Wanderung auf Kreta - Herbst 2004

mit:
Bernd, Peter,
Rudolf und Walter
(im Gedenken an Willi, der eigentlich mitwollte, aber kurz vorher krank wurde)

 

Planung

Eigentlich wollten wir nach Zypern. Aber in den Herbstferien gab es keinen Flug nach Pafos oder Larnaca, der auch nur halbwegs in unseren Zeitrahmen gepasst hätte.
Also entschieden wir uns für Kreta, die andere große Mittelmeerinsel, die uns den Sommer im mitteleuropäischen Herbst versprach. Vor vier Jahren waren wir schon mal zum Wandern an der Südküste. Paleochora, Sougia, Hora Sfakia, Loutro, die Aradhena-Schlucht, Plakia der Palmenstand von Prevelli und nicht zuletzt das 24 Grad warme Lybische Meer, aus dem sich die Weißen Berge über zweitausend Meter hoch erhoben, hatten es uns angetan. Warum nicht noch einmal Kreta? Schließlich ist diese Insel fast 300 Straßenkilometer lang! (Auch wenn Willi das nicht wahrhaben will.) Da müsste es doch eigentlich Strandwanderungen und Ba-demöglichkeiten in Hülle und Fülle geben, die wir bisher noch nicht kennen gelernt haben!
Für mich tat sich zusätzlich eine interessante Perspektive auf. Mein wie immer großzügiges Weib hatte mir sogar zwei Wochen Urlaub eingeräumt. Und Rudolf wollte auch so lange bleiben. Wenn wir also Willi, Bernd und Peter nach einer Woche in Richtung Heimat entlas-sen hätten, wäre es möglich gewesen, noch einmal richtig durchzustarten. Zum Beispiel hät-ten wir den Pachnes ersteigen können, den Psiloritis, den Gingolos, eben Wanderungen und Ziele für Kerle wie Rudolf und mich.
Hätten…, könnten…, wollten… Einen Tag bevor Bernd den Flug nach Heraklion buchte, klingelte mein Telefon. Rudolf war am Apparat.
„Walter“, erklärte er etwas bedrückt „ ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, aber ich kann nur eine Woche. Du weißt ja, die Christa ist schon länger krank. Und als ich ihr von unserem Plan erzählte, 14 Tage zu wandern, hat sie mich ganz traurig angeschaut. Sie möchte nicht so lange allein bleiben.“
Gut, dass Rudolf nicht sah, wie traurig ich jetzt guckte. Aber mit Christas Krankheit sollte man nicht spaßen. Natürlich hatte ich vollstes Verständnis, auch wenn man sagen muss, dass manche Frau erst richtig aufblüht, wenn der Gatte ihr längere Zeit nicht auf die Nerven geht.
Bernd buchte die Flüge und ich konnte in die Planung einsteigen. Wanderführer zu wälzen und Karten zu studieren, gehört bekanntermaßen zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, erst recht wenn ich die Tour hundertprozentig nach meinem Geschmack gestalten kann. Dazu ge-hört natürlich der 12 bis 14 Kilogramm schwere Rucksack, das 6 Tage lang getragene Wan-derhemd, der spezielle Duft desselben, Hüttenübernachtungen und last but not least Wande-rungen, die auch ein, zwei Mal an die Schmerzgrenze gehen.
So etwas ist natürlich nicht jedermanns Geschmack! Vor allem Willi und Bernd mögen es gemütlicher. Auf Bernd, der sich noch von den Nachwirkungen einer ernsten Krankheit erhol-te, musste besondere Rücksicht genommen werden. Da ging kein Weg dran vorbei.
Der schwere Treckingrucksack kam eigentlich nicht in Frage. Ein Tagesrucksack für zwei Litern Wasser, Wurst und Brot, für Badehose und Handtuch, deutlich weniger als 1000 Hö-henmeter pro Tour, Mittagspausen am Strand, Wanderwege, die wir noch nicht kannten, Un-terkünfte, in denen man nicht auf jeden Komfort verzichten musste, das müssten, meinte ich, die Eckpunkte einer Planung sein, auf die wir uns einigen könnten
