verlaufen. Tatsächlich durchquert er in vielen Windungen und Schleifen ein Seitental nach dem anderen, aber wir halten vergeblich Ausschau nach der Abzweigung nach Monastiraki. Die Schlucht selbst, an deren Rand unser Weg vorbeiführte, liegt schon mehr als eine halbe Stunde hinter uns, die Kiefern- und Ler-chenwälder, die uns lange Zeit Schatten spendeten, lichten sich und der inzwischen mit As-phalt befestigt Fahrweg führt, ohne dass eine Abzweigung nach Norden auftaucht, immer deutlicher in die entgegengesetzte Richtung, nämlich nach Süden. Schließlich kommt 500 m unter uns die Hauptverkehrsstraße in Sicht, die an der „Wespentaille“ Kretas die Mirabellen-bucht bei Pachia Amons mit der Südküste bei Ierapetra verbindet.
Genau da wollen wir hin! Könnten wir doch einfach runter klettern! Aber die Felsen sind zu steil und etwas weiter südlich ist die hüfthohe Macchia an den Hängen so dicht, dass es kein Durchkommen gibt.
Drei Stunden sind seit Thripti vergangen. Wir gehen nach Süden und entfernen uns immer weiter von Monastiraki. Hinter uns hören wir ein Fahrzeug. Ich überlege, ob wir versuchen sollten, es anzuhalten. Aber Bernd und Peter haben bestimmt 100 m Vorsprung, wir können uns nicht verständigen. Der Wagen fährt vorbei.
Eigentlich nicht tragisch, wenn wir einfach weggeguckt hätten! Borniert, wie wir sind, wollen wir wissen, was an diesem Spätnachmittag auf uns zukommt. Fasziniert verfolgen wir die Fahrt des Pkws, wie er Kilometer um Kilometer zurücklegt, wie er nicht einmal, sondern mehrer Male in einem Seitental verschwindet, dann wieder in unser Blickfeld zurückkehrt, und als er schließlich nach mindestens 10 Minuten klein wie ein Punkt hinter einer Bergflanke verschwindet, hat er immer noch nicht Kato Horio erreicht.
Den Weg müssen wir gehen, prost Mahlzeit! Das sind mindestens 1 ½ bis 2 Stunden. Nicht, dass wir Angst hätten, das nicht zu schaffen. Aber es ist 16 Uhr. Seit 10 Uhr heute Morgen sind wir auf den Füßen. Wir haben zwei oder drei kurze Pausen eingelegt, kaum mehr als eine halbe Stunde. Erst die 1 ½ stündige Wegsuche heute morgen und jetzt die Aussicht, all die Schleifen und Kurven, die der PKW vorfuhr, nachgehen zu müssen. Und das auf Asphalt!
Uns reicht’s. Vielleicht nimmt uns ein Wagen mit. Drei Stunden latschen wir schon über den Fahrweg. Ein Auto kam vorbei. Wenn überhaupt noch eines kommt, wenn es dann auch noch halten sollte, ist es sehr unwahrscheinlich, dass wir alle einsteigen können.
Also, weiter trotten! Nach etwa einer Stunde Asphaltstraße zweigt rechts ein breiterer Staub-weg ab. Das könnte der Weg nach Monastiraki sein. Zwar kommt die Abzweigung mindes-tens eine Stunde zu spät, es gibt kein Hinweisschild oder ein Wanderzeichen, aber die Straße verläuft nach Nord-Westen.
Wir einigen uns, auf der Asphaltstraße zu bleiben, nicht weil wir uns von ihr nicht trennen können, sondern weil sie mit Sicherheit nach Kato Horio führt und wir inzwischen soweit nach Süden marschiert sind, dass es von hier nach Monastiraki mindestens ebenso weit ist wie nach Kato Horio.
Weiter! Die Straße verläuft ein paar hundert Meter über dem Tal am Hang entlang. Es ist nach 17 Uhr und wir haben mehr als 10 Kilometer Asphalt in den Knochen. Jetzt senkt sich das Asphaltband in mehreren Serpentinen ins Tal und dort liegt Kato Horio. Endlich! Noch 20 Minuten, dann ist es geschafft!
