Kreta 2004 - Tag 7

Donnerstag, 21.10.04 - 7. Reisetag

Schon die Fahrt nach Kapetaniana ist ein Erlebnis. Manche Straßen auf Kreta sind nicht viel anders als deutsche Straßen. Andere vermitteln ein Gefühl, das ich auch in abgeschiedenen Teilen Mitteleuropas so nicht kennen gelernt habe. Man fährt über Berge, man durchquert Schluchten, kaum ein Baum oder Strauch wächst hier, braun und grau, karg und menschenleer ist es, und ich habe das Gefühl, dass hinter der nächsten Kurve entgegen aller Information der Straßenkarte das Asphaltband im Sande ausläuft, weil wir am Ende der kretischen Welt ange-kommen sind.
Etwas von dieser Einsamkeit verspüre ich schon, als wir über Mesochorio und Pirgos in die Messara-Ebene nach Charakas fahren. Charakas! Das Ortsschild lässt an die Hauptstadt Ve-nezuelas denken. Ob der Name griechischen Ursprungs ist?
Als wir uns dann auf einer engen Teerstraße Serpentine um Serpentine in die Asteroussia-Berge hineinschrauben, wird die Landschaft so lebensfeindlich und leer, dass man den Stra-ßenbau für einen Schildbürgerstreich halten könnte, wüsste man nicht, dass am Ende des As-phaltbandes das Bergdorf Kapetaniana liegt.
Der Abstand zur fruchtbaren Messara-Ebene unter uns wird größer und größer. Die Dikti-Berge im Osten und der Psiloritis im Nordwesten verschwimmen im Dunst. Im zweiten Gang quält sich der Fiat durch die Berge. Fast eine halbe Stunde brauchen wir von der Ebene hier hoch, kein Fahrzeug begegnet uns, kein Mensch ist zu sehen, sogar die genügsamen Bergzie-gen scheinen hier kein Fressen mehr zu finden.
Und dann taucht jenseits des Gebirgskammes, sozusagen auf der Meeresseite der Asteroussia-Berge, ein Dorf mit 20-30 Häusern auf, Kapetaniana, der Ausgangspunkt unserer Wanderung. Anders als in Pano Elounda, das nur eine viertel Stunde von Elounda entfernt liegt, sind hier nur wenige Häuser unbewohnt und zerfallen. Die meisten werden von Bauern bewohnt, einige wurden renoviert und werden wahrscheinlich von Städtern als Saisonwohnungen genutzt. Wer die Abgeschiedenheit liebt und den Blick aus dem Bergdorf ins 800m tiefer gelegene Lybische Meer genießen kann, der kann sich hier wohl fühlen.
Wir parken am oberen Dorfrand. Man muss keine Wegbeschreibung lesen, um zu wissen, wo es hingeht. Weithin sichtbar ragt der Kofinas (1251m), der höchste Gipfel des Asteroussia-Massivs, aus den sanft gewölbten Vorgebirgsgipfeln heraus. Keine Vor- oder Nebengipfel verstellen den Blick oder machen ihn kleiner. Steil und spitz wie das Matterhorn streckt er seine Felsmassen in den blauen Himmel. Wie sollen wir denn da rauf kommen? Wer kein Bergsteiger ist, hält das kaum für möglich.
Gott sei Dank, gibt es eine Wegbeschreibung. Dort ist nur von einer etwa ausgesetzten Stelle die Rede. Verlassen wir uns darauf. Die Wegführung ist nicht sehr abwechselungsreich. In großen Bögen schwingt sich die Staubstraße knapp unterhalb des Gebirgskammes dem Kofi-nas entgegen. Kilometerweit ist unser Weg einsehbar. Dafür entschädigen die fantastischen Ausblicke in die Tiefe und die bizarren Felsformationen, zwischen denen die Schluchten steil zum Lybischen Meer abfallen. Je näher wir dem Kofinas kommen, umso weniger kann man glauben, dass wir Flachlandtiroler ohne jede Klettererfahrung uns an diesem steilen Brocken versuchen sollten.
Kurz vor dem Gipfelanstieg, unweit einer kleinen Kapelle, sind ein paar hundert Meter Schot-terweg in den Fels gefräst worden. Wir stärken uns. Dann schlagen wir den Weg ein, den uns an die Felswand gemalte große, rote Pfeile weisen. Sie sind eine Hilfe. Ohne die Pfeile wüss-ten wir bald nicht mehr, wie wir weiterkommen sollten.
