Kreta 2004 - Tag 6

Mittwoch, 20. 10. 04 - 6. Reisetag

Eigentlich steht am letzten oder vorletzten Tag der Psiloritis, der höchste Berg Kretas, auf dem Programm. Jedenfalls auf meinem. Gern möchte ich mit dem Kopf durch die Wand. Aber wir sind zu viert. Und, ich weiß, ich habe schlechte Karten. Weder gibt es eine definitive Zusage der Gruppe, dass wir diesen Berg wirklich ersteigen, noch strotzen wir am heutigen Mittwoch vor Tatandrang. Die Thripti-Berge stecken noch in den Knochen. Easy going ist angesagt.
Den Psiloritis könnten wir, wenn überhaupt, nur morgen ersteigen. Vorraussetzung wäre die Übernachtung in Anojia und der frühe Aufbruch nach Analipsi. Wenn wir dieses Unterneh-men tatsächlich morgen noch in Angriff nehmen wollten, dürften wir nach der zweistündigen Fahrt nach Tsoutsouros nur eine kurze Küstenwanderung absolvieren, um uns dann am Nachmittag erneut in unseren Fiat zu quetschen. Und zwar für 1 ½ bis 2 Stunden.
Wie gesagt, die Zeichen stehen schlecht. Heute Morgen schon hatten wir länger geschlafen. Ohne Zeitdruck frühstücken wir am Stadtstrand. Es ist schon 10 Uhr durch, als wir uns von Georgina und Lukas für dieses Jahr wahrscheinlich zum letzten Mal verabschieden und auf-brechen. Irgendwann auf der Fahrt, ich glaube, es ist zwischen Ierapetra und Ano Vianos, bemühe ich mich um einen lockeren Tonfall und frage Bernd: Und morgen auf den Psiloritis?
Seine kurze Antwort lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Ohne mich!
Damit ist das letzte Fünkchen Hoffnung, die Woche mit der Ersteigung des höchsten Berges der Insel zu krönen, erloschen. Ob die anderen mitgemacht hätten, wenn Bernd nicht die Bremse gezogen hätte? Das ist sehr fraglich. Heute Morgen strotzt niemand vor Unternehmenslust.
Wir einigen uns darauf, in Tsoutsouros zwei Tage Quartier zu machen. Heute wollen wir ent-lang der Küste in Richtung Höhlenkirche von Agios Nikitas wandern. Wenn wir nicht so weit kommen, ist das kein Beinbruch. Baden und Entspannen sind wichtiger. Morgen fahren wir nach Kapataniana und ersteigen von dort den höchsten Berg des Asteroussia-Gebirges, den Kofinas.
Die Entscheidung ist richtig. Sie bescherte uns einen erholsamen Mittwoch und mit der Be-steigung des Kofinas einen interessanten und würdigen Abschluss.
In Tsoutsouros quartieren wir uns im gepflegten Neubau des Hotels Mouratis ein. Zwei Zim-mer belegen wir und zahlen für 4 Personen und zwei Übernachtungen sage und schreibe 70 Euro. Ein Spottpreis verglichen mit deutschen Verhältnissen!
Gegen 13 Uhr brechen wir auf. Auf der Strandpromenade sehen wir, dass der Ort dabei ist touristisch durchzustarten. Neubauten schießen wie Pilze aus dem Boden. Ein großer Teil ist noch unvollendet. Eine Baustelle liegt neben der anderen. Stahlträger und Drähte ragen über-all aus dem kahlen Beton. Und dazwischen befindet sich die landestypische Idylle, die aus einem Sammelsurium von Baumaterialien und Geräten, aus Bauschutt und Abfall jeglicher Art besteht.
Stimmungsvoll auch die Uferpromenade, die durch eine Betonmauer vom grauen Kies/Sandstrand getrennt ist. Man hat Tamarisken gepflanzt. Die dünnen Stämmchen mit dem bisschen Grün in den Zweigen wirken vor den Betonfassaden der Neubauten und auf der un-gepflegten Staubstraße fast schon deplaziert.
Nach 40 Minuten sind wir in Maridaki, dem Nachbarort. Es ist kurz vor Zwei. Um überhaupt noch in der Sonne relaxen zu können, müssen wir das jetzt tun. Wir legen uns an einen Kies-strand. Steile Felsen schützen uns vor den Blicken der Einheimischen. Noch einmal können wir hüllenlos im Meer baden. Dann entspannen wir. Schnell sinkt mein Buch aus der Hand. Nach schöner, alter Sitte schlafe ich ein.