Nach dem Studium des Kreta-Bandes aus dem Michael-Müller-Verlag und des Wanderfüh-rers „Kreta“ vom Bruckmann-Verlag kristallisierte sich ein Konzept heraus. Tageswanderun-gen an der Südküste, die wir noch nicht gemacht hätten, gab es kaum. Im Nordwesten wurden nur zwei attraktive Küstenwanderungen beschrieben. Also blieb der Ostteil der Insel mit den Standorten Agios Nikolaos, Paleokastro und Tsoutsouros. Von dort aus ließen sich 4 Rund-wanderungen unternehmen, bei denen wir mittags baden konnten. Bei zwei attraktiven Wan-derungen in Küstennähe gab es zwar den Blick aufs Meer, aber nicht die Bademöglichkeit
Die erste Wanderung sollte von Elounda nach Plakia und eventuell weiter zum Kap Agios Johannis führen. Am zweiten und dritten Tag könnten wir zwei Schluchtenwanderungen durch die Chochlakies Schlucht und das Tal des Todes bei Kato Zagros unternehmen. Dann gab es die Möglichkeit von Kavoussi aus in die Thripti-Berge zu marschieren, um nach dem Standortwechsel zu den Asteroussia-Bergen eine weitere Küstenwanderung von Tsoutsouros zum Kloster Agios Nikitas durchzuführen.
Meine Vorschläge für die ersten 5 Tage wurden, als wir uns ein paar Wochen vor Urlaubsbe-ginn trafen, zunächst wohlwollend kommentiert und diskutiert. Sogar der Rundweg durch die Thripti-Berge wurde akzeptiert, obwohl die 720 Höhenmeter und eine 6-stündige Wanderzeit, die der Wanderführer angab, kein Pappenstiel sind.
Es gab keine Kontroversen, bis ich mit meinem letzten Vorschlag herausrückte, nach meinem Dafürhalten dem absoluten Highlight unseres Unternehmens „ Am letzten Tag“ erklärte ich „ würde ich gerne den höchsten Berg Kretas, den Psiloritis ersteigen. Er ist 2456 m hoch, aber relativ leicht zu machen, weil…“ Ich weiß nicht, ob ich mit meinen Ausführungen soweit kam, denn Willi fuhr mir sofort in die Parade. „Wie willst du denn da hoch?“ fragte er mit unverblümter Skepsis. Ich erklärte: „ Die Wanderung soll circa 8 Stunden dauern. Es müssen 1100 Höhenmeter überwunden werden, wenn man früh aufbricht, sollte das kein allzu großes Problem sein. Die Besteigung ist sicherlich anstrengend, aber längs nicht so schwer wie z.B. die Besteigung des Pachnes (2454m) oder des Diktis (2148m). Analipsi, der Ausgangspunkt der Psiloritis-Route, liegt nämlich 1353 m hoch und ist von Anochia aus mit dem Auto in ei-ner halben Stunde zu erreichen.“
Nach meinen Ausführungen bröckelte die Ablehnungsfront. Das war ein etwas kühneres Un-ternehmen! Ein Hauch von Abenteuer lag in der Luft. Aber natürlich - oder besser leider - rührte sich der gesunde Menschenverstand. Schaun wir mal, hieß es, wie wir nach dem fünf-ten Tag drauf sind, dann können wir immer noch entscheiden! Wie wahr!
Realistisch betrachtet musste schon ein kleines Wunder geschehen, wenn sich Bernd nach seiner gerade überstandenen Krankheit, ein solches Unternehmen mit Recht hätte zutrauen können. Und Trainingsfleiß, um ausdauernder zu werden, gehört ja bekanntermaßen auch nicht zu seinen Tugenden! Und ob Willi seine Einstellung, dass er Urlaub machen und sich nicht quälen wolle, bereit wäre, mal für einen Tag ad acta zu legen, stand auch noch in den Sternen.
Fakultativ hatte ich eine Wanderung zu den Asterussia-Bergen ausgesucht. Da gab es mehrere Möglichkeiten, z.B. konnte man den Kofinas besteigen.