Jetzt wird es steil. Ein stabiles Metallgeländer soll den Aufstieg erleichtern. Was soll das? Kerle wie wir, Athleten im besten Mannesalter, brauchen doch keine Gehhilfen! Noch sind wir nicht im Seniorenstift. Aber wo die Stangen nun mal da sind und es keine Zeugen gibt, können wir tun und lassen, was wir wollen. Dankbar halten wir uns fest, alle, ohne Ausnah-me.
Kurz unterm Gipfelplateau wird es kritisch. Eine 20 bis 30 Meter hohe Felsnase, eine Art Hil-lary-Stepp, muss erklettert werden. Die Kraxelei an sich dürfte kein Problem sein, jedenfalls nicht für trittsichere Bergwanderer, die sich nicht scheuen, auch die Hände zur Hilfe zu neh-men. Der Knackpunkt ist die Lage dieser Kletterpassage. Man befindet sich an einigen Stellen nur einen Schritt vom Abgrund entfernt. Wer da ins Straucheln käme, würde 70 bis 100m senkrecht in die Tiefe stürzen. Aus der Entfernung sieht es aus, als müsste man fast auf der Abbruchkante gehen. Peter hält sich für nicht ganz schwindelfrei und meint: Da müsst ihr wahrscheinlich allein hoch. Aber ich schau mir das mal an.
Aus der Nähe wirkt die Stelle nur noch halb so gefährlich. Es dauert kaum fünf Minuten, da stehen wir schon auf dem Gipfelplateau, auch Peter. Ein mulmiges Gefühl hätte er schon ge-habt, erzählt er später, aber schon beim Abstieg wäre er entspannter gewesen. Hier schießen wir einige Fotos. Auf den Bildern wirken wir, auf dem ausgesetzten Felssporn stehend, so kühn und verwegen, dass Pickel, Kletterseile und sonstige Utensilien eigentlich die angemes-sene Ergänzung gewesen wären.
Windzerzauste Kiefern ducken sich auf dem schrägen Gipfelplateau. Wir statten einer kleinen Kapelle mit schöner Malerei einen Besuch ab. Eigentlich könnten wir jetzt die wunderschöne Aussicht über halb Kreta und das Lybische Meer mit dem Kloster Koudouma direkt unter uns genießen, wenn nicht ein mittelgroßer schlanker Hund unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen würde. Ängstlich kommt das hellbraune Tier auf uns zu. Wenn wir eine schnelle Be-wegung machen, weicht er sofort ein paar Schritte zurück. Ein echter griechischer Hund, der hat schon einiges erlebt!
Mit Hunden, überhaupt mit Tieren, habe ich wenig am Hut. Aber seit Karpathos betrachte ich mich als Experte für zugelaufene griechische Hunde. Damals, rede ich mir ein, habe ich Salet-ti (so wurde er von mir wegen seines Hungers auf die gleichnamige Aldi-Wurst getauft) vor dem Verdursten bewahrt, weil ich die Idee hatte, eine Plastikwasserflasche durchzuschneiden, damit der arme Hund daraus trinken konnte. Von unserem Wasserangebot machte Saletti reichlich Gebrauch.
Der Hund hier auf dem Kofinas ist etwa die gleiche Promenadenmischung, ebenfalls sehr schlank und genauso ängstlich. Gott sei Dank, ist er an einen Experten geraten, der ruckzuck das überflüssige Mineralwasser trinkt, der Flasche mit dem Schweizer Messer zu Leibe rückt und dem Hund einen halben Liter Wasser in einem Gefäß anbietet, in das er seine Schnauze stecken kann. Ein perfekter Service!
Die Aktion hat nur einen Schönheitsfehler: Der Hund ist nicht durstig! Höflich schleckt er ein paar Kubikzentimeter - schließlich will er seinen Gastgeber nicht enttäuschen- aber dann lässt er vom Wasser ab.
Wer meint, ich hätte mein Pulver verschossen, unterschätzt meine Liebe zu kretischen Hun-den. Ich habe einiges im Repertoire. Zweiter Versuch! Ich hole die letzten 10 Zentimeter der ein Kilogramm schweren Aldi-Salami heraus und zerschneide sie mundgerecht. Wie sein Art-genosse aus Karpathos ist der Hund verrückt nach Wurst. Er vergisst, wie sehr er uns noch vor ein paar Minuten gefürchtet hat, und springt nach jedem Stückchen, das ich fallen lasse, so hoch, dass er es mir fast aus der Hand reißt. Jegliche Distanz ist futsch.