Irgendwann muss es mir kalt geworden sein. Ich wache auf. Die Felsen hinter mir werfen ihre Schatten auf den Strand. Nicht nur die Sonne ist verschwunden, meine Weggefährten haben sich auch aus dem Staub gemacht. Dafür nähert sich eine Schafsherde. Eher die Tiere mir den Rückweg einkoten, mache ich mich lieber auf den Weg. In der Nachbarbucht, hielt sich die Sonne ein viertel Stündchen länger. Dort sind die drei Ausreißer. Auch sie sind dabei aufzu-brechen.
Bernd und Peter wollen direkt zurück nach Tsoutsouros. Rudolf und ich gehen noch ein hal-bes Stündchen nach Westen, um dann umzukehren. Den Küstenabschnitt hätten wir uns spa-ren können. Reizlos! Immerhin sind wir heute 2 ½ Stunden gewandert.
Wir essen im Tavernengarten unseres Hotels und können studieren, wie die Arbeitsteilung zwischen Männlein und Weiblein hier funktioniert. Die vielleicht 70 jährige Besitzerin des Hotels erledigt praktisch alles. Schon bei der Ankunft heute Morgen scheute sie keine Mühe, uns die verschiedensten Zimmer und Appartements vorzuführen. Wahrscheinlich hielt sie uns für Kunden, die möglicherweise einmal einen längeren Urlaub mit ihren Familien bei ihr ver-leben wollten. Auch heute Abend erklärt sie uns mit ihrer krächzenden Stimme geduldig, was die Küche zu bieten hat. Dann verschwindet sie in die Küche um zu kochen. Nach 10 Minuten serviert sie uns die ersten Vorspeisen und genau zur rechten Zeit die Hauptspeise, Omelett (für Bernd), Fisch und Fleisch für uns drei.
Der werte Gatte sieht derweilen fern. Seine Hauptaufgabe scheint es zu sein, die Aktivitäten seiner rührigen Frau nicht zu stören. Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, dass er sich ein oder zwei Mal erhebt, um uns Getränke zu servieren. Das macht er so langsam und umständlich, dass jedem klar wird: Ein solcher Job ist eigentlich unter seiner Würde.
Das Essen ist ausgezeichnet. Die Dorade kostet halb so viel wie im abgelegenen Restaurant bei Palekastro und schmeckt mindestens genau so gut.
Dann will ich mir eine Zigarette anzünden. Ein zwei Glimmstängel pro Abend sind Standart. Die Schachtel Marlboro hatte ich schon auf den Tisch gelegt, als wir uns vorhin niederließen. Ich öffne sie. Und siehe da, sie ist leer! Was ist denn hier los? Ich verstehe gar nichts mehr. Mein Gedächtnis ist nicht das Beste. Aber eigentlich bin ich sicher, dass gestern Abend in Agios Nikolaos noch fast die Hälfte der Zigaretten drin war.
Es dauert, aber dann fällt der Groschen. Hier spielt mir jemand einen Streich. Verdächtiger Nummer eins ist in solchen Fällen Bernd. Aber auch Rudolf ist ein Scherzkeks. Peter ist zwar für Bonmots in allen Lagen zuständig, aber solche Nummern sind nicht sein Ding. Nicht un-zutreffend wird er am heutigen Abend von Rudolf Heiliger Peter getauft. Auf ihn tippt man nie, wenn man überlegt, wer diesen oder jenen Bockmist verzapft haben könnte.
Während ich ausspreche, wen ich verdächtige und wen nicht, beobachte ich die Gesichter der Drei. Bernd verliert nach kurzem Interesse den Spaß am Spiel. Rudolf schaut der Schalk aus den Augen. Er ist es.
Er hält mich hin. Mein Japp auf Zigaretten hat sich schon längst wieder gelegt. Irgendwann schaue ich in meine Schachtel. Und siehe da! Die Zigaretten sind wieder an ihrem Platz.
Wer glaubt, mit diesem Späßchen wäre das Spiel zu Ende, der kennt Rudolf nicht. So ein richtiger Spaßvogel kommt erst bei der siebenundvierzigsten Wiederholung in Schwung. Also fehlen am nächsten Abend wieder die Glimmstängel in der Schachtel. Ich versuche, mir mei-nen Ärger nicht anmerken zu lassen. Es dauert wieder etliche Zeit, bis Rudolf die leere Schachtel durch eine volle ersetzt hat.
Apropos, ersetzen. Rudolf hat sich bei keiner Austauschaktion von mir erwischen lassen. Dass die halbvolle Schachtel gegen die leere ausgewechselt wurde und dann wieder umge-kehrt, ist eine pure Annahme von mir. Überhaupt, dass Rudolf der Übeltäter wäre, ist ebenso eine reine Vermutung. Wenn Bernd oder Peter mir die Streiche gespielt hätten, wäre aller-dings die schauspielerische Leistung der Drei oskarverdächtig.

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