Rudolf scheute sich nicht, seine Bildungslücke bloßzulegen. „Fakultativ, wat soll denn dat sin?“ Der Arme hatte kein Latein gelernt, war auch sonst nicht viel klüger geworden. Wir waren so gnädig, es zu erklären.
Also, die Tour stand. Fünf Etappen wurden ohne Widersprüche akzeptiert und am 6. Tag mussten wir uns vor Ort für eine Alternative entscheiden. Ebenfalls geklärt war, dass wir je-weils 2 Tage in Agios Nikolaos, zwei Tage im äußersten Osten, in Kato Zagros oder in Pale-okastro, und zum Schluss an der Südostküste Quartier machen wollten. Eigentlich war alles klar.
Aber ich hatte ja in meinen Vorbemerkungen angekündigt, zwei Touren ausgearbeitet zu ha-ben. Und es reizte mich, den Vieren eine anstrengende, weniger komfortable Südküsten-Route vorzustellen, die man nur ohne Auto, aber mit schwerem Wanderrucksack gehen konn-te. Dabei müssten zwei Gipfel in den Weißen Bergen bestiegen werden, es ging durch die Samaria-Schlucht ans Lybische Meer, von Agia Roumeli nach Loutro, durch die Aradhena–Schlucht nach Anopoli und Hora Sfakia und zum Schluss durch die Imbros-Schlucht bei Hora Sfakia. Eine meiner Meinung nach interessante Alternative zu den Tagestouren im Osten! Ich stellte sie im Schnellverfahren vor, denn er gab zu wenig Bade- und zu unkomfortable Über-nachtungsmöglichkeiten, als dass diese Südküstenroute als wirkliche Alternative angesehen würde. So war es. Die Diskussion war kurz und die Ablehnung einhellig.
Peter sollte sich, wurde weiter festgelegt, um den Mietwagen kümmern und ich mit Hilfe von Adoni um die ersten zwei Übernachtungen in Agios Nikolaos. Adonis rief zwei Wochen vor unserer Abreise in der Pension Mylos an. Er hatte die Wirtin, Frau Georgina Gialitaki, am Apparat. Sie erklärte, natürlich habe sie ein Zimmer für zwei Personen und ein anderes für drei. Kein Problem!
Adoni wollte für uns das Beste rausholen: Er hätte viele deutsche Freunde, die Kreta und A-gios Nikolaos besuchen wollten. Wenn wir fünf zufrieden wären, würde er die Pension Mylos weiterempfehlen.
Aber Liebling, säuselte Georgina, deine Freunde bekommen die allerbesten Zimmer, sauber, modern und mit einem wunderschönen Blick auf den Golf. Sie werden sich sehr wohl fühlen bei mir.
Was die Zimmer kosten würden, erkundigte sich Adonis auftragsgemäß.
Aber Liebling, warum reden wir über Preise, Hauptsache deinen Freunden geht es gut und sie sind zufrieden!
Da stimmte schon, aber meine Freunde wollten trotzdem den Preis wissen.
Eigentlich, beteuerte Georgina, nehme ich 32,50 Euro für ein Zimmer, aber für dich und dei-ne Freunde, Liebling, mach ich’s billiger… Sagen wir 30 Euro, ist das recht so, Liebling?
„Liebling“ fragte mich, ich nickte, und der Deal war perfekt.
Die hat Haare auf den Zähnen, meinte Adonis, nachdem er aufgelegt hatte, aber wahrschein-lich nicht übel!
Schaun wir mal, dachte ich, und alles wäre in Ordnung gewesen, wenn sich Willi nicht kurz vor der Abreise eine Erkältung eingefangen hätte, die sich zu einer zünftigen Nebenhöhlen-entzündung entwickelte. Am Mittwoch, zwei Tage vor der Abreise, fing er mit einem Anti-biotikum an, aber es schlug nicht an und am Freitag fühlte er sich eher noch kränker.
Ans Mitreisen war nicht zu denken. Eventuell wollte er am Sonntag oder Montag nachkom-men, wenn er einen passenden Flug fände und es ihm besser gehen würde. Sehr hoffnungsvoll klang das nicht.

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