Hungrig scheint er zu sein. Als wir nach einer guten halben Stunde den Gipfel des Kofinas verlassen, rechne ich damit, dass er uns folgt. Ein paar Schritte geht er auch mit, bleibt dann aber unschlüssig stehen und schaut uns nach. Wir klettern den Hillary Stepp hinunter. Sie erscheint uns nur halb so gefährlich wie beim Aufstieg.
Ich gucke zurück. Wer steht da oben einsam auf dem Felssporn und verfolgt aufmerksam un-seren Weg abwärts? Der Hund! Ich hätte gewettet, dass er uns jetzt bis zum Parkplatz von Kapetaniana auf den Fersen bleiben würde. Die Wette hätte ich verloren. Ein paar Minuten steht er noch da oben, irgendwann ist er verschwunden. Das Tier zieht es vor, auf dem Gipfel zu bleiben. Zu gern hätte ich erfahren, wie er dort überlebt. Wenn ich demnächst vorbeikom-me, werde ich ihn fragen.
In Kapetaniana schauen wir bei den Schuschniggs vorbei, die in diesem abgeschiedenen Dorf seit mehr als zehn Jahren die Pension Kofinas betreiben. Frau Schuschnigg ist allein zu Haus, ihr Mann ist unterwegs und von anderen Gästen hören und sehen wir nichts. Wir bestellen ein Bier. Nachdem die vielleicht vierzigjährige Österreicherin beschlossen hat, uns nicht für Sit-tenstrolche zu halten, setzt sie sich zu uns. Sie erzählt von den kalten und windigen Winter-monaten, von dem langen Sommer, in dem aber nur zwei, drei Monate lang ihre Pension gut besucht ist, von den beschränkten Einkaufsmöglichkeiten, den Schwierigkeiten zum Arzt zu kommen und einiges mehr.
Ich bin aufdringlich und frage: Aber Sie haben es doch nicht bereut, sich hier niedergelassen zu haben?
Das nicht, lautete ihre Antwort, aber irgendwann will ich mit meinem Mann wieder zurück in die österreichische Heimat.
Ich hatte den Eindruck, dass die Schuschniggs ihre Pension hoch oben in den Asteroussia-Bergen nicht mehr als den großen Wurf betrachten.
Wir kommen nicht ins Haus. Wir sehen nur das Äußere, den Vorgarten und die Terrasse. Da hätte man mehr draus machen können!
Dieses einfache Berghaus lockt keinen deutschen Durchschnittsverdiener, hier einen einwö-chigen Wanderurlaub zu verbringen. Unser Kretaführer widmet der Pension mit ihrem Wan-der- und Kletterangebot eine halbe eng bedruckte Seite. Lobend erwähnt wird die gute Küche Gunnar Schuschniggs. Über die Zimmer und Sanitäranlagen verliert der Autor, Eberhard Foh-rer, kein Wort. Man kann daraus Schlüsse ziehen oder auch nicht.
Vorgestern Abend hatte ich in Agios Nikolaos angeregt, in den letzten zwei Tagen bei den Schuschniggs Quartier zu machen. Die drei fanden die Beschreibung nicht verlockend. Was wir heute Nachmittag sehen, bestätigt ihre Gefühle. Recht hatten sie.
Gestern Abend waren wir mit dem Abendessen im Mouratis wirklich zufrieden. Für mich ist es eigentlich abgemacht, dass wir auch heute Abend unserer Zimmerwirtin, die gleichzeitig auch Chefin des Restaurants ist, die Ehre geben. Aber nicht für Rudolf. Wie schon Georgina aus Agios Nikolaos leidvoll erfahren musste, ist Rudolf alle Pietät gegenüber älteren, gastge-benden Wirtinnen fremd.
Och ne, doch nicht wieder hier, meint er, lasst uns doch mal schauen, was der Ort zu bieten hat!
Nachdem wir gestern auf unserer Wanderung fast die ganze Strandmeile hin und zurück abge-laufen waren, stand für mich eigentlich fest, dass Tsoutsouros kein Ort ist, wo jemals der Bär los gewesen wäre. Und speziell für diese Jahreszeit gilt: Hier ist tote Hose.