Rudolf und ich, deren Rückstand hinter Bernd und Peter inzwischen auf etwa 300 Meter an-gewachsen ist, hören hinter uns ein Motorengeräusch. Wir winken, als der Wagen sich nähert. Der Zweisitzer mit geschlossenem Kasten hält. Der Beifahrer springt raus, öffnet die Kasten-tür und macht uns klar, dass einer vorne auf dem Beifahrersitz Platz nehmen sollte und ein anderer neben ihm im Laderaum. Ich lande hinten und setze mich auf ein paar Zementsäcke zwischen Drahtrollen und anderen Baumaterialien.
Hier ist es eng. Ich schaue mich um. Wo sollten hier Bernd und Peter Platz finden? Das wäre vielleicht das kleinere Problem. Wie können wir den beiden Bauarbeitern klar machen, dass wir Anhang haben. Die beiden sind Gastarbeiter aus Bulgarien. Sie reden in einer völlig un-verständlichen Sprache auf uns ein. Ich probiere es mit Englisch. Sie verstehen nicht die Boh-ne. Bulgarisch? Ist das nicht eine romanische Sprache? Ich klaube ein paar Brocken Italie-nisch hervor: due amici…sono a strada…possibile stopp? ... andare con questa macchina?
Die Burschen grinsen freundlich, nicken auch und brausen an Bernd und Peter vorbei. Sie haben Bahnhof verstanden. Rumänisch, nicht Bulgarisch ist die romanische Sprache, die mit dem Italienischen verwandt ist.
Rudolf unterstützt mich nicht gerade, als ich versuche, die bulgarische Crew zu bewegen, Bernd und Peter auch noch mit ins Auto zu nehmen. Während ich mir den Mund fusselig re-de, winkt er den beiden fröhlich zu. Die sind mindestens so kaputt wie wir und ob die beiden die unverhohlene Schadenfreude Rudolfs lustig finden, bezweifele ich.
Am Dorfrand von Kato Horio verzweigen sich die Straßen. Damit wir die Nachzügler nicht verpassen, steigen wir aus. Rudolf bleibt an der Kreuzung, während ich ins Dorf gehe, um für ein Taxi zu sorgen.
Eigentlich dürfte es nicht schwer sein, ein Taxi zu bestellen. Die ersten drei Personen, die ich anspreche, können kein Englisch. Aber die Frau an der Bar des Dorfes würde Italienisch spre-chen. Alles klar, Italienisch ist quasi meine zweite Muttersprache und ich rede auf sie ein, was das Zeug hält. Ich wollte das Taxi erst in einer halben Stunde und ich wäre nicht allein, son-dern mit drei Freunden unterwegs. Sie hört aufmerksam zu und versteht nichts. Aber auf dem Dorfplatz draußen vor der Tür wäre jemand, der mit weiter helfen könnte. Sie kommt hinter der Theke vor, tritt vor die Tür und ruft einem der vielen Männer, die dort den Abend verbringen, etwas zu. Ein Typ mit einem Rauschebart, der in ein langes, schwarzes Gewandt gehüllt ist, winkt mich zu sich. Das könnte der Dorfpope sein. Er kapiert sofort, was ich will, holt sein Handy und telefoniert. Vergeblich! Das Taxi, das er mir bestellen will, ist nicht frei.
Aber ich werde weitergereicht. Ein älterer Herr spricht sowohl Italienisch als auch Englisch. Er ruft seiner Frau etwas durchs Hausfenster zu. Zwei Minuten später versichert er mir, das Taxi käme, „subito“. Da tauchen Rudolf, Peter und Bernd auf. Ich erkläre die Situation und will gerade ein paar spöttische Bemerkungen zur Bedeutung des Wortes „sofort“ zum Besten geben, als das Taxi um die Ecke biegt. Der Fahrer muss in Deutschland groß geworden sein!
Wir steigen ein und sind eine viertel Stunde später in Kavoussi. Ein Anruf bei Georgina si-chert uns die dritte Übernachtung in der Pension „Mylos“ in Agios Nikolaos.
Peter nimmt dort sein Jackett mit den Flugtickets in Empfang und bald sitzen wir in einem der schönen Restaurants direkt neben dem Stadtstrand. Während des Essens schauen wir in das von Unterwasserscheinwerfern erleuchtet Meer und genießen ein wiederum vorzügliches Es-sen. Urlaub wie im Katalog! Kaum zu glauben, dass wir uns noch vor vier Stunden in den Tripti-Bergen von der Zivilisation wie abgeschnitten fühlten.