Es reizt wenig. Aber Rudolf streunt gerne. Bernd, Peter und ich sind freundliche Menschen. Wir tun ihm den Gefallen und landen am östlichen Ortsende vor zwei Restaurants, auf deren Terrassen eine Menge leerer Tische und Stühle stehen. Die Tavernen sind geöffnet, zwei oder drei Tische sind jeweils besetzt.
Vor einer Gaststätte studieren wir die Speisekarten. Da begrüßt uns ein Mann, wie sich her-ausstellt der Wirt und Pächter des Restaurants, und fragt, ob er uns zu einem Ouzo oder Raki einladen dürfe.
Die Situation ist witzig. Wir stehen draußen, unten auf dem Bürgersteig, und der Wirt befin-det sich auf einer 1,50 Meter höher gelegenen Terrasse. Natürlich ist das Werbung, recht ori-ginelle sogar, aber wir wollen nicht verpflichtet sein, hier zu essen, nur weil wir dem Gratis-fusel nicht widerstehen können.
Wir lehnen dankend ab. Der Wirt weiß sofort warum: Sie könne das Angebot ruhig anneh-men. Wenn wir den Schnaps zusammen getrunken haben, gehen Sie ruhig weiter. Das ist kein Trick. Ich biete ihnen die Getränke an, weil es mir Spaß macht, mit Ihnen anzustoßen. Tun Sie mir bitte den Gefallen!
Es sind weniger die Worte, als die Art, wie er sie in einem deutsch-englischen Mischmasch vorträgt, die mich beeindruckt. So ein Grieche kann schon eine Menge Charme versprühen. Wir können nicht widerstehen und willigen ein. Der Wirt reicht uns die Schnäpse von oben herab, wir stoßen an und kippen das Zeugs hinunter. Ob er nachschütten dürfe, fragt unser Gastgeber.
Nein, nein! Der Wirt sammelt die Gläschen wieder ein, bedankt sich und, ohne auch nur den allerkleinsten Versuch zu machen, uns zum Abendessen zu überreden, verabschiedet er sich. Damit hat er gewonnen.
Wie aufdringlich werben Kellner und Wirte in Griechenland häufig um ihre Gäste! Was die-ses Metier angeht, ist unser Mann eine absolute Spitzenkraft.
Vielleicht wird hier ähnlich gut gekocht! Wir betreten die Terrasse. Lächelnd heißt uns der Wirt willkommen. Wahrscheinlich wäre er nach den Schnäpsen jede Wette eingegangen, dass er uns an der Angel hatte. Erst serviert er am Nachbartisch, dann setzt er sich zu uns.
Er hätte alle Zeit der Welt, sagt er, um uns zu erklären, was seine Küche zu bieten habe. Tat-sächlich nimmt er sich mindestens ein Viertel Stunde Zeit, um Speisen bzw. ihre Zubereitung zu beschreiben und die Bestellung aufzunehmen. Dann zieht er sich in die Küche zurück und ist der Koch.
Die Vor- und Hauptspeisen, die er serviert, sind vorzüglich und die Rechnung, die er uns spä-ter präsentiert, ist außerordentlich niedrig. Für alles, inklusiv Getränke, zahlen wir nicht ein-mal 50 Euro. Ich habe das Gefühl, dass wir in einem deutschen Restaurant nur für die vielen Ouzos und Rakis, die uns der Chef dann auch nach dem Essen spendiert, fast schon das Glei-che bezahlt hätten.
Wir sind die letzten Gäste. Wir gehen die vergangene Wanderwoche durch und unterhalten uns gut. Noch interessanter wird es, als sich der sympathische Grieche zu uns setzt und aus seinem Leben erzählt. Allein die Ortschaften und Inseln, in denen er als Koch oder Restau-rantbesitzer tätig war! Wie wir ihn hier lebhaft und witzig erleben, kann man sich vorstellen, dass er ein höchst abwechselungsreiches, aber auch aufregendes Leben führte und führt. Der Herzinfarkt, von dem er erzählt, geht wahrscheinlich auch auf das Konto des Stresses, der unter solchen Umständen nicht ausbleibt.
Das ist unser letzter Abend auf Kreta. Die Erzählungen unseres Gegenüber vermitteln den Eindruck, etwas vom wirklichen Leben auf Kreta zu hören. Ein passender Abschluss.

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